Infantilisierung und Flucht aus der Verantwortung

02.12.2012 Haimo L. Handl

Kürzlich klagte eine Frau, die spielsüchtig war, eine Spielefirma, weil sie sie nicht effektiv vom verlustreichen Spiel abgehalten habe. Sie hat Chancen auf Erfolg, weil unsere Gesellschaft, unser Staat, es vernünftig findet, die Verantwortung nicht bei der mündigen Person zu fordern, sondern, in vielen Fällen, bei anderen gesellschaftlichen Organisationen oder gar bei anderen Personen, ohne dass diese so entlastete, der eigenen Verantwortung enthobene Person damit einen Einbruch Ihrer Mündigkeit bzw. Geschäftsfähigkeit erlitte.


Ein Widerspruch, der der Werteauflösung einer orientierungslosen Duslergesellschaft entspricht, die allzu leicht in Menschen Opfer sieht, die nicht anders konnten oder können, die man schützen müsse, die nicht verantwortlich seien für ihr Tun.

Aber nach dem bisherigen Recht werden schon jene Fälle gewürdigt, in denen bestimmte Zwänge derart massiv einwirken, dass sie eigenes Handeln beeinträchtigen bzw. die Entscheidungsfähigkeit kurzfristig so beeinflussen, dass wir von temporärer verminderter Zurechnungsfähigkeit sprechen und damit verbundener Strafunfähigkeit.

Diese temporäre Verminderung wird geflissentlich ausgeweitet, um der Verantwortung für eigene Entscheidungen, eigenes Handeln zu entfliehen, um die meist unerwünschten Nebeneffekte, wie bei Medikamenten, zu eliminieren, allerdings auf Kosten der Gesellschaft, die perverserweise das in weiten Teilen in einer Art Zelebrierung der Opferkultur unterstützt.

Ähnlich wie in den USA, wo an Lungenkrebs Leidende Tabakfirmen erfolgreich klagen, weil sie die armen Opfer verführt hätten zum tödlichen Nikotingenuss, so klagt diese Niederösterreicherin die Spielefirma, weil sie sie nicht wirklich von IHREM Tun abgehalten hat.

Nächstens klagen Junkies, Heroinspritzer und andere Süchtige, die in großer Zahl soziale Dienste in Anspruch nehmen, weil sie ja Opfer geworden sind, und die, um nicht der Beschaffungskriminalität zu verfallen, unterstützt werden müssen, den Staat, da die Drogendealer ja nicht erreichbar sind (offiziell zumindest nicht), weil nicht verhindert wurde, dass sie Drogen konsumierten.

Gleichzeitig propagieren Gutmenschen einen menschenwürdigen Umgang mit Drogensüchtigen, eine noch weitgehendere Entkriminalisierung, um den armen Opfern zu helfen. Aber wenn der Staat versucht, den Drogenkonsum zu verhindern oder zumindest zu behindern, klagen viele über den Polizeistaat, über zu strengen Druck. Was nun? Einerseits die Freiheit zur Droge, andererseits die Schuld dafür bei den anderen suchen, irgendwo draußen, in der Gesellschaft, bei Firmen usw., nur nicht bei sich selbst, der oder die doch selbst irgend wann einmal sich entschloss zu rauchen, zu kiffen, zu saufen, zu spielen. Wenn es nicht der Heilige Geist war, war es der Teufel, der verführte? Sollen, weil diese Instanzen nicht vor Gericht gezerrt werden können, dafür Firmen herhalten? Wenn das auch nicht geht, einfach „der Staat“ über irgendwelche naheliegende Einrichtungen?

Wir unterstützten aktiv die Verantwortungslosigkeit, wir unterminieren unser Konzept der Menschenwürde, wir unterstützen das feige Doppelspiel, wir schwächen damit die freie Gesellschaft und bilden die Voraussetzungen für die rigide Betreuungsgesellschaft, die als Spiegel dieser schleichenden, aber nicht anerkannten Entmündigung in Bälde den geschrumpften Entscheidungsfreiraum noch weiter einengen wird, zugunsten der armen Opfer.

Wenn Spießer mal Meinl oder krass Grasser spielen möchten und kühne Anlegegeschäfte tätigen, riskant spekulieren und dabei verlieren, springt der Staat bei, weil X Politiker, Vertreter sozialer Institutionen feststellen, dass die Armen im Geiste ja nicht wussten, was sie taten, dass deshalb der normale Steuerzahler ausgleichen müsse. (Die enormen Schäden, verursacht durch professionelle Spekulanten und Zocker werden auch vom Steuerzahlen übernommen!)

Wenn Jugendliche übers Smart phone Tausende von Euros verpulvern, sind die Telefonbetreiber schuldig und nicht der unreife User, der natürlich geschützt werden muss. Es stimmt schon, dass die Firmen mit ihrer unverschämten Werbung verführen. Doch es gehört zum Reifeprozess, nicht sofort allen Verführung zu erliegen. Aber davon keine Rede! Der Jugendliche ist nie schuld, nie verantwortlich, die Eltern fast nie, die anderen schon.

Ähnlich hinsichtlich der Bildung. Primär schuld ist die soziale Herkunft bzw. die Unwilligkeit der Gesellschaft, Unterschichtler zu integrieren bzw. die Schule selbst, die über unfähige Lehrer zuviel falsch fordert, weshalb die armen Kinder nur traumatisiert werden. Jene, die es trotzdem schaffen, haben nicht nur Glück gehabt, sondern reiche Eltern oder die Gunst der Freunderlwirtschaft. Eine völlig perverse Umkehrung blendet Eigenverantwortung aus und wendet Millionen von Euros darauf, um die vermeintlichen Opfer vor ihrer Verantwortung zu schützen. Die Resultate sind ablesbar.

Dieser Geist, wie ihn die freche Niederösterreicherin über ihren Kollaborateur, den Anwalt, vorexerziert, trägt mit zum Niedergang unserer Gesellschaft bei. Noch wird das beklatscht und gefeiert. Leider.

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