Echt ist mehr als original

14.02.2010 Haimo L. Handl

Gegenwärtig beschäftigt wieder ein literarischer Plagiatsfall die Szene. Ein von den Medien und der Kritik auserkorener Shooting Star, die siebzehnjährige Helene Hegemann hat nachweislich seitenweise aus einem Text eines Bloggers, Airen, abgeschrieben und sich erst nachträglich auf fragwürdige Art entschuldigt bzw. die Sache abgetan, sie habe nur den heute geltenden Regeln der remix & copy-and-paste-culture entsprochen. Zudem hätte sie eh, in der zweiten Auflage, den Autor erwähnt etc. Auch sei die Stoffverwendung eine Art in Kommunikation treten mit dem Autor gewesen, sozusagen eine Hommage.


So einfach ist das einerseits. Andererseits liegt dem Skandal eine typische Haltung des Literaturbetriebes und seiner Macher und Vermittler, zuvorderst der Kritiker, zugrunde, die näher zu betrachten sich lohnt.

In unserer Kultur herrscht seit längerem ein Buchhaltergeist: als Tugenden gelten die Qualitäten von Berichtern, Rapporteuren, Kommentatoren, Dokumentaristen und Kompilateuren, die entweder Eigenes authentisch wiedergeben oder Fremdes so nah, klar und echt wie möglich dokumentieren. Immer ist die Realität oder was dafür stehen mag, die Qualitätsmarke, immer geht es um diesen Realitätsbezug, diese Art Authentizität.

Was früher in der engen Abbild- und Widerspiegelungstheorie der Realkommunisten sein Unwesen trieb und von den meisten Fortschrittlichen abgelehnt wurde, triumphiert heute in einer Art Neuauflage. Das Abbild gilt mehr als die Kreation, das Imaginierte. Der fiktiven Literatur wird die Konstruktion zum Qualitätsnachteil. Deshalb das Bemühen, alles auf tatsächlich selbst Erlebtes, Wahres, Echtes, Authentisches zurückzuführen.

Ein tiefes Missverständnis über Literatur oder Kunst schlechthin, die Rolle des Fiktionalen, Kreativen, des Scheins, und demgegenüber der Komplexität von Inhalt und Form, von Geschichte und Botschaft usw. bedingt diese reduzierte, bornierte Beschränkung. Dass diese Haltung im Westen so ungeniert stark sich etabliert, hängt mit der niedergekommenen Gesellschaftsverfassung zusammen: das meiste wird als so unstimmig, künstlich, verlogen, falsch erfahren und dennoch gelebt, dass man es mit den vermeintlich letzten Residuen von Echtheit garniert. Darum bestimmen Ichliteratur, Krankengeschichten, autobiografische Bekenntnisschriften, Beobachterberichte und dergleichen das Literarische. Das wenig wirklich Fiktive entspricht dem Harry-Potter-Niveau und verdankt seinen Erfolg der wichtigen Escape-Funktion und dem leichten Zugang in Fantasiewelten, die als Ausgleich zur berichteten kaputten Welt dienen.

Wenn da ein Mädchen höchst ordinär von Gewalt, schmutzigem Sex und Drogen redet, den dünnen Dreckalltag von Jugendlichen schildert, die nicht mehr leben wollen, aber auch nicht die Kraft haben sich gleich umzubringen, die alle schuldig finden, vor allem die Eltern, aber nichts Vernünftiges mehr tun können außer eben saufen, kiffen, schnupfen, huren, prügeln etc., dann ist das eine Sensation. Man sieht einen Spiegel, der jedoch, weil er doch in literarischer Form daherkommt, nicht so stört, dennoch nicht nur als fiktionale Geschichte abgetan werden muss. Man preist das Talent. Man erklärt einen Star. Das System bewährt sich: seht, wie offen wir sind, wie gut wir verstehen, wie stark wir preisen. Und die Göre, die kotzte und rotzte, passt sich rein in dieses System – und alle sind glücklich.

Der Autor, Airen, bleibt noch anonym. Sein Text «Strobo», aus dem sich Hegemann bediente (es gab noch andere Vorlagen), ist aber kein Roman, wie er betont, sondern eben eine echte, authentische Wiedergabe seiner tatsächlichen Erlebnisse. Sein Schreiben war Therapie und hat funktioniert: seit er seine Frau fand und damit ein anderes Leben, braucht er nicht mehr zu schreiben.

Die Hegemann hat einen «Fake» geliefert. Aber die Umkehrung ist interessant: sie schrieb also einen Roman, beschrieb nicht echt selbst Erlebtes, obwohl sie dauernd von Echtheit quasselt, das aber in einer Form, die vom Betrieb willig, gierig, unkritisch als authentischer Bericht bewertet und deshalb belobigt wird. Ihr Buch wurde sofort für den Leipziger Buchpreis nominiert. Vermutlich wäre die Einschätzung als Roman weniger wertvoll, aufregend, neuartig, bedeutsam gewesen. Die Umkehrung, die Lüge, muss praktiziert werden, damit der Betrieb und sein Publikum in ihrer Geilheit befriedigt werden.

Die peinlich dümmlichen Entschuldigungsargumente weisen auf ein anderes Fänomen hin: Newspeak ist schon soweit gediehen, dass sich niemand daran stößt, wenn A B genannt wird, Diebstahl Remix, Plagiat Hommage und Abschreiben copy-and-paste. Es seien die Gesellschaftsverhältnisse, die dazu führen. Es gebe keine Originalität, sagt die Göre, sondern nur Echtheit. Trotzdem besteht ihr Verlag und sie natürlich auf der Autorschaft, auf Originalität hinsichtlich des copy rights, der Tantiemen. Da hört der Spaß auf. Aber der Widerspruch scheint nicht zu stören.

Die Sucht nach dem vermeintlich Authentischen, die Fokussierung aufs Berichten, führte auch andere Autoren in den letzten Jahren zu befremdlichen Aktionen. Wir erinnern uns, dass Conny Hannes Mayer nicht belegbare biografische Daten und Erlebnisse vertrat, die zu einer peinlichen Affäre führten. Wir erinnern uns des Falles Binjamin Wilkomirskis, der als Holocaust-Lüge Aufsehen erregte: nicht dass er den Holocaust leugnete, aber er gab vor ein Opfer gewesen zu sein und erzählte eine gefälschte Biografie. Solche und ähnliche Fälle gab es mehrere.

Sie sind unter anderem auch deshalb möglich geworden, weil es einen Markt dafür gab und gibt, weil bestimmte Erwartungshaltungen einige einladen, sie zu erfüllen, zu bedienen. Das ist ein Teil der Verlogenheit des Betriebs, des Systems, an dem das Publikum, die Kritiker und Vermittler, die Verleger und die Autorinnen ihren Anteil haben.

Deshalb ist der Fall Hegemann nicht nur ihrer, sondern auch einer des Literaturbetriebs und der Medien.

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