Ehrungen korrekt und inkorrekt

12.07.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Knut Hamsuns 150. Geburtstag wird in Norwegen gross gefeiert. Das löst scharfe Kritik und Verurteilung in Norwegen selbst aus und seitens vieler Juden, vor allem aus Israel und den USA sowie korrekten Amerikanern. Hamsun, der 1920 den Literaturnobelpreis erhielt und zu den grössten Schriftstellern überhaupt zählt, war zum Nazisympathisanten geworden. Er wurde nach dem Krieg vor Gericht gestellt, jedoch «zahm» bestraft, weil man ihn als geistig-seelisch geschwächt erklärte. Er verlor sein Vermögen und verstarb hochbetagt verarmt.


Jetzt lösen die Feiern bei einigen einen Entrüstungssturm aus. Die USA, die versucht, jedes Gedenken an den höchst industrialisierten Massenmord zu verhindern, den sie glorreich begangen haben durch ihre Atombombenabwürfe auf Hiroschima und Nagasaki im August 1945, fühlen das Andenken an die Opfer des Faschismus und Nazismus entehrt durch die Ehrung des Nazisympathisanten. Israel, das seit seiner Staatsgründung sich in permanentem Kriegszustand befindet und mit den Palästinensern systematisch menschenrechtsverletzend umgeht und als rassistischer Staat dank der Protektion der Schutzmacht USA die Kriege in Nahost bestimmt, empört sich wegen des Nazisympathisanten.

Der Sympathisant hatte falsch gehandelt. Das stimmt, und es ist kläglich, erbärmlich. Aber verglichen mit dem nuklearen Massenmord des Mr. President Harry S. Truman war seine Untat als symbolische wohl von anderem Gewicht als die Ausradierung zweier Städte und radioaktive Verseuchung der Umgebung durch die modernsten Waffen ihrer Zeit. Aber Truman's wird ehrenvoll gedacht und der Atomkrieg als nötige Realpolitik verteidigt. Die Logik und Wertigkeit folgt keiner einheitlichen Ethik und Moral, sondern der Macht.

Die Franzosen feiern Ihren Louis-Ferdinand Céline, der ein wüster Antisemit war, weil er als höchst kreativer Schriftsteller gelobt wird. Musikkenner hören und schätzen Wagner, obwohl er Antisemit war. Niemandem fällt ein, mit der Wertschätzung des Künstlers oder seines Werkes damit auch die negativen Seiten zu belobigen.

Die Forderung der Ächtung entspricht einer Machtlage und der reklamierten Deutungshoheit. Während des Kalten Krieges durften korrekter Weise gewisse Werke gewisser Autoren nicht gut geheissen werden. Es gab gewisse Gedenkfeiern nicht. Auf beiden Seiten. Heute, da die USA als unilaterale Leitmacht ins Trudeln gerät und ihr Vasall Israel unsicher ist, ob der geplante Atomkrieg in Nahost doch so «gefahrlos» zu gewinnen ist, wie geplant, liest sich die Nervosität und Anspannung wieder verstärkt in vorgeschobenen Kulturwertkämpfen ab.

Es ist nicht nur eine Frage der Zeit. Es ist eine der Macht und der Relevanz.

Gegenwärtig gibt es in der niederösterreichischen Schallaburg eine Ausstellung über Napoleon. Ein Führer, der Europa mit Krieg überzog. Er wird von vielen bestaunt und von vielen als Idol verehrt. Einer, der sich selber zum Kaiser krönte, der für den Tod Abertausender verantwortlich ist, wird gefeiert. Sogar in Ländern, die seinen Armeen unterlagen. Mir ist Napoleon, wie jeder andere Führer, zuwider. Ich schätze keine Kommandeure. Ich will keine Überpapas, ob Kaiser oder sonst was. Ich verachte fast alle als gross hingestellten Führer. Sie brachten mehr Elend als menschlichen Fortschritt. Es ist eine Frage der Werte: Friede oder Krieg. Vernünftigkeit oder Gewalt. (Nach meinem Verständnis kann Vernunft nicht über Dauer gewalttätig sein.)

Eine Person ist nicht homogen von nur einer Dimension. Sie ist eine facettenreiche, vieldimensionale Komplexität. Daher verstehe ich, dass jemand, den ich aus den Gründen X verurteile oder verabscheue, in anderen Aspekten lobe oder schätze. Zudem besteht zwischen Werk und Autor keine zwingende Deckung. Das Werk kann eine Güte eignen, die die Person nicht hat. Auch Verbrecher können Kunstwerke von genialischer Qualität schaffen. Ben Gurion, der das rassistische Konzept zur Staatsgründung Israels bestimmte, hat auch andere Seiten. Klar. Auch Harry Truman ist nicht nur der Befehlsgeber für den Atombombenabwurf. So aber auch Knut Hamsun, wie jeder andere.

Die Ethik- und Moralpolizei, die sich da laut macht, ist peinsam, vor allem vor dem Hintergrund eigener Kriege und Verwüstungen sowie dauernder Rechtsverletzungen. Es höhnt jeden vernünftig Denkenden, wenn Rassisten gegen Rassismus wettern, wenn Menschenrechtsverletzer sich für Menschenrechte stark machen usw.

Dem Werk Knut Hamsuns werden die Debatten oder wütenden Angriffe nichts anhaben. Einen Toten ficht nichts an. Es geht um die Heutigen, die sich seiner erinnern oder eben sich dagegen verwahren, dass man sich offiziell und lobend seiner widme. Wahrscheinlich werden diese Polizeimanöver, die wie alte Machenschaften eines ZK wirken, eher gegenteilig die Aufmerksamkeit wecken, so, wie die permanente Propaganda um Hitler weniger zum Abschrecken beiträgt, als die Aufmerksamkeit hoch hält.

Aus der Haltung der besorgten Gutmenschler, die dem Eifer der gläubigen islamischen Tugendwächter entspricht, nur auf einer anderen Ebene angesiedelt, aber genauso anmassend, kann man die Wertverkehrung und Verlogenheit ablesen. Wäre nämlich die Haltung einheitlich und konsequent, sähe vor allem die Politik der Leitmacht USA anders aus. Und alles, was damit zusammenhängt. Das ist aber nicht der Fall. Es ist schlichtweg verlogen.

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