8. Oktober 2013 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Zwei Astronauten allein im Weltraum. Alfonso Cuarón entwickelt daraus ein Kammerspiel von überwältigender visueller Schönheit, das die 3D-Technik äußerst eindrucksvoll einsetzt und im Gewand packender Science-Fiction existentielle Fragen anspricht.

Auf schwarzer Leinwand steht in schlichter weißer Schrift der Titel "Gravity". Einige Inserts stellen den Weltraum recht pathetisch als Ort der völligen Stille vor, in dem menschliches Leben unmöglich ist. Die Musik schwillt an, bricht aber mit einem Schnitt abrupt ab und der Zuschauer wird in diese Stille hineingeworfen. Vom Dunkel des Weltalls blickt die Kamera auf den majestätischen blauen Planeten Erde, fängt aus 600 Kilometer Distanz Meere und Gebirge oder einen grandiosen Sonnenaufgang ein.

Im Vordergrund verrichten zwei Astronauten eines Space Shuttles bei einem Außeneinsatz Reparaturarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop. Während der alte Hase Matt Kowalsky (George Clooney) vielleicht doch etwas zu verspielt herumfliegt und Anekdoten erzählt, leidet seine junge Kollegin Ryan Stone (Sandra Bullock) an Schwindelgefühlen und kommt mit der Aufgabe nicht ganz zurecht. Über Funk hat man immerhin Kontakt zur Bodenstation in Houston.

Förmlich schwerelos bewegt sich die Kamera von Emanuel Lubezki, der auch bei den letzten Filmen von Terrence Malick die Kamera befreit taumeln und gleiten ließ. Minutenlang kreist sie ohne Schnitt, nähert sich bald den Figuren, entfernt sich dann wieder, übernimmt bald die Perspektive der Astronauten und blickt durch ihr Visier und rückt immer wieder im Hintergrund die Erde ins Bild. Verstärkt wird das Gefühl der Schwerelosigkeit, das sich hier einstellt, durch die brillante Nutzung von 3D: Wenn Stone eine Schraube fallen lässt, meint man, dass diese direkt langsam in den Kinosaal fliegt.

Hektik kommt auf, als Houston die Astronauten vor sich näherndem Schrott eines explodierten Satelliten warnt. Kowalsky und Stone schaffen es aber nicht mehr in die Station, die von den anfliegenden Metallteilen getroffen wird. Stone wird sogar abgetrieben. Kowalsky versucht sie zurückzuholen, bindet sie dazu an eine Schnur, die überdeutlich an eine Nabelschnur erinnert. Zurück bei der Raumstation finden sie diese vom Weltraumschrott zerstört und die Besatzung tot vor. Auch jeder Kontakt zur Erde ist abgebrochen. Allein müssen sie versuchen die internationale Raumstation ISS zu erreichen.

Als dünn könnte man das Drehbuch, das Alfonso Cuarón zusammen mit seinem Sohn Jonás geschrieben hat, bezeichnen, wenn auf der Reise durchs All immer wieder neue Gefahren drohen. Doch einerseits ist der Film mit seiner Detailfreude und dem Streben nach Realismus durchgängig visuell überwältigend gestaltet, andererseits sorgt die 3D-Technik nicht nur dafür, dass einem der Weltraumschrott direkt um den Kopf fliegt, sondern verbreitet auch tiefe Melancholie, wenn die beiden Astronauten durch die endlose Leere schweben oder sich eine Träne in den Kinosaal ausbreitet.

Und drittens versteht es Cuarón die konkrete kleine Geschichte, die immer wieder mit hochspannenden Actionszenen aufwartet, ganz unprätentiös und selbstverständlich mit existentiellen Fragen aufzuladen. Ohne viele Worte erzählt "Gravity" universell und zeitlos von Leben und Tod, von Einsamkeit und Ausgeliefertheit des Menschen, von Annäherung und Verlust, von Bindung und der Notwendigkeit los zu lassen, von den Schwierigkeiten und Nöten, die das Leben bringt, dem Durchhaltewillen, den dieses Leben vom Menschen verlangt und implizit in der Schönheit des Films auch von der Schönheit des Lebens, die es lohnt fürs Überleben bis zum Letzten zu kämpfen.

Nach dem etwas überladenen dystopischen "Children of Men" ist Cuarón mit "Gravity" ein wunderbar entschlackter und gleichwohl gedankenreicher Science-Fiction-Film gelungen. Mehr oder weniger in Echtzeit wird in kompakten 90 Minuten erzählt, es gibt keine Vor- und Nebengeschichten, sondern nur die beiden Astronauten im All und ihr Überlebenskampf.

Nicht viel erfährt man über diese einzigen Protagonisten und nicht viel Spielraum lässt dieses Kammerspiel in unendlicher Weite Sandra Bullock und George Clooney im Grunde, denn meist sind sie in ihren Raumanzügen dick eingepackt. Fast auf die Stimme reduziert bleibt so Clooney und kann doch damit ebenso rühren wie Bullock, die ein traumatischer Verlust belastet, aber in der lebensgefährlichen und nahezu aussichtslosen Situation lernt, über sich hinauszuwachsen. – Ein Kinoabenteuer, das süchtig machen kann und lange nachhallt.

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Trailer zu "Gravity"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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