3. Februar 2015 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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Nach seinen Anfängen mit verschachtelten Filmen und dem düsteren "Biutiful" legt der Mexikaner Alejandro González Iñárritu mit seinem für neun Oscars nominierten "Birdman" eine Tragikomödie vor, die nicht nur durch die artistische Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki begeistert, sondern auch durch schauspielerische Glanzleistungen und die virtuose Verschränkung von Theater und Leben, von Spiel und Realität.

Von hinten nähert sich die Kamera Riggan Thomas (Michael Keaton), der in der Garderobe des New Yorker St. James Theaters im Lotussitz im wahrsten Sinne des Wortes frei in der Luft schwebend sitzt. Dass Riggan dies kann - oder zumindest meint Superkräfte zu besitzen -, darf nicht verwundern, spielte er doch vor 20 Jahren in drei Filmen mit dem Titel "Birdman" einen Superhelden. Dass dieser Riggan aber wiederum von Michael Keaton gespielt wird, der um 1990 mit zwei "Batman"-Filmen berühmt wurde, dann aber kaum mehr große Rollen bekam, ist ein Besetzungscoup.

Erst im Spiegel sieht man sein Gesicht, womit die Frage nach Schein und wahrer Identität als eines der Themen eingeführt wird. Dies kommt auch über die Tonebene ins Spiel, denn immer wieder mischt sich in die Gedanken Riggans die dunkle Stimme seiner berühmten Filmfigur, die später auch selbst hinter ihm auftaucht, ihn verfolgt, bis der Schauspieler sich selbst in die Lüfte erhebt und durch die Straßenschluchten fliegt. – Nur seltsam, dass dann doch ein Taxifahrer ihm ins Theater folgt und die Begleichung der Rechnung fordert. Das ist aber nicht das einzige ironische Spiel mit dem Superheldenmythos, auch sonst verleiht Iñárritu seinem Protagonisten immer wieder mal – zumindest in dessen Vorstellung - magische Kräfte und bricht so den Realitätscharakter seines Films auf.

Eigentlich will Riggan aber mit dem Mainstream-Kino nichts mehr zu tun haben, auch wenn er für die Hauptrolle in einer weiteren Fortsetzung von "Birdman" eine Spitzengage erhalten würde. Viel lieber möchte er aber etwas wirklich Bedeutendes und Bleibendes schaffen und inszeniert dazu am Broadway Raymond Carvers Kurzgeschichte "Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden", die er auch selbst für die Bühne adaptiert hat.

Wie es auf der Bühne freilich um die Liebe geht, so geht es auch hinter den Kulissen um Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung, um Vernachlässigung und Demütigung und eitle Profiliersucht. Denn da gibt es neben Riggan, der seiner Geliebten zu wenig Beachtung schenkt, sich selbst aber nach Anerkennung sehnt, vor allem seine Tochter Sam (Emma Stone), die ihr Leben lang von ihrem Vater vernachlässigt wurde, und den Schauspieler Mike (Edward Norton), der sich immer in den Vordergrund spielt, und Riggan den Platz auf den Titelseiten streitig macht.

Gleichzeitig gibt es auf der anderen Seite aber wieder die zahllosen Fans von "Birdman", die für einen youtube-Hype sorgen, als ein Film über den ungeplanten und hochnotpeinlichen - für den Kinozuschauer aber ebenso witzigen wie unvergesslichen - Ausflug ihres Idols in Unterhosen über den Times Square ins Internet gestellt wird.

Lustvoll stellt Iñárritu so Superhelden-Blockbuster-Kino und Theater, schrille Fan-Gemeinde und seriöses Theaterpublikum, neue Medien mit Internethype und Kritikerin der New York Times, aber auch Star-Image und echte Schauspielkunst gegenüber. Mit bissigem Humor teilt er dabei gegen das Showbusiness und die Egomanie von Schauspielern aus, die permanent fürchten wie ein vom Himmel stürzender glühender Meteorit, mit dem der Film beginnt, zu verglühen und in die Bedeutungslosigkeit abzustürzen.

Während der Mexikaner von seinem fulminanten Spielfilmdebüt "Amores Perros" (2000) über "21 Grams" (2003) bis "Babel" (2006) mehrere Geschichten ineinander verschachtelte, in "Babel" dabei in komplexer Konstruktion das Band sogar um die ganze Welt spannte, und mit "Biutiful" (2010) ein dunkles und schweres Drama vorlegte, überrascht er nun mit einer Tragikomödie, in der die Einheiten von Ort, Zeit und Handlung konsequent eingehalten werden: Das Theater ist weitgehend der einzige Schauplatz und die Handlung spannt sich von den Vorbereitungen über die Proben bis zur Premiere.

Montage, die in Iñárritus bisherigen Filmen so zentral war und deren Kunstfertigkeit er demonstrativ ausstellte, gibt es hier – zumindest scheinbar – gar nicht. Wie Hitchcocks "Rope – Cocktail für eine Leiche" (1948) scheint "Birdman" von Emmanuel Lubezki in einer einzigen gleitenden Kamerabewegung gefilmt. Wie er bei Alfonso Cuaron die Kamera in "Gravity" (2013) minutenlang im Weltall kreisen ließ oder für Terrence Malick in "Tree of Life" (2011) mit federleichten Bewegungen die Stimmung einer texanischen Familie einfing, so folgt er nun hautnah den Protagonisten durch die engen Gänge des Theaters von der Garderobe auf die Bühne und wieder zurück.

Fließend wechselt die Kamera zwischen den Figuren, blickt meist von außen auf sie, um dann wieder direkt Riggans Perspektive zu übernehmen und mit ihm durchs Theater zu hetzen. Dennoch spielt "Birdman" nicht in Echtzeit, sondern macht durchaus transparent, dass während des Blicks in den Himmel oder auf eine Tür auch einmal mehrere Stunden vergehen und der Tag in die Nacht oder umgekehrt übergehen kann oder auch bruchlos eine Probe vor leerem Theater in eine Aufführung vor voll besetzten Zuschauerreihen.

Doch nicht nur damit bricht Iñárritu den Illusionscharakter und macht die Inszenierung transparent, sondern auch in der Arbeit mit der Musik. So sieht man Antonio Sanchez, der für den großartigen Schlagzeug-Soundtrack, der immer wieder die Erregung Riggans intensiviert, verantwortlich zeichnet, in einer Szene direkt in einem Theaterraum die Filmmusik spielen, und in einer anderen setzt die Filmmusik auf Befehl Riggans ebenso ein wie wenig später aus.

Wie hier einer zeigt, dass er filmisch mit allen Wassern gewaschen ist und sein Handwerk meisterhaft beherrscht, das macht diesen atemberaubend schnellen und dichten Film ebenso zu einem großen Vergnügen wie die mitreißenden Schauspielerleistungen. Vor allem Keaton kann hier voll aufspielen, aber auch Edward Norton brilliert. Wie sie sich in einer Szene zuerst verbal befetzen, ehe es zu Handgreiflichkeiten kommt, ist ebenso ein Höhepunkt dieser schwarzhumorigen Tragikomödie wie eine Pressekonferenz Riggans oder seine furiose Abrechnung mit einer Kritikerin, die wohl auch als eine Abrechnung des Regisseurs mit Filmkritikern zu lesen ist.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems
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Trailer zu "Birdman"

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