Mo, 28.05.2012 / Archiv / Malerei
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Magische Blicke dominieren die Frühjahrsausstellung in der Johanniterkirche in Feldkirch. Die deutsche Künstlerin Hanna Nitsch präsentiert mit dem Werkzyklus "Elisabeth" großformatige Kinderporträts. Es geht dabei aber keineswegs nur um reizende Kinderbilder, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Hanna Nitsch kratzt an der Oberfläche und setzt sich mit dem Widerspruch von Schrecken und Schönheit im menschlichen Wesen auseinander.

Hanna Nitsch, geb. 1974 in Freiburg im Breisgau, arbeitet mit Tusche auf Papier. Sie malt ihre eigenen Kinder Cäcilia (12), Aaron (9) und Elisabeth (8). Ein außergewöhnlicher Zugang. "Es geht mir nicht darum, meine Kinder darzustellen", erklärt Hanna Nitsch. Die Arbeit in ihrem Atelier in der Wohnung in Braunschweig ist Teil des Familienalltags. Für die Kinder sei das künstlerische Leben etwas Selbstverständliches, ein Spiel mit Rollen, Masken und Verkleidungen. "Sie erleben den ganzen Prozess sehr eng mit, von der Idee bis zum fertigen Bild. Sie sehen, dass es ein Produkt ist, eine Inszenierung von Farbe auf Papier und nicht ein Abbild. Sie selbst haben das geringste Problem damit."

Kurator Arno Egger ist durch einen Bericht in einer Kultursendung des Deutschen Fernsehens auf die Künstlerin aufmerksam geworden. "Ihre großformatigen Kinderporträts haben mich angesprochen, diese Kindergesichter in ihrer realen Malweise mit der grellen Farbigkeit haben sofort eine Faszination ausgelöst. Es gibt einen Kontrast in den Bildern, einerseits das Einladende, das Unschuldige der Gesichter, andererseits das Verstörende und Abschreckende in den Blicken, die dich durchdringen."

Für Feldkirch hat Hanna Nitsch eine serielle Arbeit konzipiert. Sieben Bilder von Elisabeth, ihrer jüngsten Tochter. Durch die Wiederholung tritt die Kinderfigur in den Hintergrund, der Charakter des Werks wird abstrakter. In diesem Werkzyklus geht es im Gegensatz zu früheren Arbeiten nicht mehr so sehr um die Figur in Aktion, sondern um ihren Wandel durch die Vervielfältigung, um das Spiel mit der Individualität und deren Auflösung.

Sechs Bilder der Serie platziert Hanna Nitsch im Hauptschiff der Johanniterkirche in einem Raum im Raum. In einer Holzkonstruktion als Vermittler zwischen Bild und dem realen Kirchenraum. Die Kinderaugen schauen den Betrachter direkt an, nehmen Kontakt auf. Im ersten Moment funktioniert das aus der Werbung bekannte Kindchen-Schema. Die voyeuristische Oberfläche. Doch dieses Versprechen der heilen Welt wird nicht eingelöst. Der zweite Blick geht tiefer. Das Bild kippt vom Schönen ins Hässliche, vom Guten ins Böse. Hanna Nitsch stört die eingefahrenen Sehgewohnheiten. Das geht ins Herz. "So funktionieren doch viele gesellschaftliche Phänomene. Außen ist es glatt und schön, dahinter brodelt es. Auch in der Kirche. Um diesen Widerspruch zu darzustellen, eignet sich das Kinderthema."

In direkter Verbindung zur Elisabeth-Serie steht die Installation "Narziss" in der Apsis, wo der Betrachter im Spiegel mit seinem eigenen Blick konfrontiert wird.

In der Sakristei endet der Zyklus mit einem freigestellten Elisabeth-Bild. Kurator Arno Egger: "Du siehst die Bilder und kannst sie nicht mehr vergessen, da sie eine Reaktion in dir auslösen. Und diese hat wahrscheinlich etwas mit deiner eigenen Geschichte zu tun, vielleicht mit der Geschichte deiner Kindheit, vielleicht mit deinen Kindern. Oder es wirkt einfach nur das Kunstwerk. Dies darf jeder für sich klären."

6. April bis 2. Juni 2012
Di bis Fr 10 - 12 Uhr
und 15 - 18 Uhr
Sa 10 - 14 Uhr

Johanniterkirche
Marktgasse 1
A-6800 Feldkirch



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Foto: (c) Marc Lins
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Foto: (c) Marc Lins
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Foto: (c) Marc Lins
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Foto: (c) Marc Lins