Im Einklang mit der Natur

24.11.2011

18.09.2011 bis 27.11.2011  Franz Marc Museum

Die Ausstellung zu Joseph Beuys und Franz Marc «Im Einklang mit der Natur» will mit einer gezielten Auswahl und Gegenüberstellung von etwa 100 Zeichnungen und Skulpturen anschaulich machen, dass Joseph Beuys und Franz Marc in ihrem Denken und ihrer künstlerischen Haltung auf gemeinsame Wurzeln in der deutschen Romantik zurückgreifen.


Das Misstrauen rein rationalen Ansätzen gegenüber, ihre Naturverehrung, ihr Eintreten für Intuition und Fantasie, ihre Technik- und Materialismuskritik greifen zurück auf die Epoche Novalis', der den Künstler als Magier sah, als einen besonders Begabten, der die verborgenen Gesetze und Zeichen der Natur entziffern kann. Seine Erkenntnisse vermitteln sich durch seine Kunst, die wiederum allen Menschen die Möglichkeit eröffnet, der Natur gegenüber ein umfassendes, intuitives Verständnis wiederzugewinnen.

Joseph Beuys gehört zu den prägenden Künstlerpersönlichkeiten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Zeichnungen und Skulpturen, seine Aktionen und Installationen, eng gebunden an sein gesellschaftspolitisches Engagement, stellen Kunst in einen neuen, erweiterten Kontext, vergrößern die Fülle ihrer Erscheinungsformen und verleihen ihr eine gesellschaftliche Relevanz, die schließlich zu einer erweiterten Definition von Kunst führt. Als Grundlage für diese Neudefinition führt Beuys den Begriff der Plastik ein, der die traditionellen Gattungsgrenzen überwindet und zu einem Synonym für Kreativität und Kunst im Allgemeinen wird.

Entscheidend für den Begriff der Plastik und des Plastischen im Beuys'schen Sinn ist die Vorstellung eines noch Ungeformten, Imaginären, Keimenden, das nicht nur in der zeichnerischen Ausformung, in der skulpturalen Gestaltwerdung oder in der sprachlichen Formulierung seinen Ausdruck findet, sondern das sich auf jeden kreativen Prozess, auch den des Denkens oder der Ideenfindung ausdehnen lässt. Das plastische Prinzip ist das des Keimens und der Veränderung, es ist das Prinzip der Metamorphose, das Beuys in seinem Werk mit der Einführung von Gegensatzpaaren wie Geburt und Tod, warm und kalt, fließend und starr, organisch und kristallin in dem Sinn thematisiert, dass das Entstehen und Vergehen, der Kreislauf allen Lebens und seine unaufhaltsame Veränderung anschaulich werden.

Nicht nur für Beuys' Interventionen im Rahmen der Fluxusbewegung zu Beginn der sechziger Jahre lässt sich ein Motto in dem Wort Heraklits finden: «alles Sein befindet sich im Strom des Entstehens und Vergehens.», sondern dieses Grundprinzip des Lebens, sein unaufhaltsamer und ständiger Bewegungsfluss prägt auch die frühen Werke Beuys'. Schon in den Zeichnungen und Skulpturen, die zu Beginn der fünfziger Jahre entstanden, geht es nicht um reine Naturskizzen. Die Tiere und Pflanzen, die der Künstler in diesen frühen Jahren darstellt, sind stets im Prozess der Veränderung erfasst. Sie erscheinen fragmentarisch, noch wachsend und keimend, oft mit fließender Aquarellfarbe auf das Blatt gebracht, so dass ihre Umrisse schemenhaft bleiben, offen für weitere Metamorphosen.

Sie weisen über sich hinaus, indem sie als Momente eines übergeordneten Ganzen erscheinen, eingefügt in ein fragiles Liniensystem, das sie mit den Gestirnen über ihnen und der Erde unter ihnen verbindet. Auch Franz Marc lässt in seinen Tierbildern Kosmos und Kreatur verschmelzen, schafft eine dynamische Struktur, die Landschaft und Tier in sich bindet bis zur völligen Auflösung und Abstraktion. Marcs Zeichnungen und Gemälde halten uns ein wiederzuerlangendes Paradies vor Augen, ein Leben in Harmonie mit der Natur, das der Mensch mit den «Segnungen» von Zivilisation und Technik verloren hat.

Sowohl Franz Marc als auch Joseph Beuys setzen ihre Naturverbundenheit und ihre christlich geprägte Weltanschauung jeweils in Werke um, die alles kreatürliche und pflanzliche Leben in den großen Zusammenhang der Natur stellen. Wie das Pferd bei Franz Marc zum Symbol des Spirituellen wird, so beziehen Hirsch und Schwan, Biene und Hase bei Beuys ihre besondere Symbolkraft aus christlichen, literarischen, biologischen Zusammenhängen, die der Künstler in seinem Oeuvre in eine eigene Mythologie ummünzt. Wenn Beuys sagt «für mich ist der Hase das Symbol für die Inkarnation» dann lässt sich als Parallelbild das «Sterbende Reh» Franz Marcs' aufrufen, das Opfertier schlechthin, dessen Leben und Lebensraum durch einen zweiten «Sündenfall» der Menschen, ihren Götzenglauben an materielle Werte und ihr Vertrauen in die Wohltaten des technischen Fortschritts bedroht werden.

