Itō Shinsui – Nostalgie in der Moderne

05.01.2017

17.09.2016 bis 08.01.2017  Museum Rietberg

Das Museum Rietberg zeigt zum ersten Mal ausserhalb von Japan eine umfassende Ausstellung mit den 100 besten Holzschnitten von Itō Shinsui (1898-1972), einem der bekanntesten Maler und Holzschnittkünstler der modernen japanischen Kunst. Die Werke stammen aus der Sammlung der Nachkommen des Künstlers selbst sowie aus der Sammlung der Nachkommen von Watanabe Shōzaburō, Shinsuis Verleger und «Vater» der shin hanga (wörtlich «Neue Drucke»), einer der zwei Hauptbewegungen der japanischen Grafikkunst des 20. Jahrhunderts.


Die ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts waren eine Zeit der grossen Umbrüche in Japan. Im Zuge der Modernisierung prallten aus dem Westen importierte Ideologien und einheimische traditionelle Werte aufeinander. Auch in der Kunst war die Frage «Ist es möglich, zugleich japanisch und modern zu sein?» von eminenter Wichtigkeit. Die Spaltung in eine westlich orientierte und eine traditionell ausgerichtete Fraktion fand auch in der Holzschnittkunst ihren Niederschlag. Der Avantgarde-Gruppe der sōsaku hanga («Kreative Drucke») stand die Gruppe der shin hanga, die «Neue Drucke»-Bewegung, gegenüber. Während die Vertreter der «Kreativen Drucke» sich an dem im Westen gängigen Verständnis des Künstlers als alleiniger Autor seines Werkes orientierten und daher ihre Drucke unter dem Motto «selbst gezeichnet, selbst geschnitten, selbst gedruckt» (jiga, jikoku, jizuri) produzierten, arbeiteten Shinhanga-Künstler nach dem Modell der traditionellen Holzschnitte, welches eine Kollaboration zwischen Zeichner, Druckblockschneider, Drucker und Verleger vorsieht.

Die shin hanga wurden 1915 von Watanabe Shōzaburō (1885-1962), einem Kunsthändler und Verleger, als Revitalisierungsversuch der in den Verfall geratenen traditionellen Farbholzschnittkunst ins Leben gerufen. Die Bewegung florierte zwischen 1915 und dem Ausbruch des Pazifischen Krieges im Jahr 1942 und für kurze Zeit zwischen 1946 und dem Anfang der 1960er-Jahre. In der Produktionsweise wie in der Thematik berufen sich die «Neuen Drucke» auf ihre vormodernen Vorbilder, die edo-zeitlichen ukiyo-e: Darstellungen von «schönen Frauen» (bijinga), Schauspielern (yakusha-e), Landschaften (fūkeiga) sowie Blumen und Vögeln (kachōga) bilden die Hauptthemen. Die Kompositionen vermitteln jedoch einen modernen Ausdruck durch die Integration von westlichen Darstellungsformen und zeitgenössischen Moden und Gebräuchen.

Ursprünglich wurden shin hanga vorwiegend für den ausländischen Markt produziert. Dem Geschmack des hauptsächlich amerikanischen Publikums entsprechend, präsentierten sie eine nostalgische, idealisierte Sicht auf ein traditionelles, von der Industrialisierung und Verwestlichung noch verschont gebliebenes Japan. Der Hang zur Nostalgie und zum Überästhetisierenden wird häufig als kitschig und obsolet abgetan. Dieses harsche Urteil tut den Shinhanga-Drucken jedoch unrecht. Denn sie sind drucktechnisch auf dem höchsten Stand der Kunstfertigkeit. Aber auch soziokulturell sind sie von Interesse: Sie führen uns die romantische, euro-amerikanische Vorstellung von Japan im frühen 20. Jahrhundert vor Auge, und gleichzeitig widerspiegeln sie die Gefühle vieler Japaner, die sich in einer Zeit rapider und drastischer Veränderungen nach ruralen Landschaften und traditionellen Werten sehnten. Shin hanga können als das Produkt einer Epoche betrachtet werden, in welcher sich die japanische Gesellschaft auf der Suche nach der eigenen kulturellen Identität befand.

Itō Shinsui, 1898 in Tokio geboren, wuchs in dieser Epoche des Wandels auf. Obwohl es in Japan zu der Zeit bereits eine Kunsterziehung nach westlichem Vorbild gab, wurde er noch im traditionellen Meister-Schüler-Verhältnis ausgebildet. Als 13-Jähriger wurde er von Kaburagi Kiyokata (1878-1972), einem der angesehensten Maler seiner Zeit, als Schüler aufgenommen. Bereits im Alter von 15 bis 17 Jahren nahm er an Ausstellungen teil, die das japanische Ministerium für Erziehung (Monbusho) oder private Künstlervereinigungen organisierten. Dank seines grossen Talents wurde er nicht nur mit Lob überhäuft, sondern auch mit diversen Auszeichnungen gesegnet. Im Jahr 1915 entdeckte der Verleger Watanabe Shōzaburō ein Frauenporträt von Shinsui in einer Gruppenausstellung und war so begeistert davon, dass er über Kiyokata an den noch minderjährigen Künstler herantrat und ihn bat, das Gemälde in einen Holzdruck umzuarbeiten. Das im darauffolgenden Jahr erschienene Blatt «Vor dem Spiegel» markiert den Beginn der über 40 Jahre dauernden Zusammenarbeit zwischen Shinsui und Watanabe.

