"Berliner Milieufilme" von Gerhard Lamprecht

28.02.2013 Walter Gasperi

Der genaue Blick für das Milieu und die Menschen der Unterschicht zeichnet Gerhard Lamprechts Mitte der 1920er Jahre entstandenen Stummfilme «Die Verrufenen» (1925) und «Die Unehelichen» (1926) aus. In der Edition Filmmuseum, in der immer wieder wenig bekannte Meisterwerke der Filmkunst veröffentlicht werden, sind diese beiden sozialrealistischen Melodramen auf DVD erschienen.


Von Kind auf interessierte sich der 1897 in Berlin geborene Gerhard Lamprecht fürs Kino. Zeit seines Lebens sammelte er Filme. Seine Sammlung übergab er 1962 dem Berliner Senat, die damit gegründete Deutsche Kinemathek leitete Lamprecht als erster Direktor von 1963 bis 1966.

Doch Lamprecht war nicht nur Sammler, sondern drehte zwischen 1918 und 1958 auch rund 50 Filme. Den Blick richtete er dabei vor allem auf die Menschen. Der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie versuchte er sich zu entziehen, indem er zwischen 1933 und 1945 Kriminalfilme, Melodramen und Literaturverfilmungen wie «Madame Bovary» (1938) oder Dostojewskijs «Der Spieler» (1937) drehte. Mit «Irgendwo in Berlin» (1946) schuf er unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg einen der bedeutendsten «Trümmerfilme».

Sein berühmtester Film ist wohl die Erstverfilmung von Erich Kästners «Emil und die Detektive» (1931). Der genaue Blick fürs Berliner Milieu, der in der Nachfolge des Malers, Grafikers und Fotografen Heinrich Zille steht, und herausragende Kinderdarsteller zeichnen aber schon seine nach dem Erfolg mit der Thomas Mann-Verfilmung «Die Buddenbrooks» (1923) entstandenen «Die Unehelichen» (1926) aus, die zusammen mit «Die Verrufenen» (1925) und «Menschen untereinander» (1926) eine Sozial-Trilogie über die Berliner Unterschicht bilden.

In «Die Unehelichen» erzählt Lamprecht von drei Kindern im Alter zwischen vier und dreizehn Jahren, die von ihren Müttern einem Arbeiterehepaar zur Pflege übergeben wurden. Hart zeigt Lamprecht schon in den ersten Szenen große gesellschaftliche Unterschiede, wenn er zwei in einem Herrenhaus mit großem Garten spielenden Kindern die Pflegekinder Lotte und Peter gegenüberstellt: Der Zaun dieses Hauses trennt sie von dieser Welt.

Zuhause wartet auf die beiden Kinder ein alkohlsüchtiger und gewalttätiger Pflegevater und eine Mutter, die sie ausbeutet. Eindringlich schildert Lamprecht die tristen Wohnverhältnisse. Als Lotte nach einer Erkältung stirbt, weil die Pflegemutter keinen Arzt gerufen hat, entzieht das Jugendamt dem Ehepaar die Kinder. Die kleine Frieda kommt zu einem Müller-Ehepaar, Peter wird von einer vornehmen Dame aufgenommen.

Frieda verabschiedet sich mit der Aufnahme bei den neuen Pflegeeltern, die eine glückliche Zukunft andeutet, aus dem Film, Peters Glück endet abrupt, als ihn sein Vater zurückfordert, da er ihm bei seiner Arbeit als Schiffer helfen soll.

Die fest im Alltäglichen verankerte Handlung ist melodramatisch, doch treffend und auch bissig ist Lamprechts Blick auf die Menschen. Dichte Milieuschilderung gelingt ihm auch durch das weitgehende Erzählen in Bildern und die Zurücknahme der Zwischentitel, die zudem teilweise in Berliner Dialekt gehalten sind. Zerschlissen ist die Kleidung der Kinder, spüren kann man, wie dreckig die Körper sind speziell in den Bade- und Waschszenen. Durch den Kontrast zur Lebenswelt der Oberschicht mit geräumigem Haus und Garten, Geburtstagsfeier, tadelloser Kleidung und reich gedecktem Frühstückstisch gewinnen die Lebensumstände im Arbeitermilieus noch mehr Profil.

Wunderbar natürlich agieren auch die Kinderdarsteller. Eindringlich zeigt Lamprecht Ausbeutung und Kindesmisshandlung, aber auch eine gewisse Ohnmacht des Sozialamts und führt mit der vornehmen Dame, die Peter aufnimmt, eine Figur ein, deren Handeln als Vorbild für den Zuschauer dienen soll.

Unübersehbar aufklärerischen und belehrenden Charakter hat «Die Unehelichen», will das Publikum aufrütteln und zum Handeln bewegen, wirkt ausgesprochen modern in seinem Engagement für Jugendschutz und immer noch bewegend in der Schilderung sozialer Verhältnisse.

Als zweiten Film enthält die 77. Ausgabe der Edition Filmmuseum Lamprechts «Die Verrufenen» (1925), in dessen Mittelpunkt ein aus dem Zuchthaus entlassener Mann steht, der versucht in der Welt wieder Fuß zu fassen. Auch hier ist die Handlung melodramatisch, doch auch dieser Film überzeugt durch den genauen, quasidokumentarischen Blick aufs Milieu und die echte Anteil- und Parteinahme für das Schicksal des am Rande der Gesellschaft Stehenden.

Als Extras bietet die Ausgabe ein dreisprachiges (Deutsch, Englisch, Französisch) Booklet mit einem Essay von Wolf Aurich und Wolfgang Jacobsen über Gerhard Lamprecht.

  • Gerhard Lamprecht (1897 - 1974)
  • Die Unehelichen (1926)
  • Die Unehelichen (1926)
  • Die Unehelichen (1926)
  • Die Verrufenen (1925)

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