Das Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich

14.02.2008 Haimo L. Handl

Ein handliches Nachschlagewerk im Umfang von 520 Seiten. Da es nur wenige Einträge hat (rund 600), sind die Beiträge zu den Begriffen ziemlich umfangreich. Es handelt sich um einen Kompromiss zwischen Wörterbuch und staatsbügerkundlichem Nachschlagewerk. Bislang gab es noch kein «politisches Wörterbuch». Jetzt soll das vorliegende Werk diese Lücke schliessen.


Wer Wörterbücher kennt, bedauert dieses Mittelding, seine geringe Versammlung verschiedener Termini. Dafür sind die meisten Einträge dafür ausführlich und verständnisfördernd. Manchmal aber, für einen Dictionary etwas befremdlich, ideologisch wertend. Diese Belastetheit zeigt sich vor allem in der Einleitung. Wären die nachfolgenden Einträge in der gleichen oberflächlichen, summarischen Qualität gehalten, müsste man das Buch verärgert weglegen.

Dort heisst es gleich zu Beginn, man wolle mit dem Buch den «spezifischen Sprachgebrauch» dokumentieren. Das wäre eine enorme Leistung. Was ein Wörterbuch leisten kann, ist die Auflistung und Erklärung der Begriffe, die in spezifischen Kontexten gebraucht werden. Der Gebrauch wird nicht einmal eindimensional zu dokumentieren sein, sondern nur, soweit möglich und zur semantischen Klärung nötig, typisiert zu nennen sein.

Das Buch verstehe sich als «Beitrag zur angewandten politischen Bildung». «Politik ohne Sprache, sprachlose Politik, hört auf, Politik zu sein.» Das wird am Ende dieses Abschnitts der Einleitung nochmals aufgegriffen: «Wo Sprache aufhört endet auch die Politik. Politik ist schwierig, wo Sprachunterschiede die Verständigung erschweren. ... So genannte ethnische Konflikte finden eigentlich oft ihre Ursache im sprachlichen Nicht-Verstehen. ... Wo nicht mehr gesprochen wird, tendiert politisches Handeln zur Gewalt».

Also gibt es doch Politik, auch dort, wo keine Sprache mehr herrscht, nämlich eine der Gewalt. Innerhalb weniger Zeilen erfolgt ein Widerspruch. Wenn es keine sprachlose Politik gibt bzw. keine, wo nicht mehr gesprochen wird, gäbe es immer noch bzw. jetzt als Resultat der Sprachlosigkeit Gewalt, gewaltsamen Konflikt und «letztlich Krieg». Eigentümliche Logik. Sie reduziert auch Konflikte auf einen Kommunikationshintergrund, der so simpel und linear nicht ist. Diese Extremvereinfachung ist falsch. Weiters kann gezeigt werden, dass es Staaten und Gesellschaften mit extrem starken ethnischen Konflikten gibt, wo allerdings alle Beteiligten dieselbe Sprache sprechen. Also gibt es auch andere Ursachen und Hintergründe. In der Formulierung der Autoren klingt das aber verkürzt und deshalb falsch. Umgekehrt sind viele politische Probleme, die auf Sprachschwierigkeiten zurückzuführen sind, nicht unbedingt ethnische. Denn Sprachprobleme bestehen auch für Bevölkerungsteile der eigenen Kultur oder Ethnie, wenn man schon diese Dimension bemühen will (weshalb eigentlich Rasse, Ethnie, Religion wieder als politisch korrekte Dimensionen verwenden?)

Der Schlusssatz dieses Abschnitts lautet: «vielleicht kann auch dieses Buch dazu beitragen, die Gefahr derartiger Formen der sprachlosen Politik zu reduzieren!» Die Folgerung, dass dort, wo nicht mehr gesprochen werde, politisches Handeln zur Gewalt tendiere, negiert die horrible Erfahrung jener Gesellschaften und Regime, wo viel und laut «gesprochen» wurde, kein verschwiegener oder schweigsamer, sondern beredter Terror herrschte (z.B. bei den Nazis und Stalinisten).

Typisch auch, dass zur kurzen Definition politischer Sprache die angelsächsischen Termini bemüht werden: «In der Politikwissenschaft übernimmt man in der Regel drei Bedeutungen aus dem englischen Sprachgebrauch: Politik kann demgemäß politics, polity oder policy sein.» Nett. Dass «man» in der Regel übernimmt, ist damit unter Beweis gestellt, allerdings nicht erklärt, warum. Die Übung ist wie ein unfreiwilliger Beweis der Anpassung. Nicht an Dictionaries, sondern an gewisse politikwissenschaftliche Hintergründe und damit verbundene Wertfelder. Gibt es keine deutschsprachigen mehr? Sind sie alle «belastet»?

Ganz fein lässt sich für den, der's geistige Auge dafür hat, weiterer einfärbender Werthintergrund ausmachen: Es gehe «um die Beherrschung des Luftraums über den Stammtischen, um die Debatten im Parlament, um die Meinungen in Redaktionen und Medien, aber auch um die Vorbereitung von Beschlüssen hinter verschlossenen Türen».

Die martialische Sprache (Beherrschung, Luftraum) ist kein Zufall, ebenso wenig die Zuschreibung von «Debatten» für das Parlament, und «Meinungen» für Redaktionen und Medien. Das hat System und Methode. Das hat auch einen gesellschaftlichen Hintergrund. Die Sprachempfindsamkeit äussert sich auch im (typisch österreichischen) Gebrauch des Konjunktivs: «Man könnte diesbezüglich fünf Dimensionen der politischen Sprache unterscheiden.» Könnte? Die Autoren unterscheiden konkret und belassen es nicht bei der Mitteilung der Möglichkeit. Aber hinter dem Gebrauch des Konjunktivs muss doch eine Absicht, ein Verstehen liegen. Oder nicht? Einfach übliches, halbbewusstes Schreiben? Zeigt sich darin die Dokumentation des «Sprachgebrauchs»? Der nächste Abschnitt der Einleitung, «Die spezifische Verwendung von Sprache» ist annehmbarer und besser formuliert.