Shinsuis Debütwerk steht für seine überaus produktive Karriere als Shinhanga-Künstler. Über zwei Drittel seiner Drucke sind «Darstellungen schöner Frauen», die sich durch technische Perfektion, eine klare Komposition und einen entrückt-eleganten Ausdruck auszeichnen. In Anlehnung an die edo-zeitlichen bijinga werden die Frauen häufig in häuslicher Umgebung bei typisch weiblichen Tätigkeiten gezeigt. Eine weitere, von den ukiyo-e übernommene Konvention ist der voyeuristische Blick: Die Frauen sind aus dem Blickwinkel eines im Bild nicht sichtbaren, meist männlichen Betrachters dargestellt. Fast alle Frauen in Shinsuis Drucken sind in traditionell japanischer Weise züchtig gekleidet und frisiert. Sie entsprechen dem in den Medien und in der Literatur nachdrücklich propagierten Ideal der traditionellen Frau, die ihrer Bestimmung als «gute Ehefrau und weise Mutter» (ryōsai kenbo) gewissenhaft nachkam. Darstellungen von moga (Abkürzung für modaan gaaru, «modern girl»), selbstbewusst-provokante Frauen, die sich der westlichen Mode und Mores verschrieben haben, fehlen hingegen gänzlich in seinem OEuvre.

Itō Shinsui war aber auch ein vorzüglicher Darsteller von Landschaften. Seine früheste Serie, die «Acht Ansichten von Ōmi (Region um den Biwa-See)» (1917), hatte eine bahnbrechende Wirkung auf die Entwicklung der Shinhanga-Landschaften. Anstatt auf die gängige Ikonografie zurückzugreifen, die sich seit dem 15. Jahrhundert in der Malerei und später in den Holzschnitten von Meistern wie Hiroshige herausgebildet hatte, lieferte Shinsui eine erfrischend neue Interpretation, die auf seiner persönlichen Naturerfahrung beruhte. Dieser Ansatz stand den Prinzipien westlicher Kunst näher als den Grundsätzen der ostasiatischen Bildtradition, in welcher das in klassischen Poesien vermittelte Bild einer Landschaft eine wichtigere Rolle spielte als das tatsächliche Aussehen eines Ortes. Shinsuis Landschaften sind meist keine «berühmte Orte», sondern Gegenden, die er selbst bereist und skizziert hat. Auch die Farbpalette und die Behandlung des Lichtes in seinen Landschaftsdrucken erinnern eher an die Werke der Impressionisten und Post-Impressionisten denn an die edo-zeitlichen Holzschnitte.

Shinsui genoss bereits zu Lebzeiten grosse Popularität. 1952 wurde er zum »Lebenden Nationalschatz« ernannt, und 1970 erhielt er den »Order of the Rising Sun«.

Die Ausstellung umfasst insgesamt 100 Holzdrucke von Itō Shinsui, die zwischen 1916 und 1964 entstanden sind. Aus konservatorischen Gründen können die Drucke nur jeweils sechs Wochen ausgestellt werden, weshalb die Ausstellung in zwei Perioden mit jeweils 50 Werken stattfinden wird: Periode I: 17. September bis 13. November 2016; Periode II: 15. November 2016 bis 8. Januar 2017.

Shinsuis grafisches OEuvre besteht aus zwei Themen: «Darstellung schöner Frauen» (bijinga) und Landschaften (sansuiga), wobei der Schwerpunkt eindeutig auf der ersten Gruppe liegt. Pro Periode sind daher 36 Frauenporträts und 14 Landschaften zu sehen. Die Drucke wurden entweder als Einzelblatt oder als Teil einer Serie hergestellt. In dieser Ausstellung können drei Frauen- und zwei Landschaftsserien in ihrer Vollständigkeit gezeigt werden, was eine Rarität ist.


Ausstellung und Katalog entstanden als Kooperation zwischen dem Museum Rietberg Zürich und der Taiyo no Hikari Foundation, Japan, die den Nachlass von Itō Shinsui verwaltet. Die Ausstellung ist nur in Zürich zu sehen. Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog (Deutsch und Englisch) mit Aufsätzen von Katsuyama Shigeru, Katsuta Akiko und Khanh Trinh. Das Buch ist die erste Publikation über Itō Shinsui in deutscher Sprache.

Itō Shinsui – Nostalgie in der Moderne
17. September 2016 bis 8. Januar 2017

Museum Rietberg
Gablerstrasse 15
CH-8002 Zürich
T: 0041 (0)44 415 31 31
F: 0041 (0)44 415 31 32
E: museum.rietberg@zuerich.ch
W: http://www.rietberg.ch


Öffnungszeiten

Di bis So 10 – 17 Uhr
Mi 10 – 20 Uhr
Montag geschlossen

 


  • «Fuji vom Mitohama-Strand aus gesehen» aus der Serie «Drei Ansichten des Fuji-Bergs». Farbholzdruck, Japan 1938; © Courtesy Taiyo no Hikari Foundation, Japan
  • «Morgen in Kanbayashi» aus der Serie «Zehn Ansichten von der Region Shinano». Farbholzdruck, Japan 1948; © Courtesy Taiyo no Hikari Foundation, Japan
  • «Der Schneesturm» aus der Serie «Zweite Serie der modernen Schönheiten». Farbholzdruck, Japan 1932; © Courtesy Taiyo no Hikari Foundation, Japan
  • «Schönes Herbstwetter». Farbholzdruck, Japan 1930; © Courtesy Taiyo no Hikari Foundation, Japan
  • «Der Handspiegel». Farbholzdruck, Japan 1954; © Courtesy Taiyo no Hikari Foundation, Japan
  • «Haare». Farbholzdruck, Japan 1952; © Courtesy Taiyo no Hikari Foundation, Japan

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