Satirische Vereinfachungen

28.02.2010 Haimo L. Handl

Vertrauenseinbrüche bei christlichen Kirchen in Teilen Europas: Affären mit Kindsmissbrauch und Alkohol am Steuer. Für die einen typisch, für andere spezifisch. Eine amerikanische Satirikerin, eigentlich Literaturprofessorin in den USA, die auch satirisch schreibt und gerne von deutschen Medien publiziert wird, Marcia Pally, bringt ihre gekünstelt amerikanisch-simplifizierte Sicht in Worte: danach sei die Kirche in Deutschland blamiert. Warum? Weil eine Bischöfin alkoholisiert Auto fuhr.


Wörtlich: «Es ist ein einziges Trauerspiel: Die Protestanten sind dem Alkohol verfallen und saufen, und die Katholiken missbrauchen Kinder. Vor diesem Hintergrund steht der Islam doch gleich schon etwas besser da. Muslime trinken nicht, also können sie auch nicht betrunken Auto fahren.»

Jeder versteht, nimmt die Autorin wahrscheinlich an, dass sie nicht generell DIE Katholiken als Kinderschänder ansieht, auch nicht DIE Priester, und DIE Protestanten als Säufer. Aber ist das so sicher? Arbeiten blöde Stereotypen und Klischees nicht gerade in diesem Unschärfeumfeld? Von dieser Ambiguität speist sich auch die positive Behauptung über die Moslems.

Also nicht nur Satire, sondern völkerverbindende, intermultikulturelle Verständigung. Etwas später, nach der betont positiven Zeichnung der Moslems, heißt es: «Sie machen sich jetzt Sorgen über die Erziehung von Mädchen und Frauen? Nun, wenn die nicht zur Schule gehen, dann studieren sie auch nicht, werden anschließend nicht Bischöfin und fahren betrunken Auto. Sie sorgen sich um die so genannten »Ehrenmorde«? Was ist daran falsch? Sie halten die Familie in Ehren.»

Mit der Satire ist das so eine Sache. Vor allem in Gesellschaften und zu Zeiten, wo und in denen die Kriterien unscharf, vage wurden und andererseits alles möglich ist. Der Kontext muss gewusst sein und die Positionen. Sonst stellen sich leicht Missverständnisse ein.

Klar, DIE Moslems sind nicht Fanatiker, Selbstmordattentäter oder schlimme, vergewaltigende Patriarchen. DIE Moslems bringen nicht leichtfertig Frauen um, damit die Ehre gerettet bzw. wiederhergestellt wird. Und DIE Moslems oder Islamisten halten sich auch Frauen nicht wie Möbelstücke oder Ficklöcher, die zur gegebenen Zeit als Gebärmaschinen zu funktionieren haben. Stimmt. Das wäre völlig falsch, klischiert, vorurteilig.

Aber in Zeiten, in denen eine Zeitung (Politiken) kuscht und mit moslemischen Organisationen in Europa ein Übereinkommen formuliert, das völlig gegen die bei uns doch noch angenommene Meinungsfreiheit sich richtet und dem Primat des Religionsschutzes, was immer von Religiösen darunter verstanden wird, nachgibt, sich unterwirft, klingen die Sätze weder korrekt noch satirisch.

In Zeiten, in denen islamische Demonstranten offen zum Mord an Ungläubigen aufrufen und dafür nicht verfolgt werden, braucht es eine andere Satire, um das Mass zu halten und den Kern zu treffen.

Bei den Katholiken und Protestanten scheint dies einfacher. Hier wird sogar eine Vorurteilsäußerung leicht als Satire genommen. Eine gleichwertig krude Übertragung auf die sensiblen, überaus leicht verletzbaren, zartrobusten, oft rabiaten Moslems wäre natürlich was Anderes.

Als der österreichische Illustrator Haderer sich für einige Christen zu satirisch an ihrem Gott Jesus verging, und ihm ein Gerichtsverfahren aufgehalst wurde, war das zwar skandalös, aber immer noch ohne Existenzgefährdung. Herr Haderer hat auch tapfer vom Recht der freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht, gegen die christliche Religion oder ihren Gott (einem Teil, denn dieser ist ja gespalten in drei, und den mittleren hat er karikiert).

Aber dieser Mut und die Inanspruchnahme der Freiheit fand sofort die Grenze gegenüber den Moslems. Von Allah gibt es ja kein Bild, aber von seinem Profeten. Doch auch der ist so heilig, dass viele Moslems, nicht nur ungebildete Schurken, dafür morden oder Mordbefehle ausgeben, weil ihre religiösen Gefühle verletzt wurden.

Doch weshalb soll Religion, auch wenn Meuten von Primitiven das lautstark reklamieren, tabuisiert werden? Weil offensichtlich unsere Werte bei uns nicht mehr allgemein gelten. Wir relativieren eigene Werte, je nachdem, wer das Gegenüber ist. Das finde ich völlig inakzeptabel.

Die Satire muss verletzen dürfen. Es liegt im Wesen der Karikatur. Auch sollen Abneigungen in einer offenen Gesellschaft geäußert und formuliert werden dürfen. Wie kommt ein freier Mensch dazu alle lieben oder achten zu sollen? Es ist nur eine Frage des Maßes. Ich finde es unannehmbar, dass das Maß einseitig von einer Partei bestimmt wird. Und die meisten Moslems, vor allem die offiziellen Vertreter einiger islamischer Gottesstaaten, fordern das. Hinweg damit! Es reicht, wenn sie ihre eigenen Anhänger, Gläubigen beugen. Nicht aber hier.

Deshalb finde ich Pallys Satire schwach und schwammig. Doch darum geht es nicht primär. Sie zeigt auch auf, wie eindimensional, wie dünn und beschränkt die Mehrheitssicht geworden ist und wie unsicher das Wertegefüge, so dass oft nicht mehr klar wird, was realistische Aussage ist oder was metaforisch oder satirisch.

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