Sitzenbleiben

04.10.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Zu Beginn eines jeden Schuljahres ereignen sich für viele Dramen. Manche schaffen die Wiederholungsprüfungen nicht und müssen die Klasse wiederholen. Ökonomen rechnen vor, wie viele Millionen an Mehrkosten dies verursacht. Nicht zuletzt aus finanziellen Gründen sucht man verzweifelt nach Mitteln, die Zahl der Wiederholer drastisch zu senken.


Wie üblich werden dabei nicht oder weniger die persönlichen Gründe untersucht oder die des unmittelbaren sozialen Umfeldes, der Familie also, sondern die Schulen und ihr Unterrichtsprogramm, die Arbeit der Lehrer bzw. überhaupt der Lernstoff werden wieder und wieder beäugt.

Vordergründig sozial eingestellte, die sich vor allem bei caritativ und grün Denkenden finden, meinen, man solle die Zeugnisse abschaffen und später eine Gesamtbewertung abgeben oder, wenn man schon Zeugnisse ausstellt, soll man trotz ungenügender Leistung aufsteigen. Das käme am Billigsten und senkte die Kosten.

Bei unserem Nachbarn Deutschland z. B. legt die Bertelsmann-Stiftung eine Studie vor, die belegt, dass Deutschland fast eine Milliarde Euro verpulvert mit seinen Sitzenbleibern. Und auch diese Politökonomen strapazieren die Ansicht, dass Sitzenbleiben pädagogisch unsinnig und sogar wirkungslos sei. Der Druck, den sie vor allem mit ihrer Kosten-Nutzen-Rechnung erzeugen, wird in die gewünschte Richtung wirken, wie ja Bertelsmann massiv die Umgestaltung des Bildungswesens nach amerikanischen Massstäben zur Herrichtung brauchbaren «Menschenmaterials» (human capital) bislang erfolgreich «lobbiiert» hat.

Beide Positionen, die der semantischen Scheinlösung, die einfach das Sitzenbleiben abschafft, nicht aber den ungenügenden Erfolg, und die, wie von Bertelsmann vertreten, gehen von einem typischen, gleichen Standpunkt aus: sie fokussieren auf die Gesellschaft, die Schule, und blenden das Kind, die Schülerin und den Schüler sowie seine Familie, in der sie oder er aufwächst, aus bzw. nehmen sie nur als statistisches Datum wahr.

Die Hintergründe von Lernproblemen oder Schwächen bei Schülern werden primär kollektiv, allgemein gesehen. Es wird erst gar nicht auf das Individuum eingegangen. Würde dieses gleichmachende, gleichschaltende Denken konsequent weitergeführt, gäbe es keine Psychologie, sondern nur noch Soziologie. Obwohl an der Psychologie viel zu kritisieren ist, erkennt man im Vergleich, welche Gefahr sich auftut. Ein grosses, über die halbe Welt verbreitetes Gesellschaftsmodell, das kommunistische, ist an dieser Borniertheit und enggefassten Zu- und Abrichtungspolitik gescheitert (was allerdings nicht gleich zu wirklichen Änderungen führte und die Entwicklung heute noch verlangsamt und behindert).

Bertelsmann und Gleichschaltung, Kollektivismus? Jeder würde das Gegenteil behaupten! Man sieht ja auch die Grünen nicht als Kommunisten. Es wäre ein Fehler, das extreme Gleichheitsdenken, das nach rigiden Durchsetzungen des Durchschnitts ruft, nur bei den Kommunisten suchen und finden zu wollen. Heute zeigt sich die vermeintliche Opposition zum Kapitalismus in diesem Lager, aber, paradoxerweise, in wichtigen Aspekten bei Kapitalisten selbst. Denn der eigentliche Kern bürgerlicher, kapitalistischer Gesellschaft hat mehr vom Gleichheitsdiktat, von Verwaltung und Kontrolle, Zurichtung und Abrichtung, als mit den üblichen Bildern der «freien Welt» und «freien Gesellschaft» verbunden wird.

