Silberbesteck

05.07.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Manchen fällt es nie auf, aber etliche merken es doch, wie es um die spiessige, kleinbürgerliche Verhaltensweise bestellt ist, die so stolz auf den wenigen, kostbaren Besitz ist, dass sie ihn wegsperrt oder nur ganz selten, einmal im Jahr zu einem Feste, verwendet und dadurch dem Besitz stolzen Ausdruck verleiht. Man kennt das teure Silberbesteck, das nur als Lagerware, gut versorgt, behalten wird, weil es für den Gebrauch «zu schade» wäre.


Aber wenn das ererbte Geschirr so kostbar geworden ist, dass es im Banksafe oder sonst einem gesicherten Depot verwahrt werden muss, verursacht es nur Kosten und kann nicht als das verwendet werden, wofür es produziert wurde. Die Entfremdung erfolgt auf zwei Ebenen. Ein Besteck, das ich nicht verwenden darf aus Angst, es würde dadurch beschädigt werden, ist kein Besteck mehr, sondern ein Ding, das einen anderen Wert erlangt hat. Hier haben wir eine Lehrdemonstration von Waren- und Gebrauchswert.

Ähnlich diesen Spiessern verfährt unser kleinbürgerlicher, bornierter Staat mit einigen seiner Besitztümer, die er «verwaltet», hortet, in Depots versteckt. Wichtig ist zu wissen, dass man hat. Haben wird wichtiger als Sein und Leben. Kürzlich titelte eine Wiener Gratiszeitung «Unsere Kunstschätze in größter Gefahr». Ein Blatt, das sich für gewöhnlich nicht um Kunst schert, ausser sie ist ein teurer Besitz, warnt also vor konkreter Gefahr.

Als die frühere Regierung ihr Unbildungs- und Unkulturprogramm erfolgreich fortsetzte und aus der Albertina eine Ausstellungshalle für teuerste Gemäldeausstellungen einrichtete, für die ein gewiefter Eventmanager bestellt wurde, fiel nur wenigen auf, dass die eigenen Besitztümer, die in den Depots lagerten, im Ausstellungswesen eigentlich nicht mehr vorkamen und noch weiter in ein Nischendasein verbannt wurden, als es vorher, bevor millionenschwere Umbauten vorgenommen worden waren, der Fall gewesen ist.

Der Direktor ist ein Musterschüler, der seine Aufgabe verfehlt, von den Lehrern aber gelobt wird, weil insgeheim die Verfehlung zum Programm wurde. Er ist wie einer, der als Intendant eines alten Theaters bestellt wird, und dessen Erneuerungsprogramm deshalb so erfolgreich ist, weil er das Theater liquidiert und, dem Zeitgeist und seinem Markt folgend, einen multimedialen Showbusinesstempel daraus macht. Alle jubeln über das neue Geschäft und bemerken nicht, dass die eigentliche Aufgabe ja der Erhalt und Ausbau des Theaters gewesen wäre.

Jetzt sind durch schlampige Bauarbeiten deponierte Objekte in Gefahr, weil in die «bombensicheren» Depots doch Wasser eindringt. Gefahr für Depotware. Plötzlich hat man sich um lästigen Besitz zu scheren. Hätte man den gleich veräussert und davon nur DVDs ins Netz gestellt bzw. verkaufte diese in der Albertina, wären weder die unterirdischen Lagerräume nötig gewesen, noch der ganze Zirkus der momentanen Rettungsgeschäftigkeit. Denn eigentlich wollte die Verantwortlichen nicht die alte graphische Sammlung, nicht die Abertausenden von Zeichnungen, sondern das symbolische Kapital des Renommees für einen neuen Ausstellungsschuppen mit Wechselprogramm für eingekaufte Shows.

Wären keine Bauschäden aufgetreten, hätte der Boulevard nie aufgeschrien: Gefahr! Niemand bemerkte den bisherigen kulturellen Verlust. Es gilt der Ausweis der Depotlisten, die Zahlungsvorschreibung hoher Versicherungssummen. Die Sinnfrage wird vermieden: wozu dieses Horten, wenn das Gehortete nie oder ganz, ganz selten verwendet wird?

Eine verlogene Spiesserkultur hat ihr Äquivalent im Kulturtourismusgeschäft. Ihre Manager sind, wie die Banker, die Herren mit der weissen Weste, auch wenn sie im Graubereich werkeln.

Für viele Jahre waren Kellerdepots unter der Albertina wegen gravierender Baumängel versperrt und unzugänglich. Ich musste das deshalb schmerzlich verspüren, weil während dieser Zeit viele Bücher der Nationalbibliothek nicht zu erhalten waren. Da wurde mir drastisch vor Augen geführt, was Besitz als Buchposten bedeutet, wenn er quasi nicht mehr existiert, weil unerreichbar.

So ähnlich sind weite Teile unserer Kultur: sie ist unerreichbar geworden. Erst wenn der psychisch-mentale oder geistige Kulturwert sich am konkreten Besitz als drohender Verlust äussert, handeln «Verantwortliche» unserer Gesellschaft. Die Verdünnung, Verrohung und Verluderung zuvor wird nicht nur nicht wahrgenommen, sondern überspielt: mit teuren Ausstellungen, Aufführungen und nervöser Geschäftigkeit.

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