Di, 01.01.2019 / Walter Gasperi / Filmriss
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Für Netflix drehte Alfonso Cuarón sein autobiographisch gefärbtes Gesellschaftsbild des Mexico City der frühen 1970er Jahre. Der auf 65mm und in Schwarzweiß gedrehte Venedig-Sieger ist aber ein Film, der wie nur wenige die große Leinwand nützt und nur im Kino seine ganze Kraft und seinen Reichtum entfalten kann.

Während des ganzen Vorspanns sieht man nur Fliesen, über die Wasser geschüttet wird, ehe die Frau, die hier reinigt ins Bild kommt. Cleo heißt sie im Film, in Realität verbirgt sich dahinter Cuaróns Kindermädchen und Haushälterin Libo, der er "Roma", der nach dem Stadtteil von Mexico City benannt ist, in dem er spielt, gewidmet hat.

Vom grandiosen Science-Fiction Film "Gravity", für den der 1961 in Mexico City als Sohn eines Kardiologen geborene Regisseur 2014 den Oscar für die beste Regie erhielt, könnte "Roma" freilich nicht weiter entfernt sein. Statt mit Farbe und 3D arbeitet Cuarón mit Schwarzweiß, statt im Weltraum spielt dieser Film in einem historischen Ambiente und kam er beim Vorgängerfilm mit zwei Personen aus, so zeichnet er hier ein breites autobiographisch gefärbtes Gesellschaftspanorama.

Cuaróns Alter Ego kann man in dem neunjährigen Paco (Carlos Peralta) sehen, der der Liebling dieser Cleo (Yalitza Aparicio) ist. Der Kinderblick ist im Einparken des großen Ford Galaxie in der schmalen Garage spürbar oder wenn die Mutter mit dem breiten Wagen an die Ecken schrammt oder zwischen zwei Autos steckenbleibt.

Doch "Roma", der als erster Film Cuaróns seit seinem Durchbruch mit "Y tu mamá también" (2001) in Mexiko spielt und auf Spanisch gedreht wurde, ist kein Film über diese Kindheit, sondern vielmehr ein Film über das Hausmädchen und das soziale Gefälle in der mexikanischen Gesellschaft.

Langsam schwenkt die Kamera durch das großbürgerliche Stadthaus, in dem immer wieder nach Cleo gerufen wird. Sie ist für alles zuständig, wohnen und schlafen muss sie und das zweite Hausmädchen, das sich die Familie leistet, aber in einer engen Kammer, abgeschieden vom Bereich der Familie.

Das Private und Persönliche verbindet Cuarón souverän und leichthändig mit dem Gesellschaftlichen. Er zeichnet nicht nur ein Bild der Familie, die bald vom Vater verlassen wird, und des gesellschaftlichen Gefälles, sondern bringt auch die Verhältnisse in der Stadt mit ins Spiel. Während zunächst nämlich "nur" von einem Schuss auf einen jungen Mann während einer Demonstration erzählt wird, geraten Cleo und die Großmutter in einer hochdramatischen Szene schließlich beim Kauf einer Wiege in einem Möbelgeschäft selbst in ein brutales Massaker von Killerkommandos an jungen Demonstranten.

Auch in dieser hochdramatischen Szene schließt Cuarón Privates mit Politischem kurz, wenn das Entsetzen Cleos dabei durch eine schockierende persönliche Begegnung gesteigert wird. Zu früh setzen angesichts dieses Schocks bei der Schwangeren, deren Freund sie stillschweigend in einem Kino verlassen hat, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr, die Wehen ein.

Wie in dieser Kinoszene, in der im Vordergrund Cleo ihrem Noch-Freund von der Schwangerschaft berichtet, während im Hintergrund auf der Leinwand der Louis de Funès-Film "Die große Sause" dem Happy-End zusteuert, versteht es Cuarón immer wieder in seinen enorm tiefenscharfen Einstellungen virtuos mit mehreren Bildebenen zu arbeiten.

Übervoll sind diese mit stupendem Detailreichtum ausgestatteten Plansequenzen, die die frühen 1970er Jahre zum Leben erwecken, sodass man oft gar nicht weiß, wo man nun wirklich hinschauen soll. Das Spiel mit Bildvorder- und Bildhintergrund hat dabei aber auch eine inhaltliche Funktion, denn immer wieder werden hier Glück und Leid in einer Einstellung kombiniert und so die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen bewusst gemacht.

So wird bei einem Waldbrand während einer Neujahrsfeier auf dem Land in einer irren Szene im Vordergrund ein Mann ein Lied singen, während im Hintergrund Männer, Frauen und Kinder den Brand zu löschen versuchen. Und bei einem Ausflug ans Meer wird die Trauer der Kinder, die die Mutter darüber informiert, dass der Vater sie verlassen wird, von einer fröhlichen Hochzeitsfeier im Hintergrund kontrastiert.

Wie Cuarón die ganze Bildfläche wie nur wenige Regisseure nutzt und in seinen überreichen Bildern enorme Dramatik aufbaut, so begeistert auch seine Arbeit mit dem Raumton und das Sounddesign. Selten hörte man im Kino den Ton so von allen Seiten je nach Position der Figuren wie hier.

An den Neorealismus knüpft der Mexikaner dabei mit dem empathischen Blick auf die einfache Hausangestellte und die Ausbeutung der Indigenen an. Abgeschlossen mag die Welt der Familie aus dem gehobenen Bürgertum durch ein meist verschlossenes Haustor sein, aber die Welt ist doch nicht fern und das Historische fließt mit realen Ereignissen wie dem Erdbeben von 1970, dem Massaker von 1971 und Nachrichten vom Landdiebstahl an Indigenen ebenso ein wie sehr persönliche Erfahrungen mit einem Kinobesuch von "Marooned – Verschollen im Weltall" ein.

Mehr als eine stringente Handlung zu entwickeln entfaltet "Roma" aus einzelnen Situationen ein Panorama und eine Hommage an die stille und unbemerkte Arbeit Cleos. Aber auch Momente höchster Dramatik fehlen nicht nur beim Massaker und der Frühgeburt nicht, sondern auch bei der Suche Cleos nach dem Kindsvater in einem Slum und einem Sportgelände, in dem die Killerkommandos sich schon in Martial Arts üben oder bei einer hochdramatischen Rettungsaktion der Kinder aus dem tobenden Meer nicht.

Schlecht kommen hier die Männer weg, heimlich schleichen sie sich aus der Verantwortung, lassen die Frauen mit Kindern oder Schwangerschaft sitzen oder trainieren ihre Kampfkünste und zeigen beim Fronleichnams-Massaker ihre ganze Brutalität. – Auch eine große Liebeserklärung an die Kraft der Frauen ist dieser Film: Klassenüberschreitend hält die Mutter zu Cleo und dieses unscheinbare Kindermädchen, diese kleine dienende Frau, die nichts zu sagen hat, übertrifft die machistischen Kämpfer an innerer Stärke und Kraft, kann sie doch auf einem Bein mit angewinkeltem anderen Bein stehen, während die scheinbar starken Männer bei diesem Versuch scheitern.

Läuft am 2.1. im Takino Schaan und im Januar mehrmals im Kinok in St. Gallen (span. O.m.U.)

Trailer zu "Roma"

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