Die Seele einer Zuckerdose

13.10.2009

25.10.2008 bis 18.10.2009  Villa Flora

Die Villa Flora – als wäre schon der Name ein Omen – stellt in der Ausstellung «Die Seele einer Zuckerdose» das Stillleben ins Zentrum. Bonnard, Cézanne, Matisse, Manguin, Renoir, Redon, Vuillard u.a., die mit wunderbaren Arbeiten in der Flora vertreten sind, trachteten danach, im Stillleben die Dinge und Pflanzen in ihrem Wesen zu erfassen und ihre Empfindung zu ihnen mitzumalen.


Das stilvoll stille Leben erfüllt den ganzen Ausstellungsort. Die Villa Flora, die mit dem Garten und der Sammlung ein einmaliges Gesamtkunstwerk bildet, wird ebenfalls prominent thematisiert. Das von den namhaften Architekten Robert Rittmeyer und Walter Furrer 1907/08 für das Winterthurer Sammlerpaar Hedy und Arthur Hahnloser umgebaute und erweiterte Gebäude interessiert genauso wie die liebevollen Details der Innenausstattung – auch sie sind beseelte Zeitzeugnisse, die bis heute nichts von ihrem Zauber eingebüsst haben.

Das Stillleben verspricht dem Betrachter Sinnenfreude. Dem Künstler bietet es eine besondere Herausforderung. Er findet in dieser Gattung eine Plattform für seine malerische Experimentierlust, kann den bildimmanenten Beziehungen von Formen und Farben nachgehen und mag dabei neue Gestaltungsmittel entwickeln. In diesem Sinn verstehen wir das Stillleben in der jetzigen Ausstellung in der Villa Flora und versammeln dort Werke wie Pierre Bonnards «Pot provençal», 1930, oder Edouard Vuillards «Le vase bleu», um 1930, zum Dialog. Diesen Künstlern ging es nie nur um die formale Bildbefragung, sie versuchten das Wesen der Dinge sichtbar zu machen und ihre Beziehung zu ihnen im Bild einen Ausdruck zu verleihen. So war etwa Cézanne überzeugt, dass auch eine Zuckerdose eine Seele und eine Physiognomie habe. Dies bezeugt sein Stillleben «Fruits et boîte à poudre», 1876 - 1878, eine Leihgabe aus der Sammlung des Museums Langmatt in Baden.

Wir bleiben nicht bei diesem klassischen Verständnis des Stilllebens, das sich auf die stimmig arrangierten Früchte und Blumen auf dem Tisch beschränkt. Wir weiten den Blick und betrachten auch das Leben um den Tisch herum. Menschen und Tiere gesellen sich hinzu. Sie unterhalten sich miteinander, sie dösen oder lesen. Das Bild zeigt ein Stück angehaltener Zeit im Fluss ihres Lebens. Ihr Hinzutreten erst beseelt die Dinge und wandelt sie von der «nature morte» zur «nature vivante». Mit Werken wie Bonnards «Le thé», 1917, oder «La bouillabaisse», um 1910, genauso wie mit Vuillards «Madeleine Decors (née Reitz) et son fils Bernard», 1919 – 1920 oder «La liseuse», um 1910, aus dem Kunstmuseum Winterthur, betreten wir gleichsam die Herzkammer ihrer Kunst. Auch für Redon oder Renoir bot das Stillleben - in dieser erweiterten Form als freies Beziehungsspiel zwischen Ding und Mensch - ein unerschöpfliches Betätigungsfeld. In den Visionen von Redons «Le rêve ou La pensée», um 1908, werden Blumen und Pflanzen in Bildmetamorphosen zu Verwandten und verbinden sich mit träumerischen Gesichtern und feenhaften Gestalten zur poetischen Einheit. All diese Künstler haben nie nur das Verhältnis von Mensch und Ding zueinander angesprochen, ihre Bilder sind erfüllt von der Atmosphäre, die deren Zusammensein erzeugt.

Das Thema der Ausstellung lenkt den Blick wie selbstverständlich auch auf die Umgebung und bezieht zum ersten Mal explizit das Interieur der Villa Flora mitein. Das grüne Glas, das Manguin in seinem Stillleben «Les asperges», 1914, festgehalten hat, steht als realer Gegenstand aus dem Haushalt der Flora im Ausstellungsraum. Andere Dinge des alltäglichen Gebrauchs, wie der in Bronze gegossene mächtige Tischschmuck von Bonnard, weiten den Bildraum in den Raum des Betrachters. Gläser aus dem Gewerbemuseum Winterthur, floral sich rankend, sowie ein kobaltblaues Teeservice von Raoul Lachenal aus dem Zürcher Museum Bellevie sind Zeugnisse des umfassenden ästethischen Gestaltungswillens der damaligen Epoche.

Es kommt hinzu, dass auch dem Ausstellungsort selbst eine unverwechselbare Atmosphäre eignet. Über Generationen hinweg konnte die vom Winterthurer Sammlerpaar Hedy und Arthur Hahnloser-Bühler erworbene und im Geist der Zeit geschmackvoll eingerichtete Villa an der Tösstalstrasse lebendig erhalten bleiben. Mit ihrer hochkarätigen Sammlung und dem Garten verbindet sie sich zu einem Gesamtkunstwerk. Wer vom Tisch aufschaut, blickt in die nahe Umgebung mit den Maillol-Plastiken im parkartigen Garten. Auch in Bildern von Bonnard, Vuillard oder Manguin gleitet das Auge über schön terrassierte Gärten.
Angelika Affentranger-Kirchrath


Zur Ausstellung erscheint ein reich bebildeter Katalog: Angelika Affentranger-Kirchrath «Die Seele einer Zuckerdose - Stillleben und Interieurs in der Villa Flora» mit einem Beitrag von Henriette Hahnloser. 104 Seiten, 63 farbige und 18 sw Abbildungen, 23 x 28 cm, Klappenbroschur CHF 38.– / EUR 24.– Benteli Verlag (Bern, Sulgen, Zürich), ISBN 978-7165-1549-5

Die Seele einer Zuckerdose
25. Oktober 2008 bis 18. Oktober 2009

Villa Flora
Tösstalstrasse 44
CH-8400 Winterthur
T: 0041 (0)52 212 99 66
F: 0041 (0)52 212 99 65
E: info@villaflora.ch
W: http://www.villaflora.ch


Öffnungszeiten

Fr bis So 14 - 17 Uhr

 


  • Pierre Bonnard, La Bouillabaisse, um 1910. Öl auf Leinwand, 62 x 52 cm. Ehemalige Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung. Foto: Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich
  • Paul Cézanne, Fruits et boîte à poudre, 1876–1878. Öl auf Leinwand, 24 x 33,5 cm. Museum Langmatt Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown, Baden/Schweiz. Foto: Peter Schälchli, Zürich
  • Henri Manguin, Le thé à la Flora, 1912. Öl auf Leinwand, 116 x 89 cm. Hahnloser/Jäggli Stiftung; Foto: Reto Pedrini, Winterthur
  • Pierre Auguste Renoir, Sucrier et timbale, 1910. Öl auf Leinwand, 19,5 x 26 cm. Museum Langmatt Stiftung Langmatt Sidney und Jenny Brown, Baden/Schweiz. Foto: Peter Schälchli, Zürich
  • Edouard Vuillard, Le vase bleu, um 1930. Öl auf Holz, 19,7 x 26,7 cm. Ehemalige Sammlung Arthur und Hedy Hahnloser-Bühler, Privatsammlung. Foto: Reto Pedrini, Winterthur

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