Schlafende Schönheit

Flaming June, eines der bekanntesten Gemälde der Kunstgeschichte, das der englische Maler Frederic Leighton um 1895 geschaffen hat, sowie fünf teils monumentale Hauptwerke von Edward Burne-Jones bilden die Höhepunkte der Sommerausstellung im Unteren Belvedere. Die Schau "Schlafende Schönheit" erschließt eine in Österreich bislang weitgehend unbekannte Bildwelt der beginnenden Moderne und ermöglicht einen visuellen Streifzug durch das Kunstschaffen in England ab der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die 1848 in London gegründete Künstlergemeinschaft der Präraffaeliten verfolgte die Erneuerung der Künste gegenüber der offiziellen viktorianischen Kunst. Die ideologische Ausrichtung der Gruppe basierte auf den Inhalten der englischen Literatur und der Historie des Landes sowie auf religiösen Themen mit einem bis dahin unbekannten Alltagsbezug. Mithilfe von Werkanalysen und Vergleichsbeispielen werden der kunsthistorische Kontext der gezeigten Bilder von unter anderen Frederic Leighton, Edward Burne-Jones, Dante Gabriel Rossetti, John Everett Millais und William Holman Hunt und deren Bezug zur österreichischen Kunst der Jahrhundertwende veranschaulicht.

Die Ausstellung "Schlafende Schönheit" bildet den Auftakt zu einer intensivierten Auseinandersetzung mit der viktorianischen Kunst im Belvedere, dem Sonderpräsentationen zum europäischen Symbolismus und zur Kunst der Präraffaeliten folgen werden. Der Großteil der Exponate stammt aus dem vom Industriellen Don Luis Alberto Ferré Aguayo 1959 gegründeten Museo de Arte de Ponce auf Puerto Rico, das derzeit baulich erweitert wird. Die Ausstellung im Belvedere bietet nach London, Madrid, Den Haag und Stuttgart die letzte Gelegenheit, diese außergewöhnlichen Gemälde vor ihrer Rückkehr nach Puerto Rico zu sehen. Die Schau orientiert sich am Bestand der karibischen Sammlung und ist in vier Kapitel gegliedert. Das erste veranschaulicht die hohe Qualität der von Ferré in kürzester Zeit zusammengetragenen Gemälde. Eines der Hauptwerke ist zweifellos John Everett Millais’ 1857 gemaltes Bild The Escape of a Heretic.

Die drei weiteren Ausstellungskapitel zeigen, wie unterschiedliche Motive des Schlafes die Bildwelten der Künstler bestimmten. Mythologie und Märchen boten ihnen eine beachtliche Anzahl von Bezugspunkten. So zeigt das Belvedere Burne-Jones’ gemalte Illustrationen des Grimm- Märchens Dornröschen (Sleeping Beauty), das er in seiner Bildwelt zu Briar Rose verwandelte. Von ihm stammt auch das knapp 20 m2 große Gemälde The Sleep of Arthur in Avalon. Schlusspunkt der Ausstellung ist das unter didaktischen Grundsätzen konzipierte Kapitel über Flaming June, das unumstrittene Hauptwerk Frederic Leightons. Betrachtet wird die formale Genese ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem im prüden viktorianischen England Aufsehen erregenden Bildthema, die nach klassischen Gesichtspunkten konzipierte Ästhetik, die erotischen Elemente bis hin zur Klärung der bislang offenen Frage nach dem Modell.

Das Museo de Arte de Ponce (MAP) wurde 1959 in einer alten Kolonialvilla in der puertoricanischen Stadt Ponce eröffnet. Don Luis Alberto Ferré Aguayo (1904–2003) stattete dieses erste Kunstmuseum der Insel mit 71 Gemälden aus, die er ab etwa 1950 eigens zu diesem Zweck erworben hatte. Die Eröffnungsschau bot einen vielfältigen Überblick über die westliche Kunst von der Renaissance bis in die 1950er–Jahre und etablierte das MAP als wichtiges Zentrum europäischer Kultur im karibischen und amerikanischen Raum. Ein besonderer Schwerpunkt der Sammlung des MAP liegt auf der viktorianischen Kunst. Im Jahr 1959 erwarb Ferré in der New Yorker John Nicholson Gallery sein erstes präraffaelitisches Gemälde, das von Thomas Seddon gemalte Léhon from Mont Parnasse, Brittany. Im selben Jahr konnte er die Briar Rose Series von Edward Burne-Jones für seine Sammlung gewinnen, und kurze Zeit später erwarb Ferré mit The Sleep of Arthur in Avalon ein weiteres Hauptwerk von Burne-Jones. 1963 sicherte er sich schließlich das berühmteste Werk der Sammlung, Frederic Leightons Flaming June.

Katalog: Schlafende Schönheit. Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce, Hrsg. Agnes Husslein-Arco und Alfred Weidinger. Mit Texten von Christina Bachl-Hofmann, Gisela Fischer, Rainald Franz, Cheryl Hartup, Georg Lechner, Katharina Schoeller und Alfred Weidinger sowie einem Vorwort von Agustín Arteaga und Agnes Husslein-Arco. Wien, 2010, 156 Seiten, ISBN: 978-3-901508-83-7 (Deutsch), ISBN: 978-3-901508-84-4 (Englisch)

Schlafende Schönheit
Meisterwerke viktorianischer Malerei aus dem Museo de Arte de Ponce
15. Juni bis 3. Oktober 2010