Incendies - Die Frau, die singt

14.02.2012 Walter Gasperi

Das Testament der aus dem Nahen Osten stammenden Nawal, die vor Jahren nach Quebec emigrierte, zwingt ihre beiden Kinder die verheimlichte Familiengeschichte aufzuarbeiten. In der ungemein konzentrierten, souverän Recherche und Rückblenden in die Geschichte der Mutter verknüpfenden Inszenierung wird «Incendies» zu einem ebenso packenden wie aufwühlenden Film über die Gräuel des Krieges über Liebe und Gewalt und darüber, wie nah diese Pole beieinander liegen können.


Souverän zwischen der Vergangenheit im Nahen Osten und der Gegenwart – zunächst in Kanada, dann aber auch im Nahen Osten – pendelt Denis Villeneuves Adaption des mit dem Moliere-Preis ausgezeichneten Wajdi Mouawads, der selbst 1968 im Libanon geboren wurde, 1977 mit seiner Familie nach Frankreich und schließlich nach Kanada floh.

Auf eine Szene, in der einem Jungen in einem nicht näher bestimmten Land im Nahen Osten die Haare geschoren werden, folgt eine Testamentsverlesung in Quebec. Irritiert sind die Zwillinge Jeanne und Simon vom letzten Willen der Mutter (Lubna Azabal), die nicht nur nackt und mit dem Gesicht nach unten begraben werden will, sondern ihre erwachsenen Kinder auch beauftragt einen Brief ihrem Vater und einen ihrem Bruder zu übergeben. Und dabei dachten sie doch der Vater sei schon längst gestorben und von einem Bruder wussten sie nichts.

Schon diese ersten Szenen nehmen den Zuschauer in ihrer konzentrierten Inszenierung gefangen. Hier gibt es kein überflüssiges Bild, keine Nebengeschichten und Randfiguren. Mit unglaublicher Konsequenz und Prägnanz erzählt Villeneuve von Anfang bis Ende seine Geschichte und kann dabei auch auf ein intensiv spielendes Ensemble vertrauen.

Dass «Incendies» – die Verbrennungen beziehen sich auf die Verbrennung des Landes im Krieg als auch auf Verbrennungen und Narben in der Lebensbiographie - auf einem Theaterstück beruht, merkt man in keiner Sekunde. Völlig in eine filmische Erzählweise umgesetzt hat der Kanadier die Vorlage. Spärlich sind die Dialoge, erzählt wird vor allem in Bildern, wobei Villeneuve souverän die Recherche in der Gegenwart mit Rückblenden in die Lebensgeschichte der Mutter verknüpft.

Während Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) sofort bereit ist, den letzten Willen der Mutter zu erfüllen, ist Simon (Maxim Gaudette) nur zornig auf die angeblich verrückte Mutter, mit der man nie wirklich reden konnte. Bald wird freilich in den Rückblenden klar, welch erschütterndes Schicksal die Mutter hinter sich hat, sodass man sich wundert, wie sie damit überhaupt leben und wie sie in Kanada ein neues Leben anfangen konnte.

Dass die Christin von ihrer Familie verstoßen wurde, als sie von einem Palästinenser, der von ihrer Sippe sogleich erschossen wurde, schwanger war, und ihr das Baby weggenommen wurde, ist nur der Anfang einer Leidensgeschichte, die man nicht so schnell vergessen wird.

Weder historisch noch geographisch verankert Villeneuve das Geschehen präzis – an den Libanon und den dortigen Bürgerkrieg kann man denken, doch die Ortsnamen sind fiktiv. Gerade diese Abstrahierung und Anonymisierung erweist sich dabei nicht als Nachteil, sondern als Stärke von «Incendies – Verbrennungen». Dem Abhaken von Fakten, in das Julian Schnabel in «Miral» abgleitete, entgeht Villeneuve so, denn er entwickelt kein historisches Panorama, sondern benutzt die Feindschaft und den Bürgerkrieg zwischen Moslems und Christen nur als Hintergrund, vor dem er die Auswirkungen auf das Individuum schildert.

Nicht nur von der Familie wird Nawal verstoßen, sondern gerät auch im Bürgerkrieg zwischen die Fronten. Vom Opfer, das erschüttert ansehen muss, wie Christen ein Massaker an Unschuldigen in einem Autobus anrichten, das sie nur aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit überlebt, wird sie zur Täterin und dann doch wieder zum Opfer.

Mitreißend entwickelt Villeneuve parallel die Suche der Mutter nach ihrem Sohn und die Recherche der Tochter zur Biographie der Mutter. Immer auf dem Wissensstand der Tochter ist dabei der Zuschauer. Sukzessive fügen sich die durch fette rote Inserts eingeleiteten Kapitel des Films wie bei einem Puzzle zusammen und vermitteln Schritt für Schritt tiefere Einblicke in die Geschichte Nawals und ihrer Familie.

Auf breite Schilderung der Gräuel verzichtet Villeneuve dabei, doch vermittelt er in seiner elliptischen, sich auf wesentliche Szenen beschränkenden Inszenierung, in prägnanten Bildern von zerbombten Städten, einem über ein Haus fliegenden Kampfjet, einem Scharfschützen, der Kinder abknallt oder im Massaker im Bus eindringlich, erschütternd und lange nachwirkend die Gräuel jeder militärischen Auseinandersetzung.

In der Schlusswendung legt der Film dabei die Konsequenz einer griechischen Tragödie zu Tage. Dieses Finale könnte man leicht als überzogen betrachten, verstärkt aber letztlich doch die Aussage von der Nähe von Liebe und Gewalt und letztlich auch die aufwühlende Kraft dieses Films. Und trotz des Entsetzens scheint am Ende Versöhnung und Erlösung durch die Aufarbeitung der erschütternden Geschichte möglich.

Wird vom FKC Dornbirn am Mittwoch, den 15.2. um 21.30 Uhr und am Donnerstag, den 16.2. um 19.30 Uhr im Dornbirner Cinema 2000 gezeigt (franz. O.m.U.)

Trailer zu «Incendies - Die Frau die singt»

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