Aber gerade im «Westen» haben wir doch Eliten und Abweichler en masse und es wimmelt von Individualisten etc., heisst es. Das stimmt oder mag stimmen, aber es ist kein Widerspruch. Entscheidend ist, dass hier das Gleichheitsgebot nicht gleich gilt. Denn Profite sind nur über Unterschiede leicht erwirtschaftbar. Es bedarf einer gewissen Ungleichheit, damit «outsourcing» sich bezahlt macht, es bedarf unterschiedlicher Lohnniveaus etc. Demgegenüber macht ein gleiches Bildungs- und Schulsystem das Vergleichen einfacher, das «ranking», fördert vorgeblich den Austausch, und kanalisiert eine Menge Personen in die Rollen, die die Wirtschaft braucht. Auch woanders gilt «Geht's der Wirtschaft gut, geht es allen gut!». Daher braucht es Gleichheit (mit dem wichtigen feinen Unterschied, den schon Orwell genial in seiner «Animal Farm» blossstellte, dass einige gleicher sind).

Das alte Bildungs- oder Schulsystem war «reformbedürftig». Und es hätte sich anders reformieren lassen. Aber gegen Ende der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, nach dem Zusammenbruch des Ostens, des Kommunismus, taumelten Politiker und Experten im Siegesrausch der Superiorität ihres - unseres - Kapitalismus und stellten die Weichen zu einer völligen Umgestaltung: Senkung der Niveaus durch Entwerten der Matura, Hebung der Zahl von Universitätsabschlüssen durch Installation des Bakkalaureats, Straffung des Lehrangebots durch Auflassen sogenannter «Orchideenfächer», Verpflichtung sich um Drittmittel bemühen zu müssen, dauernde Evaulierung und Auszeichnung der Besten, Minderung der Mittel für die anderen, besonders die Kleinen, wodurch die Konzentration gesteigert wird. Im Endeffekt weder mehr Vielfalt, noch bessere Qualität, aber mehr Verschulung. Dafür weniger oder gar keine Forschungs- bzw. Lehrautonomie an den Universitäten.

Im Schulbereich: mehr Lehrstoff, mehr Technik, mehr interaktives Lernen und Vernetzen, mehr Entlassungen oder Frühpensionierungen von älteren Lehrern. Mehr Betreuung und Coaching. Trotzdem enorm hohe Kosten für private Nachhilfe, mehr Depressionen oder Gewalt an den Schulen, weil der Druck steigt. Daher: Angriffe auf Lehrer, auf ihre Art zu unterrichten. Lösung: Mehr arbeiten, bessere Ausbildung, Verpflichtung zu dauernder Fortbildung. Wie?

Fast in keiner Diskussion oder Debatte werden die Kinder oder die Eltern herangenommen. Sie werden als «Opfer» gesehen, denen die Schule und die Lehrer was antun. Das zwingt zu neuen Posten für Psychologen und Coaches. Oder zu Vorschlägen wie von den Grünen, doch einfach das Sitzenbleiben abzuschaffen. «Ungenügend», eine Fünf, soll keine Auswirkung mehr haben. Eigentlich bedeutet dies das frühe Einüben der Verlogenheit, der Newspeak und dem falschen Handeln danach: mach was du willst, du bist nicht verantwortlich, es geht eh! Wir helfen dir schon.

Das klingt zwar sozial, ist es aber nicht. Ist nicht nur kurzsichtig, sondern gefährlich. Denn die schon lange eingeübte Verantwortungslosigkeit ist der Boden, auf dem die erschreckende Indifferenz, die tödliche Gleichgültigkeit wächst im Verbund mit horrend brutaler Gewalt, die auch von den Gutmenschlern nicht mehr zu kaschieren ist.

In einer Spasskultur bedarf es dramatischer Entscheidungen und konsequenter Umsetzung, um Bildungserziehungen zu ermöglichen, die den Kern des Begriffs «Erziehung» nicht als falsch ersehen und von Anbeginn desavouieren. Solange Sozialfritzen herumgeistern, die predigen, die Lehrer sollen gleichwertig von den Schülern lernen etc., solange wird die Angst vor dem Unterschied eine effektive Änderung verhindern. Aus der gegenwärtigen Bildungspolitik spricht nicht nur Unsicherheit, sondern auch Feigheit. Die einen wollen nicht «nein» sagen, meinen, das Kind zu vergewaltigen, wenn man es «führt», die andern wollen eine kaschierte Einpassung, die früh gesellschaftliche Erfolge zeigt. Bei beiden bleibt das Kind, die Person, das Individuum auf der Strecke.

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