Keinen Wettbewerb und kaum große Premieren bietet das größte österreichische Filmfestival, das heuer vom 20. Oktober bis 2. November stattfindet. Dafür zeigt die Viennale wiederum so ziemlich alles, was heuer auf den großen Festivals der Welt Aufsehen erregte, aber bislang noch nicht in den österreichischen Kinos anlief. – Der Vorverkauf beginnt am Samstag, den 15.10. 2011.

Eröffnungs- und Abschlussfilm sind immer markante Termine eines Festivals, die in gewissem Sinne auch die Richtung vorgeben, die eingeschlagen werden soll. Keine kleinen Filme, sondern große Namen programmiert man hier. Bestens passen da Aki Kaurismäkis in Cannes mit dem Preis der Filmkritiker (FIPRESCI) ausgezeichnetes Sozialmärchen "Le Havre" als Eröffnungsfilm und George Clooneys Polit-Drama "The Ides of March", das schon die Biennale von Venedig eröffnete, als Abschluss. Vor allem der Finne bietet meisterliche Filmkunst, kann aber durchaus in der ungewohnten Warmherzigkeit und der runden Erzählweise mit seinem neuen Film durchaus auch ein Publikum ansprechen, dem seine bisherigen Filme zu trocken und trist waren.

Auch das restliche Programm ist reich bestückt mit Hits der heurigen Festivals. Lars von Triers "Melancholia" erlebt im Rahmen der Viennale ebenso seine Österreich-Premiere wie Nicolas Winding Refns zwar teilweise sehr brutaler, aber auch wunderbar cooler Actionfilm "Drive". Aus dem Berlinale-Programm hat sich Hans Hurch nicht nur den iranischen Siegerfilm "A Separation", sondern unter anderem auch Miranda Julys federleichte Komödie "The Future" oder Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" nach Wien geholt.

Jeff Nichols ist mit seinem in Cannes mehrfach ausgezeichneten "Take Shelter" vertreten, Komödiantisches ist mit Nanni Morettis "Habemus Papam" angesagt und rund zwei Monate vor dem Österreichstart kann man bei der Viennale mit "Le gamin au velo" auch schon den neuen Film der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sehen.

Auch einige der Kritikerlieblinge des Festivals von Venedig finden sich im Programm. Von Alexander Sokurovs "Faust" über Sono Sions "Koi no tsumi" bis zu Ann Huis "Tao Jie" und Yorgos Lanthimos´ "Alpis" spannt sich hier der Bogen.

Ob alle diese Filme einen österreichischen Verleiher finden werden, muss man leider bezweifeln, denn leicht Konsumierbares steht hier neben Sperrigem. Gar nicht fürs Kino gedacht ist dagegen Todd Haynes Remake des Joanne-Crawford-Klassikers "Mildred Pearce", die fürs Fernsehen als Mini-Serie gedreht wurde. Aufgrund der Ereignislosigkeit der Handlung wird dagegen der Locarno-Sieger "Abrir puertas y ventanas" nur schwer ein Publikum finden. Gleiches gilt auch für einen kleinen unabhängigen US-Film wie Alex Ross Perrys "The Color Wheel", während sich "Terri" von Azazel Jacobs nicht nur dank der Besetzung einer Hauptrolle mit John C. Reilly, sondern auch wegen der runden und warmherzigen Erzählweise zu einem Programmkino-Hit entwickeln könnte.

Dieser Mix aus Starregisseuren, die mit klassischem Arthouse-Kino antreten, und noch unbekannten innovativen jungen Filmemachern gibt der Viennale aber auch ihre Würze. Der Venedig-Teilnehmer "Totem" von Jessica Krummacher gehört ebenso zu letzterem wie Sebastian Meises "Stilleben".

Einen besonderen Platz wird unter dem Titel "Home Run" dem österreichischen Kino eingeräumt. "American Passages" von Ruth Beckermann, "Ibiza Occident" von Günter Schwaiger und "Stoff der Heimat" von Othmar Schmiderer werden in diesem Rahmen ebenso präsentiert wie "Boxeo Constitución" von Jakob Weingartner, dem Bruder von Hans und Katharina Weingartner. Zudem zeigt Ulrich Seidl erste Ausschnitte aus seinem schon lange erwarteten Film "Paradies", der nun zu einer Trilogie zu werden scheint.

Spannendes bietet aber auch das Dokumentarfilm-Programm. Während Volker Sattel in "Unter Kontrolle" die Nuklearindustrie unter die Lupe nimmt, dokumentiert Sefano Savona in "Tahrir, Liberation Square" kommentarlos die Revolution in Ägypten im Februar 2011. Thomas Heise dagegen erzählt in "Sonnensystem" vom Verschwinden eines indigenen Volkes im Norden Argentiniens.

Doch nicht nur aktuelle Filme bietet die Viennale. In einer großen Retrospektive im Filmmuseum wird die Belgierin Chantal Akerman gewürdigt, von der auch ihr neuer Film "La folie Almayer" gezeigt wird. Dazu kommen Tributes für Harry Belafonte und den bitischen Produzenten Jeremy Thomas. Zu Ehren Belafontes werden unter anderem Otto Premingers "Carmen Jones", Robert Wises "Odds Against Tomorrow" und Robert Altmans "Kansas" gezeigt, der Tribute für Thomas spannt den Bogen von Nagisa Oshimas "Merry Christmas Mr. Lawrence" über Bernardo Bertoluccis "The Last Emperor" bis zu David Cronenbergs jüngstem Film "A Dangerous Method". Und unter dem Titel "Out of the Dark" bietet die Viennale last but not least auch noch einen Tribute für den Hongkonger Soi Cheang, der als Meister des Genrekinos gilt.

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Le Havre © Viennale
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Drive © Viennale
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The Future © Viennale
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Le gamin au velo © Viennale