Do, 09.08.2012 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Eine junge Frau reist mit ihrem Großvater zu seinen Geschwistern, um eine Alterswohnung für ihn zu finden. Völlig unspektakulär, aber getragen von zwei großartigen Darstellern und der ruhigen Erzählweise öffnet Masahiro Kobayashi den Blick auf das Japan von heute. Bei Rapid Eye Movie ist das einfühlsame Roadmovie auf DVD erschienen.

Für "Ai no yokan" wurde Masahiro Kobayashi 2007 in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet. Damit erwies er sich ebenso wie mit dem zwei Jahre später ebenfalls im Wettbewerb von Locarno gezeigten "Wakaranai – Where Are You?" als radikaler Autorenfilmer mit einer Vorliebe für extreme Reduktion.

Ganz anders präsentiert sich Kobayashi mit dem 2010 gedrehten "Harus Reise". Ein klassisches Roadmovie legt der Japaner damit vor, geradlinig erzählt und von zwei großartigen Hauptdarstellern getragen. An der Seite von Altstar Tatsuya Nakadai, der schon in "Barfuß durch die Hölle", "Yojimbo", "Kagemusha" oder "Ran" die Hauptrollen spielte, agiert die junge Eri Tokunaga.

Mit einem langen Schwenk vom Meer über ein Küstendorf auf Hokkaido lässt Kobayashi "Harus Reise" beginnen. Die Kamera folgt einem älteren Mann, der mit einem Stock in der Hand aus einem Haus stürzt, und einer jungen Frau, deren rote Jacke aufleuchtet, durch das Dorf zum Bahnhof und auf einer Zugfahrt. Zehn Minuten lang fällt so gut wie kein Wort. Erst als sie ein altes Paar besuchen, kommt Licht in die Beziehungen.

Die junge Frau - Haru heißt sie - hat ihren Job verloren und möchte zwecks Arbeitssuche in die Stadt ziehen. Seit ihre Mutter vor fünf Jahren Selbstmord begangen hat, hat sie sich um ihren Großvater Tadeo gekümmert, jetzt hat sie ihm vorgeschlagen, sich eine Bleibe bei seinen Geschwistern zu suchen. Denn lang sind die Wartelisten für einen Platz in einem staatlichen Altersheim, viel zu teuer sind die privaten Anstalten. Doch dieser Großvater hat seine Geschwister jahrelang ignoriert, jetzt wollen sie auch nichts mit ihm zu tun haben.

Keine freundliche Aufnahme finden Haru und Tadeo beim älteren Bruder, ein zweiter sitzt im Gefängnis, die Schwester, die ein Hotel führt will den Bruder nur aufnehmen, wenn er selbst auch arbeitet und zum handfesten Konflikt kommt es mit dem dritten Bruder. Wärme finden sie nur bei der Familie von Harus Vater, der einst ihre Mutter verlassen hat, doch hier wollen Tadeo und Haru, die sich auf ihrer Reise wieder näher gekommen sind, nicht bleiben.

Wenig passiert in "Harus Reise", der in der Region Sendai gedreht wurde, die durch den Tsunami im März 2011 verwüstet wurde und die man in dieser Form nie wieder sehen wird. Ganz ruhig erzählt Kobayashi in langen Plansequenzen und vielfach wortlosen Szenen, die vom Zuschauer Einfühlungsvermögen verlangen. Doch dank der beiden starken Hauptdarsteller, der beeindruckend durchgehaltenen Erzählweise und der tiefen Menschlichkeit, in die sich nur gegen Ende Sentimentalität mischt, berührt dieser Film dennoch. Gleichzeitig bietet Kobayashi auch einen Einblick in das heutige Japan, in eine Gesellschaft, in der wie im Westen die Überalterung zum zunehmenden Problem wird und ebenfalls wie im Westen die Jungen die Fürsorge für die Alten nicht übernehmen wollen oder können.

An Sprachversionen wird die japanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln angeboten, an Extras bietet die von Rapid Eye Movies herausgegebene DVD neben dem Kinotrailer ein 25-minütiges Making-Of, das besonders Einblick in Kobayashis Arbeit mit Teleobjektiven bei Plansequenzen und seinen harten Umgang mit der Jungschauspielerin Eri Tokunaga vermittelt.

Trailer zu "Harus Reise"



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