Di, 24.05.2011 / Walter Gasperi / Filmriss
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Welches Rätsel trägt Hanna, die trotz des jugendlichen Alters schon eine richtige Kampfmaschine ist in sich? – Der amerikanische Geheimdienst beginnt jedenfalls, sobald er vom Aufenthaltsort des Teenagers erfahren hat, eine gnadenlose Jagd. – Joe Wright diskutiert im Gewand eines rasanten und sehr dichten Actionsfilms, in dem geschickt auch mit Märchenmotiven gespielt wird, die Frage nach der condicio humana.

In den verschneiten Wäldern Lapplands stört kaum ein Laut die Stille. Eine junge Jägerin (Saoirse Ronan) macht sich an einen Elch heran, schießt auf ihn mit ihrem Bogen, doch verwundet kann das Tier noch auf eine weite Ebene fliehen, wo es zusammenbricht. Die Jägerin nähert sich, zieht den Pfeil heraus und tötet den Elch eiskalt mit einem gezielten Pistolenschuss. Schon nähert sich von hinten aber ein Mann und es beginnt ein heftiger Kampf, der freilich nur zum Trainingsprogramm gehört.

Von Kindheit an hat Erik (Eric Bana) nämlich seine Tochter zur Kämpferin ausgebildet, problemlos spricht sie mehrere Sprachen und hat sich jede Menge Sachwissen angeeignet, denn sie muss auf alles vorbereitet sein. Wie Hanna freilich noch nie Musik gehört hat, kennt auch der Film in dieser Exposition keine Musik. Ohne elektrischen Strom leben Vater und Tochter in einem Waldhäuschen, das an Märchen erinnert. Verstärkt wird diese Ebene noch durch ein Buch der Brüder Grimm, das Hanna liest, sowie das Wilhelm Grimm-Haus in einem Berliner Vergnügungspark, das ihnen nach einer etwaigen Trennung als Treffpunkt dienen soll.

Denn Hanna wird langsam erwachsen, darf selbst Verantwortung übernehmen. Wie die Hündin Laika 1957 von den Sowjets in den Weltraum geschossen wurde, so wird sie mit dem Umschalten eines Senders den amerikanischen Geheimdienst anlocken und damit aus der Abgeschiedenheit in die Welt geschossen. Von ihrem Vater weiß sie, dass sie dann von der Jägerin zur Gejagten werden wird und dass es, wenn sie Marissa Wiegler (Cate Blanchett) – der bösen Hexe dieses Märchens - gegenüber stehen wird, zu einem Kampf kommen wird, den nur eine von beiden überleben wird.

Nach Einschalten des Peilsenders nähern sich auch schon bald Soldaten, ergreifen Hanna und bringen sie in eine an einem unbekanntem Ort gelegene Bunkeranlage. Wiegler will ihr nicht gegenüber treten, lässt sie durch ein Double verhören, das Hanna tötet und dann durch das unterirdische Gangsystem flüchtet, um schließlich in der marokkanischen Wüste an die Oberfläche zu gelangen.

Jetzt muss der Teenager freilich lernen wirklich in der Welt zurechtzukommen. Sein theoretisches Wissen erweist sich bald als wenig hilfreich, fehlen Hanna doch alle Erfahrungen. Eine flackernde Neonröhre irritiert sie da ebenso wie eine Fernsehsendung oder ein pfeifender Teekocher. Und überhaupt nicht zurecht kommt sie mit anderen Menschen. Das wird nicht nur beim Kontakt mit einer Urlauberfamilie deutlich, in deren VW-Bus sie von Marokko nach Spanien mitreist, sondern auch bei einem Flirt mit einem jungen Spanier: Die biologischen Vorgänge bei einem Kuss kann sie zwar exakt beschreiben, reagiert bei der dazu gehörigen körperlichen Annäherung für das Gegenüber aber höchst unerfreulich. Nichts kann Hanna mit Begriffen wie Freundschaft, Liebe oder Gott anfangen, denn sie ist nur eine gefühllose Kampfmaschine.

Was dahinter steckt und in welche Richtung die Handlung sich entwickeln wird, ist bald durchschaut, doch Joe Wright, der sich bislang mit der opulenten Jane-Austen-Verfilmung "Stolz und Vorurteil" sowie der Ian-McEwan-Adaption "Abbitte" als Stilist erwiesen hat, treibt einerseits die Actionhandlung mit großem Tempo und abruptem Schauplatzwechsel dynamisch voran und hält andererseits mit einem bestechenden Gespür für aufregende visuelle Gestaltung in Atem.

Wright reicht hier ein Autokennzeichen "HH" um eine kurze Szene in Hamburg zu verankern, in der Wiegler einen Killer auf Hanna hetzt, und mit sicherem Timing wechseln von der treibenden Musik von "The Chemical Brothers" unterstützte packende Actionszenen mit ruhigeren Momenten. Ist man bei solchen Szenen Schnittkaskaden gewohnt, so arbeitet der britische Regisseur, der in "Abbitte" mit der ersten Einstellung der Dünkirchen-Passage wohl die spektakulärste Plansequenz der letzten Jahre gedreht hat, auch hier mit langen Kamerafahrten. In einer endlosen Steadicam-Fahrt folgt hier die Kamera Hannas Vater in eine Berliner U-Bahnstation, wo er sich bald vier Gegnern gegenüber sieht.

Doch in die Actionhandlung verpackt Wright eben auch geschickt die durchgängig und immer wieder neu formulierte Frage nach dem genuin Menschlichen. Wie die Einsamkeit der Schneewüste des Beginns mit der Gefühlskälte Hannas korrespondiert, so kommt später in Marokko und Spanien in warmen Brauntönen und Flamencotanz Lebensfreude zum Ausdruck, die dem Teenager völlig fremd sind. Und langsam wird dieser Thriller so zu einer leidenschaftlichen Hymne auf die Schönheiten des menschlichen Lebens.

Von der Zweisamkeit in der Einöde führt dabei Hannas Weg in eine pulsierende Zivilisation, in der sie vielfältige Bekanntschaften und Erfahrungen macht, um dann aber wieder in einem völlig verkommenen Berlin, in dem wieder die Kälte des Beginns, nun aber durch schmutzig-verwaschene Farben evoziert, dominieren sein Ende zu finden. Da schlägt dann Wright mit dem Wilhelm-Grimm-Haus, das eine Doublette des Häuschens in den finnischen Wäldern am Beginn ist, und dem dieses Haus umgebenden Vergnügungspark im Spreewald den Bogen zum märchenhaften Anfang – bis hin zum finalen Showdown und dem roten Schlusstitel "Hanna": Am Ende steht die ins Leben Geworfene wieder als Einzelkämpferin da.

So funktioniert "Wer ist Hanna?" als packender, visuell aufregender und filmsprachlich elaborierter Actionfilm, der den Zuschauer mit der Einarbeitung von Märchenmotiven und philosophischen Fragen Ernst nimmt. – Ein Kinovergnügen, das Herz und Hirn anspricht und bei dem nur der wissenschaftskritische Akzent, der eher notdürftig abgehandelt wird, blass bleibt.

Läuft ab Donnerstag im Cinedome in Abtwil/St. Gallen und im Scala in St. Gallen


Trailer zu "Wer ist Hanna?"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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