verfasst von Haimo L. Handl / 21. September 2008 - 7:42 / Wort zum Sonntag
logo wort-zum-sonntag

Verschiebungen des Rechts sind oft Ausdruck einer Rechtsverschiebung als Rechte-Verschub, wenn wir unter "rechts" nicht nur das Konservative, sondern auch das Extreme meinen, wie es sich im Unrechtlichen äussert, dem Faschistoiden einerseits, wie ganz offen in Italien oder dem bedenklich Willkürlichen bzw. Nichtrechtsstaatlichen, wie bei uns (Polizeiterror, Datenhandel etc.) bzw. unserem grossen Nachbarn Deutschland. In einer Grauzone von Rechtsverdrehungen treffen sich linke wie rechte Rechtsverschieber. In der Wirtschaft, in der Politik, in den Medien.

Vor Kurzem blieb ein harmloser Scherz eines sogenannten "Crazyphones" aber nicht Angelegenheit zwischen Anrufer und Angerufener, sondern fand, natürlich, sofort den Weg in die Öffentlichkeit: Jochen Krause, ein Stimmenimitator eines Provinzradiosenders rief die hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti an und gab sich glaubhaft als Franz Müntefering aus. Erst nach Ende des ca. siebenminütigen Gesprächs gab er sich zu erkennen. Frau Ypsilanti verweigerte die Veröffentlichungszustimmung. Trotzdem tauchte das Gespräch sofort im Internet auf.

Während ein Medienmob ob der "Blamage" sich "abhaut" und voller Schadenfreude brüllt, versuchen viele andere es ganz normal zu finden, dass man "harmlos gefoppt" wird. Niemand, soweit ich das in den Medien nachvollziehen konnte, sieht schon in der als Fopperei verharmlosten Täuschung eine Rechtsverletzung, einen Betrug, der nur hintennach in seinen Auswirkungen oder hinsichtlich seiner medialen Verwendung verändert wird, wenn die Zustimmung zur Veröffentlichung eingeholt wird. Meist geben die Opfer ihre Zustimmung, weil die peinliche Entblössungskultur solches Unterfangen als Unterhaltung verlangt. Die Allgemeinheit fordert, dass das Opfer sich bedanke, als Oper mitmachen zu dürfen. Geistige Büttel der Verhöhnung kaschieren das als Gag einer Spasskultur. Wer nicht mitmacht, ist von vorgestern oder hat was zu verbergen. Auch wenn es üblich geworden ist, solche Täuschungen hinzunehmen, ändert das nichts an der Tatsache der Täuschung.

Einige immerhin attestierten Frau Ypsilanti nicht Naivität, sondern normale seriöse Gesprächsannahme und -bereitschaft. Dass das zur Blamage werden kann, zeigt die Umdrehung von Werten. Dreckschweine agieren als Wölfe im Pelz und brunzen andere an, die sich dann entschuldigen müssen. Und das Volk klatscht!

Je mehr Leute ihre niedere Gier der Schadenfreude oder des miesen voyeuristischen Blicks in den üblichen Fernsehsendungen befriedigen können, desto mehr verschiebt sich die Grenze zur Verletzung von Persönlichkeitsrechten, desto niederer fallen noch etwaige Hemmschwellen. Vermeintliche Künstler arbeiten als Täuscher an einer steten Verunsicherung und damit Aushöhlung des Rechtsempfindens und höhnen dabei noch jene, die sie "dran kriegen".

Das zeigt sich auch im Sozialen. "Schauspieler" agieren im öffentlichen Raum. Prügeln jemanden, vergewaltigen scheinbar jemanden, beschimpfen Leute, inszenieren einen Handtaschenraub usw. Alles wird gefilmt und dann in Sendungen als Blossstellung der naiven, ignoranten, dummen Bevölkerung verhökert. Doch jene, die als solche Undercover Agents provozieren, unterminieren das Rechtsempfinden und stärken just jene Abwehr, jenes Wegschauen, das sie vorgeblich kritisieren, wovon sie aber selber ihr Geschäft machen.