Die Kenntnis eines Jargons kann sicher dem Verständnis der Sache, des Bereichs, dem er zugehört, helfen. Aber sie ersetzt nicht das Wissen, dessen es bedarf, damit die Kenntnis sinnvoll verbunden (vernetzt) zu einem Bedeutungsverständnis führt.

Ich erinnere mich an die untauglichen Lehrinhalte in einem politikwissenschaftlichen Proseminar an der Universität Wien, wo der Professor uns Abkürzungen und Acronyms seitenweise vermittelte mit der Erklärung, dass ihre Kenntnis ein Teil des Wissens internationaler Beziehungen etc. ausmache. Als ob die Kenntnis der Termini ein Verstehen dessen nach sich ziehe, wofür sie stehen oder zu stehen vorgeben. So ähnlich kommt mir der Versuch vor, mittels Erläuterung gewisser Jargonteile ein «Wissen» zu vermitteln. Was versteht wer, der jetzt weiss, was es mit «Bärenthaler» oder «Hump-Dump» auf sich hat? X Begriffe sind vielen bekannt (Parlament, Nationalrat, Ausschuss, Europäische Union), und trotzdem ist an einem vertieften politischen Verständnis zu zweifeln. Wäre dem nicht so, müsste die heimische Politik anders sein, ebenso die medialen Bezüge.

«Untersuchungsausschuss» ist in der Erörterung des Begriffs «Ausschuss» subsummiert. Kurz. Zu kurz für mein Verständnis. Man findet auch nichts zum «Listenwahlrecht», nur zum Begriff «Liste», erfährt aber nichts über die Eigenheit davon und welcher Zusammenhang damit besteht zum «freien Mandat» bzw. zum Klub. Wohl wird kurz der «wilde Abgeordnete» angeführt, aber die Erklärung, was es im Zusammenhang mit dem Listenwahlrecht und der Bedeutung der Klubs als Fraktion auf sich hat, fehlt. Unwichtig?

«Kontrolle» oder «Kontrollfunktion» oder «Regierungsvorlage» vermisse ich ebenfalls. Eigentümlich, wo doch die Regierungsvorlagen den Hauptanteil der Gesetzeseingaben zur parlamentarischen Arbeit darstellen. Von «Souveränität» kann man nur indirekt in anderen Erörterungen lesen. Dafür werden modische Termini aufgelistet, die wahrscheinlich den «Luftraum über den Stammtischen» bedienen.

Das alles störte weniger, wenn das Wörterbuch sozusagen nicht unter falscher Flagge segelte und betonte, einen «Beitrag zur angewandten politischen Bildung» zu liefern. Die braucht ein Verständnis der Macht- und Organisationsstrukturen. Und der Begriffe, die dafür stehen oder sie verdecken. Die Problematik des Österreichbezugs zeigt sich mir z.B. auch in der fachlich einwandfreien, präzisen Erklärung des Begriffs «Zivilgesellschaft». Hier wird überhaupt kein Aspekt österreichischer Bedingtheit angeführt. Die inhaltlich korrekte Darlegung ist allgemein. Nur im Literaturverweis wird auf eine österreichische Publikation verwiesen. Dabei ist «Zivilgesellschaft» gerade in Österreich, bedingt durch die Historie seiner politischen Organisation, ein «Problemfall».

Interessant auch, wie das heikle Thema der «EU-Sanktionen» abgehandelt wird. Hier werden europäische Absichten angeführt, ohne die Weiterentwicklungen zu nennen. Und wenn in einem anderen Fall, z.B. beim Begriff «Bundespräsident», ausgeführt wird: «Grundsätzlich ist das Amt allerdings vielleicht auch wegen der Sehnsucht vieler Bürger nach einem gerechten Ersatzkaiser sehr positiv konnotiert.», dann haben wir ein Musterbeispiel österreichischen Sprachgebrauchs, wie ich ihn in einem Fachtext nicht begrüsse. Die subjektive Mutmassung ist unnötig. Weshalb erfolgt sie nicht beim Eintrag der Sanktionen? Angst? Verletzung der politischen Korrektheit? Ich wünschte auch dort keine. Aber die Art, wie hier grundsätzlich vielleicht allerdings doch geschrieben wird, scheint mir typisch für einige österreichische Wissenschaftler. Zudem liefert die Behauptung von der Sehnsucht «vieler» Bürger nach einem «gerechten Ersatzkaiser» eine Wertung gleich mit, die sich nicht nur auf den Ersatzkaiser bezieht, sondern auf den Kaiser, von dem der Mythos (eigenes Stichwort: Kaisermythos) speist. Das ist Ideologie! Es geht nicht nur um den Überpapa, den Führer, sondern den «gerechten». Mit Umkehrschluss, dass die niederen Gefilde unserer Politik ungerecht sind. Allerdings ohne das näher auszuführen. (Stichworte wie Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit, Gleichheit oder Gleichstellung fehlen - natürlich; sie kommen in der politischen Sprache Österreichs wahrscheinlich nicht vor).

Trotz einiger mir als Mängel erscheinenden Eigenheiten eine hilfreiche und wichtige Publikation, die politisch Interessierten zu empfehlen ist.


Oswald Panagl, Peter Gerlich (Hg.): Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich. Wien, ÖBV-Verlag 2007. 520 Seiten. ISBN 978-3-209-05952-9

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