Franz Marc stellte diesen «Fehlentwicklungen» eine Kunst entgegen, die darauf abzielt, eine «animalisierte» Welt aufzurufen, ein Universum, in dem Mensch und Tier in Harmonie mit der Natur leben. Die Idee einer großen übergreifenden Ordnung prägt Marcs künstlerische Vorstellungen. Wie Beuys entwickelte Marc seine frühen künstlerischen Konzepte aus seiner Verbundenheit mit dem Christentum und einem engen Bezug zur Natur, der nicht in naturwissenschaftlichen Studien, sondern in langen Aufenthalten Marcs in der unberührten Vorgebirgslandschaft nicht weit von München zum Ausdruck kam.

Beide Künstler verbindet darüber hinaus ihr Glaube an die verändernde Kraft der Kunst. Franz Marc sah in einer «neuen» Kunst geistige Kräfte am Werk, die seiner Ansicht nach geeignet waren, einen allgemeinen Gesinnungswandel einzuleiten. Im Kreise seiner Freunde und künstlerischen Weggenossen, vor dem Hintergrund der sich ausbreitenden und zusammenschließenden Bestrebungen einer europäischen Avantgarde entwickelte er die Utopie einer durch geistig Werte geprägten Gesellschaft, in der die Kunst keine dekorative sondern eine grundlegende, bildende Funktion übernehmen sollte. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs machte diese Hoffnungen Marcs, der 1916 in Verdun fiel, zunichte.

Beuys dagegen, dessen Gesellschaftskritik von vergleichbaren Ansätzen wie Franz Marc ausging, setzte seine Vorstellungen zum Teil in konkretes politisches Engagement um und griff mit bestimmten Aktionen konkret in Gestaltung und Veränderung der Umwelt ein.


Katalog: Es erscheint ein Katalog mit über 100 Abb. im Schirmer Verlag, München. Texte von Eugen Blume, Heike Fuhlbrügge, Erich Franz, Johannes Janssen, Cathrin Klingsöhr-Leroy, Isabelle Malz, Andreas Roeder, Barbara Strieder.

Franz Marc und Joseph Beuys
Im Einklang mit der Natur
18. September bis 27. November 2011

Franz Marc Museum
Franz-Marc-Park 8-10
D-82431 Kochel am See
T: 0049 (0)8851 92488-0
F: 0049 (0)8851 92488-15
E: info@franz-marc-museum.de
W: http://www.franz-marc-museum.de


Öffnungszeiten

Di bis So/Fe 10 - 18 Uhr

 


  • Franz Marc: Liegender Hirsch, 1913. Postkarte aus Sindelsdorf an Bernhard Koehler in Wiesbaden. Aquarell, Tusche und Collage (Goldfolie) auf Postkarte 9 x 14 cm; Franz Marc Museum, Kochel a. See. Dauerleihgabe ahlers collection
  • Franz Marc: Liegende Hyäne (liegender Wolf), 1913. Aquarell auf Papier, 20,1 x 12,4 cm. Aus Skizzenbuch XXXI, Blatt 49; Franz Marc Museum, Kochel a. See. Stiftung Etta und Otto Stangl
  • Franz Marc: Getötetes Reh, 1913. Aquarell und Gouache über Tusche auf Papier, 16,5 x 13 cm. Aus Skizzenbuch XXVIII, Blatt 20; Franz Marc Museum, Kochel a. See. Stiftung Etta und Otto Stangl
  • Joseph Beuys: Elch, 1975. Farblithographie auf Papier, 52 x 74 cm, sign. r.u.l. mit Bleistift: Beuys, beschr. r.u.r. : 51/75; Sammlung Deutsche Bank. © VG Bild-Kunst, Bonn/Estate Joseph Beuys, 2011
  • Joseph Beuys: Hase und verschiedene Skizzen, 1954. Bleistift, Eisenhydroxyd auf Papier, 29,7 x 41,5 cm, sign. v.l.m.: Joseph Beuys, beschr. v.l.m.: 1954; Sammlung Froehlich, Stuttgart. © VG Bild-Kunst, Bonn/Estate Joseph Beuys, 2011
  • Joseph Beuys: Skelett eines kleinen Schafes, 1949. Gouache und Graphit auf Pappe, 10 x 17,5 cm; Sammlung Lothar Schirmer, München. © VG Bild-Kunst, Bonn/Estate Joseph Beuys, 2011
Franz Marc Museum
Franz-Marc-Park 8-10
D-82431 Kochel am See
T: 0049 (0)8851 92488-0
F: 0049 (0)8851 92488-15
E: info@franz-marc-museum.de
W: http://www.franz-marc-museum.de


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Di bis So/Fe 10 - 18 Uhr

 


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