Wenn Sie einmal, zweimal, dreimal "erfahren", dass der Streit inszeniert war, weil man Ihre Reaktion testen wollte, dass überall eine "versteckte Kamera" lauert, die die Peinlichkeit aufzeichnet um einem geilen Publikum zu verkaufen, dann werden Sie nächstes Mal wegsehen oder sich nicht einlassen. Es sind ja Inszenierungen.

Wenn morgen Kahlgeschorene in Springerstiefeln brüllen, dann sind es nichts Rechtsradikale, sondern ein Werbetrupp für einen Schlingensief oder sonstigen Paradeprovokateur, der für die "gute Sache" aufmerksam macht, zB eine neue Wagnerinszenierung am Südbahnhof. Oder er hält der faschistischen Mehrheit ihren Spiegel vor.

Wenn am Stephansplatz am Freitag um 15 Uhr jemand jemanden niedertritt, prügelt und brutal schlägt, ist das eine feinsinnige Kulturaktion in Erinnerung an die Leiden des Jesus Christus, oder des unbekannten Fremden, dem wir nicht Einlass gewähren usw.

Wenn in der U-Bahn ein Mann eine Frau vergewaltigt, ist das keine Vergewaltigung, sondern eine Inszenierung die aufzeigen soll, wie wir auf solche Untaten reagieren oder nicht.

Würden diese Verdreher und Verschieber weiterdenken, oder würden das die Vermittler zumindest unternehmen, die den Aufmerksamkeitskult um solche Typen pflegen und hegen, so kämen sie drauf, dass man das direkter und billiger haben kann und leider hat: es braucht keine Schauspieler, die vorgeben, Nazis zu sein, Vergewaltiger, Drogenhändler, Schläger, Räuber, Diebe usw. Das alles gibt es. Je mehr dazu aber Inszenierungen gemischt werden, ähnlich den unterhaltsamen Krimiserien im TV, desto mehr verzerrt sich die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Und wenn jemand einmal direkt getäuscht wurde, weil er einschritt und es halt doch ein Jux war, der wird "sauer" oder mit der Zeit abgestumpft nicht mehr einschreiten.

In einer geistigen Landschaft, wo solche Täuschung und Lüge zur Regel wird, hat das Offene, Authentische keine Chance. Vorgebliche Aufdecker kollaborieren mit den "echten" Tätern. Die Täuscher werden dieweil noch belohnt. Eine ganze Armada von Fernsehjournalisten folgt ihnen mit der Kamera, viele Programmteile, nicht nur bei Schickimicki-Puls4 oder anderen Kommerzsendern, auch im sich anbiedernden, zwangsfinanzierten ORF produziert diese verlogene, höhnende, dumme "Kultur".

Sollten Neonazis also als Warner vor der Gefahr für ihre Aufmärsche Kulturförderung vom Unterrichtsministerium erhalten? Ihre Gewalttätigkeit sorgt auch für Arbeitsplätze: mehr Polizei, mehr Spezialeinheiten. Eine Hand wäscht die andere. Politiker kriegen Argumente, Spezialeinheiten mehr Geld, Ausrüstung und Personal, und alles profitiert von den Inszenierungen. Und die Medien haben Stoff, ohne eigene hohe Produktionskosten.

Wenn morgen jemand Videos übers Internet verbreitet, die Dokumente von höchster Korruption in Grossbetrieben belegen, wird das nur ein müdes Lächeln hervorrufen. Das ist doch inszeniert! Die Verdunkelungsbüttel, oft im Gewand und Schutz der Freiheit der Kunst, haben mitgeholfen, inflationär die Täuschungen so zu verbreiten, dass die "echten Fälschungen" nicht mehr erkannt werden können, dass alles in einem Ähnlichkeitsbrei unterhaltsamer, foppender Crazyness einher- und untergeht.

Um die Auswirkungen dieser Kultur zu untersuchen, werden dann, natürlich in Beachtung der Genderkriterien und Multikulti-Faktoren, Forschungsinstitute eingerichtet, die teure Studien führen, deren Ergebnisse wieder in die Medien kommen und beweisen, wie viel allen an der Information und Bildung liegt.