Di, 02.02.2010 / Walter Gasperi / Filmriss
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Knochentrocken erzählen Joel und Ethan Coen von einem jüdischen Physikprofessor der sich angesichts sich häufender Probleme und Unannehmlichkeiten immer intensiver die Sinnfrage stellt. – Nur Antworten erhält er in diesem persönlichsten Film der Coen-Brüder keine.

Nach dem starbesetzten und völlig durchgeknallten "Burn after Reading" und nach dem beinharten und brutalen "No Country for Old Men" haben die Coen-Brüder einen kleinen Schwenk vollzogen, der sie in Form und Inhalt zu "Barton Fink" zurückführt. Wie in dieser 1991 in Cannes mit einer Goldenen Palme ausgezeichneten pechschwarzen Komödie stürzt auch hier ein Mann in eine immer tiefere persönliche Krise.

Bewusst als kleinen Film angelegt haben die Coens "A Serious Man" dabei. Keine Stars findet man hier und auch kein Spektakel, dafür ein Drehbuch, das in seinem perfekten Aufbau die Handlung zunehmend steigert und verdichtet. Regiemätzchen sind da nicht nötig. Staubtrocken, aber mit höchster Präzision erzählen die Coens, bleiben distanzierte und emotionslose Beobachter und vermitteln gerade auch durch diese Perspektive ihre pessimistische Weltsicht.

Eröffnet wird "A Serious Man" mit einem Prolog, der mit der Haupthandlung in keinem direkten Zusammenhang steht: In einem osteuropäischen Stedtl erhält ein jüdisches Ehepaar abendlichen Besuch von einem Verwandten. Während der Mann den Onkel freundlich aufnimmt, hält die Frau ihn für einen Dibbuk, einen Geist, ist der betreffende Onkel doch schon vor drei Jahren verstorben. Um ihre Behauptung zu beweisen rammt sie dem Gast gleich mal ein Messer in die Brust. Lachend scheint er das hinzunehmen, aber dann beginnt doch Blut zu tropfen.

Wie in dieser Eröffnung Rationalität auf (Aber)Glauben trifft, so auch in der darauf folgenden Handlung, die 1967 in einer Kleinstadt in Minnesota spielt. Eine Prägung durch persönliche Erfahrungen des Regieduos darf man hier durchaus annehmen, sind doch auch sie in Minnesota aufgewachsen und bei dem Sohn des Physikprofessor Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg) dürfte der 1954 geborene Joel Coen sich an seiner eigenen Jugend orientiert haben.

Mit Bildern wie der Geschichte von Schrödingers Katze, in der man eine Variation des Prologs sehen kann, möchte Gopnik seinen Studenten am College die Physik näher bringen, exaktes Wissen fordert er aber dennoch. Ein Südkoreaner will sich damit aber nicht abfinden und versucht den Professor zu bestechen. Als dieser darauf nicht eingeht, setzt ihn der Vater des Studenten mit dem Vorwurf der Geldannahme unter Druck.

Das ist freilich nur ein Problem mit dem Gopnik zu kämpfen hat: Seine Gattin erklärt ihm, dass sie ein Verhältnis mit einem gemeinsamen Bekannten habe und sich scheiden lassen möchte, Sohn Danny interessiert sich nur fürs Fernsehen, fürs Kiffen und für die Musik von Jefferson Airplane, die Tochter dagegen wäscht permanent ihre Haare und spart für eine Nasenoperation. Dazu kommt noch, dass Larrys Bruder Arthur, der an einer Wahrscheinlichkeitsformel für die Welt arbeitet, im vorstädtischen Einfamilienhaus der Gopniks eingezogen ist. Nicht genug, dass Arthur mit seinem unerlaubten Glücksspiel bald für das Auftreten der Polizei sorgen wird, muss sich Larry auch noch mit einem militanten Nachbarn herumschlagen, der seine Grundstücksgrenzen beim regelmäßigen Rasenmähen auszudehnen scheint. – Und schließlich steht am College auch eine Beförderung Larrys an, die aber durch Schmähbriefe gefährdet wird.

Wie der biblische Hiob häufen sich so für Larry sukzessive die Probleme, und er beginnt sich zu fragen, was das zu bedeuten habe und wieso das alles denn ausgerechnet ihm, einem "serious man" passiere. Hilfe sucht er beim Rabbi, doch auch da bekommt er keine vernünftigen Antworten. Meint der erste alles sei eine Frage der Perspektive, erzählt der zweite eine seltsame Geschichte über einen Zahnarzt, aus der bestenfalls der Schluss zu ziehen ist, dass anderen zu helfen nicht schaden kann, und der dritte Rabbi verweigert sich Larry völlig, da er wichtigeres zu tun habe.

Die Tafel im College mag er mit Formeln bis in die äußerste Ecke voll schreiben, ein Sinn fürs Leben ergibt sich daraus nicht. Je mehr Larry grübelt, desto tiefer stürzt er ins Chaos und immer beklemmender werden seine Alpträume. Lösung bieten könnte da nur die dem Film vorangestellte Weisheit "Receive with simplicity everything that happens to you", die laut Coen-Brüder vom mittelalterlichen Rabbi Rashi stammen soll. Aufgenommen wird das Motto später im Film wieder durch den Satz "Accept the Mystery".

Zu verstehen und zu erklären gibt es in der Welt der Coen nichts. Blind agiert Schicksal oder Zufall wie schon beim Killer in "No Country for Old Men" eine Münze über Leben und Tod entschied. Kein göttlicher Weltenplan wird sichtbar. Die Fernsehantenne kann man zwar umstellen, dass ein Sender besser empfangen wird, doch das geht wiederum auf Kosten eines anderen Senders. Am glücklichsten wird man noch, wenn man die Dinge, die unweigerlich auf einen zukommen, einfach akzeptiert und nicht lange hinterfragt.

Prolog und Haupthandlung fügen sich dabei letztlich doch wieder zu einer Einheit und weisen mit einem aufziehenden Tornado auch schon wieder in die Zukunft. Denn folgen auf die von tiefem Aberglauben geprägte Zeit des Prologs die 1960er Jahre, in denen der jüdische Physiker rational die Welt zu erklären versucht, aber doch immer noch die Religion zu Rate zieht, so scheint der sich anbahnende Sturm sowie der Kamerablick auf eine US-Flagge darauf hinzudeuten, dass diese Balance zwischen religiösem und säkularem Denken bald weggeblasen werden wird und sich das Säkulare durchsetzen wird.

Denn Larrys Sohn Danny muss sich zwar für die Bar Mizwa vorbereiten, hat damit aber nicht viel am Hut: Statt dem Unterricht des Rabbis zu folgen, steckt er sich einen Ohrknopf rein und genießt Jefferson Airplanes "Somebody to Love". Dass man freilich auch über diesen Song lange grübeln kann, wird eine überraschende Szene zeigen. – Nur die Sinnfrage wird sich auch damit nicht klären, sodass sie der Zuschauer sich selbst stellen muss oder aber eben mit Einfachheit annimmt, was ihm passiert.

Läuft derzeit in den Weltlichtspielen Dornbirn (Deutsche Fassung)

Trailer zu "A Serious Man"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



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