Der Fordschritt

24.05.2009 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Dass die weltweite Wirtschaftskrise nicht nur eine finanzielle ist, dämmert langsam vielen. Sie ist eine modernisierte Kriegsform für das profitable Kriegsgeschäft, für den Profit. Dieses globalisierte Geschäft verlangt Geschäftstüchtige. Nicht nur Geschäftsmänner und -frauen, Geschäftsleute, sondern bedenkenlose (gedankenlose) Produzenten und Konsumenten. Dieser Notwendigkeit entsprach die Europäische Union vor Jahren mit Unbildungsmassnahmen, die als moderne Bildungsmassnahmen umgesetzt wurden (Bolognaprozess). Dieser Prozess erfolgt jetzt weltweit, seit das Kapital global gesiegt hat und die Wirtschaft unumschränkt herrscht.


Für den Titel leih ich mir eine Pointe von Karl Kraus und hoffe, damit nicht unschicklich zu sein. Der Zusammenhang wird klar, wenn weiter unten der dazugehörende Absatz gelesen wird.

Manchmal erhellen frühe Einsichten in alten Worten mehr die aktuelle Lage, als das täuschende, vernebelnde, filternde, verlogene Managergeschwätz, das auch den kümmerlichen Sprachschatz der Politiker und «Macher» von heute bestimmt.

Die Propaganda war so erfolgreich, dass viele meinen, die Globalisierung fördere die Vielfalt, und es komme nur auf hohes Leistungsvermögen und die rechte Gesinnung an, um erfolgreich konkurrieren zu können. Aber weder genuin Eigenes ist gefragt, noch Vielfalt. Im Gegenteil: es geht um verstärkte Etablierung GLEICHER Werte weltweit, die das globale Geschäft in einer globalisierten Welt fördern. Es geht um eine gigantische Gleichschaltung. Damit einher geht eine gleichgeschaltete Zurichtung, die als «Bildung» verkauft wird.

Die gleiche Ausrichtung und Angleichung erfolgt auch sprachlich. Immer mehr Menschen bedienen sich der Lingua franca. Immer mehr Menschen folgen dem Nützlichkeitsdiktat und lernen lebenslang, was ihnen die Bosse vorschreiben. Sie erfüllen die Bedingungen des geltenden Utilitarismus. Sie werden nützlich. Sie halten hohe Standards, die in teuren Zertifikaten ausgewiesen und bestätigt werden und die permanent erneuert werden müssen. Das hält auf Trab und bei der Stange.

Karl Kraus, ein österreichischer Schriftsteller, war ein besonders scharfer Geist. Deshalb wurde er gehasst. Er hatte es vor allem mit der Sprache. Aber auch mit der Gesellschaft, die sie bedingte. Ein Satz von ihm als Anmerkung zu einer schlichten Meldung einer westlichen Vernünftigkeit aus dem Land der unendlichen Möglichkeiten ist heute, leider, aktueller denn je:

(Der standardisierte Mensch.) Henry Ford hat kürzlich hundert Millionen Dollar für die Errichtung einer Schule gestiftet, die er die Schule der Zukunft nennt. «Ich habe so lange Autos fabriziert», erklärte er, «bis ich den Wunsch bekam, nunmehr Menschen zu fabrizieren. Die Losung der Zeit ist Standardisierung.» - - Die erste Musterschule Fords, die ihre Tätigkeit bereits begonnen hat, nimmt nur Knaben im Alter von 12 bis 17 Jahren auf. Verpönt sind Sprachen, Literatur, Kunst, Musik und Geschichte. - - Die Lebenskunst müssen die Schüler lernen, sie müssen verstehen, zu kaufen und zu verkaufen - -
Endlich einmal tabula rasa mit Vorwänden, die dem einzigen und wahren Lebenszweck vielfach hinderlich waren!
Karl Kraus: Die Fackel, Nr. 838-844 (1930).

Vor 79 Jahren publiziert vermag der kurze Text heute, da die Globalisierung ihr Zerstörungswerk immer augenfälliger unter Beweis stellt, vielleicht zum Nachdenken anregen, falls die Fähigkeit dazu nicht durch die erfolgte Standardisierung des Denkens verunmöglicht wurde.

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