Lohnlesen

21.06.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Wann lohnt es sich etwas zu lesen? Das hängt davon ab, wie man «lohnen» versteht und weshalb man liest, was man mit dem Lesen erreichen will. Soll mir die Lektüre hilfreicher Ratgeber sein, Koch-, Reparaturanleitung? Soll es meine Neugier auf biografische Intimitäten befriedigen? Soll es mir den religiösen Glauben stärken und Zweifel ausräumen oder umgekehrt durch offenes filosofisches Fragen mich verunsichern, zur Kritik bringen? Soll das Buch in möglichst kurzer Zeit mir möglichst viel an Informationen und Kenntnissen vermitteln?


Die Frage, ob und was sich lohnt ist anders als die, weshalb überhaupt lesen. Jemand, der nach dem Lohnen fragt, liest schon oder ist unter Umständen bereit zu lesen, wenn er meint, es lohne sich. Hier gilt es, wie im Geschäft, abzuwägen, was eingesetzt wird: Zeit, Aufmerksamkeit einerseits und «Ertrag» andererseits.

Sobald man das Feld der Fachlektüre verlässt, wo klar ist, dass die Broschüren oder Bücher bzw. DVDs nur Hilfsmaterial und Werkzeuge sind zur Erreichung eines eindeutig umrissenen Ziels, braucht es neben Kenntnissen und Wissen Offenheit und Risikobereitschaft. Es braucht auch eine gehörige Portion Selbstsicherheit und die Bereitschaft, seine Zeit einem Lesen zu widmen, die nicht nach den gleichen Utilitätskriterien bemessen und abgewogen wird. Man muss einen Unsicherheitsfaktor hinnehmen. Man muss es vermögen und aushalten können, seine Zeit vielleicht vergeudet zu haben. Oder, noch schlimmer, man muss auch die nicht erwartete, unvorhergesehene Enttäuschung oder gar geistige, mentale, seelische Verletzung hinnehmen können. Man muss also gewisse Stärken haben, wenn man sich in ein freies Leseabenteuer stürzen will.

Fragt man dann noch danach, was sich lohnt? In unserer extrem gestressten Profitgesellschaft wohl immer mehr. In der Briefkastenonkelrubrik «Fragen Sie Reich-Ranicki» in der deutschen Frankfurter Allgemeinen Zeitung fragen Angehörige der Qualitätszeitungsleser und des vorgeblichen höheren Bildungsstandes oft Fragen, die so banal sind, wie man sie in Massenblättern oft findet, die aber hier, in einer anderen medialen Einbettung, zwar eine ähnliche Funktion erfüllen, jedoch anders daherkommen und anders gelten. Hier fragen Leute nach Details, aber auch nach konkreten und abstrakten Problemen. Wer solle all die dicken Wälzer lesen, was soll man davon halten oder bestätigen Sie mir doch bitte meine Meinung usw.

Nun, dicke Bücher gewinnen gerade in Zeiten sich verändernden Leseverhaltens eine neue Qualität, einen neuen Status. Nicht nur für Professoren, Studenten und Rezensenten. Andererseits gleicht sich das Volumen-Gewichtsproblem aus durch die modernen Handy-Romane, die sich eines Kurzstils befleissigen, den man früher, bedingt durch andere Technologie, «Telegrammstil» nannte, und der vor allem die Jungen am Handy hält. Es geht also vorwärts mit dem Lesen. Auch über Kleinstgeräte und in kürzester Zeit. Häppchenliteratur für die Twitter-Generation.

Aufgefallen ist mir aber folgende Frage: «Lohnt es sich, Marcel Prousts 'Auf der Suche nach der verlorenen Zeit' zu lesen?» Der Meister entschied sich diesmal zu einer ironischen Antwort: «Lesen Sie die Seite 100 des Romans und dann die Seite 200. Wenn Sie noch unentschieden sind, dann legen Sie das Buch weg und greifen zu ihm nach zwanzig Jahren.» Er schlug ihm eine vor den Kopf, wahrte das Gesicht, weil die Ironie bei entsprechender Borniertheit auch als witzig gesehen werden könnte, und entzog sich einer weiteren Behandlung oder Befassung. Ich kann's verstehen. Was soll man sich mit solchen Fragen abmühen. Andererseits lebt die ganze Einrichtung davon; weshalb ich mit dem Altmeister, der sich ganz dem Medium und seiner Leserschaft angepasst hat, kein Mitleid habe.

Ein soziologischer, komponierender Filosof, den ich sehr schätze, Theodor W. Adorno, schrieb in den Fünfzigerjahren in zwei kurzen Artikeln so enthusiastisch über Proust, dass ich hier zwei, drei Sätze zitieren will:

«Angesichts des desorientierten Zustandes der deutschen Prosa, wenn nicht der Krisis der Sprache überhaupt, ist Rettendes zu hoffen von der Rezeption eines Dichters, der das Exemplarische vereint mit dem Avancierten. Vielen Franzosen gilt Proust für 'deutsch'.»
«Offenbar jedoch trifft die magnetische Gestalt Prousts nicht nur den eingeweihten Schriftsteller, sondern jeden Leser, der überhaupt konzentriert und differenziert genug ist, die Dichte und vielfältige Bewegung des Romans aufzufassen.»
«Was an Proust so extrem individuiert erscheint, ist es nicht an sich, sondern nur weil wir so zu reagieren nicht mehr wagen oder nicht mehr dazu imstande sind.»

Zwei wesentliche Aspekte werden herausgehoben: dass jemand überhaupt seine Individualität wage und ein Auffassungsvermögen habe, das genügend differenziert und konzentriert ist. So kurz und bündig liest man selten die Grundvoraussetzungen nicht nur für Lektüre, sondern Bildung überhaupt.

Eine leise Trauer gesellt sich zum Glück bei Prousts Lektüre, und sie rührt vom Wissen um die vergangene Kindheit und dem Abschwächen des Erinnerungs- und Ahnungsvermögens an sie als jene Zeit, in der sich das naive Staunen als Hauptmerkmal der Weltaneignung äusserte.

Lohnt es sich, da von lohnender Lektüre zu reden? Ob sich etwas lohnt heisst ja, ob es Gewinn abwirft. Seinen Nutzen im Profit, im Mehrertrag leistet. Solches Denken ist von vornherein eingeengt und falsch «praktisch». Es ist auch unselbständig, weshalb die Expertenmeinung als Ratschlag und Legitimation angerufen wird. Es ist die Frage eines Nichtlesers, der meint, wenn er entziffert, er läse und der deshalb des Urteils bedarf, es lohne sich.

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Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz

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