Werte, Regeln, Regelwerke

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Bei einem Bildungsgespräch zitierte ich George Steiners Ansicht, dass der heutigen Jugend jene Werte und Visionen fehlen, deretwegen jemand Wagnisse eingeht, Ideologien verfolgt, sich dafür ein- und aussetzt, verausgabt und daraus wichtige Erfahrungen sammelt.

Ich versuchte eine kritische Gegenposition darzulegen und zu erörtern. Sind es immer oder vor allem Ideologien, Mythen, Religionen, die als Reservoir von Visionen jene Wertmuster offerieren, denen «Jünger» nachfolgen, bis in den Tod (im wörtlichen Sinne der Märtyrer als auch im metaforischen). Gibt es auch Anderes?

Ja. Ein streng beachtetes Regelwerk, das, internalisiert, jenes Gerüst zur Realitätsbewältigung, zur Alltagsstrukturierung schafft, in welchem die sonstige Leere an Visionen oder Leitwerten nicht aufkommt bzw. nicht negativ wirkt.

Wir kennen das aus gottlosen «Religionen», aus Ethiken wie dem Buddhismus oder Konfuzianismus. Wir kennen es im Abendland vom Judentum. Die Akzeptanz eines rigiden Regelwerks ordnet das Leben nicht nur ideel, sondern praktisch, bis in die Verhaltensweisen hinein.

Es gibt auch Verbindungen religiösen Glaubens mit solch praktischen Regeln; sie stellen eine eigene Pragmatik dar. Auf die tiefgehende, gesellschaftliche Prägung durch solch eine Praxis wies auch Friedrich Heer hin, der besonders Benedikt von Nursia und seine Klosterregeln als positives Beispiel hervorhob.

Ein paar Sätze aus seinen Ausführungen in seinem epochemachenden Buch «Europäische Geistesgeschichte» (Stuttgart 1953):

«Benedikts Ordensregel ist die erste Verfassungsurkunde Westeuropas. Sie beginnt mit der entschiedenen Absage an das Schweifende, Prophetische, Geistbesessene des östlichen Mönchtums. (...) Nur im direkten Angesicht des Ostens kann der Westen zu dieser ersten Klarheit gelangen. (...) Ihr Zauberwort: discretio; lerne dich und deine Aufgaben richtig zu messen. Der Tag, das sind: siebeneinhalb bis acht Stunden Schlaf, vier bis fünf Stunden religiöser Dienste, dazu fünf bis sechs Stunden Handarbeit und Lesung(.) Handarbeit: das ist Feldarbeit (...) und Arbeit in Kirche, Keller, Mühle, Kleiderkammer, in den Handwerksstuben des Klosters. Über ein Jahrtausend wird so, durch die Regel – oft nur noch durch sie – das Benediktinertum die Ehre der Handarbeit retten. Diese Tagesordnung ist für die geistige Konstitution Europas wichtiger als viele tausend Bücher der nachbenediktinischen Zeit, viel wichtiger auch als die zum Teil überschätzte intellektuelle Betätigung der Benediktiner im Frühmittelalter.»

Bemerkenswert der Fokus auf die Arbeit, die Handarbeit, also das Konkrete, und die Wirkung der Regeln fürs Konkrete, weil dem Spintisieren damit abgesagt wird (und damit auch dessen, was später als Melancholie einen Schwächezustand meint, der keine aktive Handlungen mehr fördert). Aus dieser Praxis gewinnt der Geist, der ja deshalb nicht unterernährt bleibt, jene Nahrung, die ihn nicht in Zweifeln und extremer Skepsis verrennen, verrinnen, verwirren lässt.

Heer weiter: «Wer ihre Bedeutung für die konstitutive Ausbildung eines an die Erde und ihre vielen Grenzen gebundenen Rationalismus, für die Absage an jeglichen Spiritualismus, an Geistwesen und Schwärmerei ebenso wie gegen jeden Laborismus (wie ihn die calvinischen Zuchtarbeits- und Armenhäuser, diese Gegenklöster der modernen Welt pflegen) würdigen will, braucht nur diese Tagesteilung mit der unsrigen vergleichen: 8 bis 16 Stunden mechanisierte Arbeit, das »Übrige«: ein unartikuliertes Gemenge von Atzung, Genußmittelverbrauch, Vergnügungsbetrieb. Die kritische Wende von der benediktinischen Kultur Alteuropas zum Nachher sagt genau Pascal an in seinem berühmten Satz: »Alle Leiden des Menschen kommen daher, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer bleiben kann«.»

