Bar & bloss

10.01.2010 Haimo L. Handl
Wort zum Sonntag

Gegenwärtig ist das Nacktscannen in vieler Munde. Pardon, in vielen Augen. Es erhitzt Gemüter. Zu recht. Seien wir dankbar, dass sich noch eine kleine Schamgrenze zeigt, ein kleiner Widerstand gegen die völlige Vereinnahmung des Menschen, seines Körpers, im Wegfall der Distanz, ohne die weder Scham, noch Würde ist. Es handelt sich nicht um Prüderie, sondern um die frechste Anmassung des modernen totalen Staates, den Menschen wieder so zu verdinglichen, dass er als blosses Objekt, als berechenbares, kontrolliertes Ding, als die Nummer, die man ihm nicht mehr tätowieren muss, jederzeit bei Bedarf bloss, bar, nackt, offen, verletzlich, sichtbar wird und dies auch weiss.


Entsprechend der gezielten Terrorhysterie erfolgt einerseits eine Symptombehandlung, andererseits systematisch der Umbau des westlichen, vermeintlichen humanen Rechtsstaates in das, was er als kapitalistischer im Kern immer war und jetzt offen zeigt, in den totalitären Unrechtsstaat, der seine tiefsitzenden faschistoiden Züge nicht mehr kaschieren muss, der seine Verfügungsgewalt zynisch äussert.

Alle bisherigen Überwachungsschritte und Verfolgungen wurden von der Mehrheit dummblöd, dumpf, nicht wissen wollend, hingenommen. Ob staatliche Einrichtungen und ihre Schergen und Helfershelfer die Post lesen, Telefone abhören, alles aufzeichnen, speichern: Bankdaten, wo man was und wie viel einkauft, welche Kredite man hat, wie viel Schulden einen drücken, an welchen Krankheiten man leidet, all das wurde mehrheitlich nicht beeinsprucht. Die wenigen kritischen Warnungen wurden hinweggewischt. Es gab keinen Aufschrei. Die meisten Journalisten muckten nicht einmal auf. Sie nehmen ihre Filterfunktion, ihr überangepasstes Mitmachen ernst. Sie stören nicht, sie stabilisieren das System.

Sogar als erwiesen war, wie verbrecherisch viele Banken mit den ihnen anvertrauten Geldern umgingen, wie fahrlässig gewisse Kredite gewährt wurden, wie wahnwitzig spekuliert wurde, fragte niemand wirklich ernsthaft danach, wie das möglich gewesen sein soll in einem so überwachten, offenen System. Ganze Kriege werden geführt aufgrund einiger erfasster Daten, Terroristen verfolgt, überführt, abgeknallt. Und just in dem Bereich der grossen Schiebereien hat das Computerüberwachungssystem versagt, wurden die E-mails nicht gelesen und ausgewertet usw.

Es halfen nicht einmal die Milliardenverluste. Das System ist so stark, dass die grössten Krisen es nicht wirklich aushebeln: die Menschen halten still. Murren zwar, aber machen mit, stellen keine Fragen, wollen keine wirklichen Antworten, geben sich mit Bauernopfer und falschen Zuckerln (Abwrackprämie!) zufrieden.

Erst jetzt, wo eine kleine Bevölkerungsgruppe, die per Flugzeug reist, sich der entwürdigenden Prozedur des Nacktscannens aussetzen soll oder muss, scheint eine Grenze überschritten. Wir sollten sie nutzen und die Reaktion verstärken. Denn es geht nicht nur ums Entblössen am Flughafen. Das Nacktscannen könnte zum Symbol der Entblössungspolitik generell werden. Das Bild des «gläsernen Menschen» ist falsch. Stimmte es, könnte die Nacktheit nicht abgebildet werden. Diese Täuschung, durch ein Sprachmissverständnis etabliert, könnte ebenfalls aufgehoben werden. Vielleicht zeigen die Nacktbilder den Grad der «Verwaltung», der Verfügung in einem Ausmass, dass auch Unbedarften endlich dämmert, wie wichtig Widerstand ist, und wie wichtig er gerade jetzt wird. Die Staaten sind schon viel zu weit gegangen in ihrer totalitären Ausrichtung. Es müsste ein Rückantwort erfolgen, ähnlich wie bei den früheren Bauernkriegen, nur nicht so simpel, so ängstlich, so demütig, so selbstbehindert.

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