Diesem Denken unterliegt die Vorstellung einer Person und Persönlichkeit, die sich genügt und daher, wie es die Anarchisten im Kern visionierten, der Gemeinschaft und Gesellschaft. Er ist innerlich und äußerlich. Die Gewichte haben sich verschoben: schon früh erfolgte die Orientierung auf's Äußerliche. Heute scheint die Mehrheit zweierlei im Übermaß zu bedürfen: Drogen als Aufpeitscher einerseits, als Betäubungsmittel andererseits. Die Reduktion der Leitwerte auf einen schier alleinherrschenden, den Profit bzw. den «Erfolg», geht dabei Hand in Hand.

Diese extreme Situation macht es den religiösen Fundamentalisten, Schwärmern, Eiferern leicht sich in Szene zu setzen und neue Beute zu finden. Nachdem auch im Bildungswesen ein ungesundes, dümmliches Gleichheitsdenken unrealistische Ideologie pflegt, und die Wertorientierung die eigentümliche Leere nicht zu konvertieren vermag, dürfte der Siegeszug der Unvernünftigen, vor allem der Religiösen, im Verbund mit den Berauschten und Betäubten, vorderhand nicht aufzuhalten sein. Auch sie folgen Werten. Halt anderen.

 
Das Fehlen der körperlichen Betätigung
von Georg Lechner  am 2010-02-07 10:30

im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Anerkennung (also im sichtlichen Unterschied zu den angesprochenen calvinistischen Zuchtarbeitshäusern) dieser Betätigung ist tatsächlich ein Problem.
Der Bereich, der von der effektiven Nachfrage dafür prädestiniert wäre, das Gefühl einer sinnvollen und gesellschaftlich benötigten Arbeit zu vermitteln, nämlich derjenige der sozialen Dienstleistungen, ist schlecht bezahlt und häufig mit Arbeitsbedingungen junktimiert, die entweder zum bewussten und gewollten Ausstieg führen oder zum erzwungenen Ausstieg infolge Burnout oder körperlicher Beschwerden. Warum das so ist, hängt mit der Maßlosigkeit des Anspruchs zusammen, die ganze Welt mit dem Modell des globalen Wettbewerbs zwangszubeglücken. Dieser Ansatz hat zur Bedingung, dass nur diejenigen finanzielle Anerkennung erfahren, die bereit sind , der Herrschaft dieses Ansatzes zum Durchbruch und zur Aufrechterhaltung zu verhelfen.

 
Leitbilder
von Karl Schreiner  am 2010-02-07 20:09

Die Beobachtung erinnert mich an «KOSCHMAR - Gebt mir ein Leitbild», das sich zwar auf den Osten bezog, aber darüber hinaus typisch scheint. Heute gilt das noch mehr als in den frühen Neunzigerjahren.

 
Am Ende des Buches, das
von 70 536 exam questions  am 2010-04-23 12:13

Am Ende des Buches, das freilich der Menschwerdung einen Anfang gibt, bedauert Pitar in mehrschichtiger Kontradiktion das Fehlen der Schrift sowie die für ihn erst Millionen Jahre in der Zukunft liegende und somit unerreichbare Erfindung des Buches. Wir aber dürfen uns glücklich schätzen, dass wenigstens der Verfasser dieses kurzweiligen Textes Sumerer, Römer und Gutenberg abgewartet hat. Karin Gayer

 
Die Beobachtung erinnert
von nce  am 2010-04-28 06:34

Die Beobachtung erinnert mich an »KOSCHMAR - Gebt mir ein Leitbild«, das sich zwar auf den Osten bezog, aber darüber hinaus typisch scheint. Heute gilt das noch mehr als in den frühen Neunzigerjahren.

 
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von JN0-331  am 2010-08-26 13:16

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von 646-230  am 2010-08-26 13:20

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