Tabuisierungen

Je höher der Freiheitsgrad in einem System, desto eher die Wahrscheinlichkeit von Unterschiedlichem. Die höchste Freiheit schlösse alle Systeme mit ein, so dass im extremen Sinne nichts Systemfremdes existierte, weil das System, in ALLER Freiheit, alles miteinschlösse, auch jenes, das ihm vordergründig widerspräche. Solches gibt es nur in Modellen oder Mythen. Der stärkste dieser Mythen ist jener von Gott: nachdem er (in der patriarchalisch geprägten Welt, und das ist die ganze Welt, erscheint es als er!) absolut ist, enthält er das Sein und das Nichts, das Nichts als Voraussetzung des Seins und zugleich die Nichtung. Er ist ohne Anfang und Ende etc.

Alles andere, das nicht diese Instanz ist, muss notgedrungen weniger komplex sein, muss "endlich" sein und sich unterscheiden. Unterschiede bedingen Grenzen. Ohne Grenzen keine Eigenheit. Ohne Eigenheit keine Differenz. Ohne Differenz keine Identität. Usw.

Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei. So steht es in einigen Verfassungen. Nicht zuletzt auf diese Forderung und dieses Erbe der Aufklärung ist der beispiellose Erfolg der "westlichen" Wissenschaften zurückzuführen. In der Genforschung zeigen die ideologischen, ethischen und moralischen Kämpfe an, worum es geht. Ein Vergleich zu Ikonoklasten drängt sich auf, zu religiösen Eiferern des Mittelalters, die freies Denken fürchteten und verteufelten. Die "natürlich" Kinder Gottes bleiben wollten und die Abtrünnigen verfluchten und, wenn möglich, verfolgten.

Es gab und gibt auch mächtige, staatliche Interessen, eine "freie" Wissenschaft zu verhindern. Lenk- und Zensurversuche sind überall anzufinden. In früher und heutiger Zeit. Dahinter lauert nicht nur eine unbestimmte Angst, sondern eine konkrete Furcht. Und ein Misstrauen, dass es nicht genüge, wenn es denn möglich sei, "nur" wissenschaftlich zu argumentieren, zu antworten, zu widersprechen und zurückzuweisen. In dem Masse, wie der Wissenschaft nicht vertraut wird, nimmt man andere Mittel zur Antwort: politische. Auch die Religion kann als politisches Werkzeug fungieren. Das beweisen einige Islamisten, wie früher einige Christen oder Juden. Es hat Geschichte. Und Gegenwart.

Nichts darf nur Experten vorbehalten bleiben. Auch Wissenschaft soll nicht nur, sondern muss "populär" kommuniziert und kritisiert werden. Aber es kommt darauf an, was solche allgemeine Kommunikation bewirkt bzw. bewirken soll. Wenn morgen Massen aufgrund dummer Medienkampagnen meinen auf gewisse medizinische Erkenntnisse verzichten zu sollen und durch Gesundbeten Gesundheit zu erhalten oder rückzugewinnen, wird man das zwar nicht wirklich verbieten (können), sollte es aber umgekehrt nicht zur Doktrin erheben. Und wenn Massen plötzlich überall Ufos sehen und sich für die Kreationslehre auch in der Wissenschaft aussprechen, soll keine Zensur den Unfug abstellen, aber die Wissenschaft auch nicht danach ausrichten (also Programme stoppen, Bibliotheken reinigen, "sündige" Bücher verbrennen und dergleichen mehr).

Natürlich ist nichts absolut frei. Die relative Freiheit ist eine Variable und keine Konstante. Also ist auch die Wissenschaft nicht wirklich frei. Wenn ein Wissenschaftler, der nicht einmal wissentlich Rassist sein muss, wissenschaftliche Sätze äussert, die rassistisch sind, scheint vielen die probate Antwort nicht eine wissenschaftliche, sondern eine politische. Aber politische Korrektheit ersetzt nicht wissenschaftliche Argumentation. Sie mag manchmal nötig sein, aber nie voll substituierend. Es braucht mehr als sie. Ähnlich ist es mit der Moral und Ethik. Nichts davon ist unabänderlich, konstant fixiert. Das vergessen viele, die sich auf "universelle" Werte berufen.

Der Nobelpreisträger und Mitentdecker der DNA, James Watson, äusserte sich kürzlich anlässlich der Vorstellung seiner Autobiografie in England warnend negativ über die seiner Meinung nach mindere Intelligenz von Schwarzafrikanern. Das löste einen gesellschaftlichen, politischen Wirbel aus der dazu führte, dass ein namhaftes Museum und andere renommierte Organisationen ihn wieder ausluden und der Autor seine Lesereise abbrach. Nur eine Einrichtung hielt, getreu britischer Tradition von Liberalität, an der Einladung fest und wurde dafür stark kritisiert. Andererseits kritisierten viele die Zensur der anderen. Eine wissenschaftliche Debatte steht noch aus bzw. wurde nur marginal geleistet. Das Tabu existiert weiter.

Das Ereignis hat viele Seiten. Einige politische, soziale weisen auf eine gemeine Opportunistenhaltung hin, die weder den einen, noch den anderen Werten entspricht, sondern einfach eine feige Wischiwaschi-Haltung dokumentiert: Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone äusserte sich auf Befragen sehr abfällig über James Watson, dessen Ansichten er als "absolut widerlich" verurteilte. Das ist nachempfindbar. Doch derselbe Livingstone scheute sich nicht nur nicht, den bekannten Islamisten Yusuf al Qaradawi zu empfangen, der öffentlich für Werte eintritt, die uns "Westlern" abscheulich" sind, nämlich Billigung der weiblichen Genitalbeschneidung, des Prügelns von Ehefrauen oder des Hinrichtens von Homosexuellen usw. , sondern entschuldigte sich bei dem feinen Gelehrten für die Xenofobie und Hysterie, welche einige Briten gezeigt haben.

Nun, nach Tony Blair ist man ja einiges an Wendehälsigkeit und Opportunismus bzw. Charakterlosigkeit gewöhnt. In diesem Falle dokumentiert es eine "politische Korrektheit", die einer moralischen, ethischen Erkrankung gleicht. Kühle könnten es als manifeste Inkongruenz einer Werthaltung bezeichnen. Würde in der Wissenschaft so willkürlich mit unterschiedlichem Mass gemessen werden, wäre sie sofort unbrauchbar.

Es geht nicht darum, dass Watsons Aussagen nicht zurückgewiesen werden sollten oder dürften. Es geht um eine falsche Einseitigkeit. Gibt es wissenschaftliche Argumente? Gibt es, unabhängig dieser, politische, ethische, moralische Argumente, die (zumindest) nicht willkürlich sind? Die also "allgemein" gelten bzw. länger als für einen Moment? Wenn nicht, sind sie untauglich. Was soll eine Verurteilung eines Rassismus hier, wenn man ihn dort akzeptiert? Gibt es duldbare oder begrüssenswerte Rassismen gegenüber unduldbaren, verurteilensnotwendigen?

Das Problem ist komplex und stark tabuisiert. Einige Juden vertreten öffentlich z.B. eine Suprematie, die Ausdruck eines Rassismus ist, der jedoch aus historischen, politischen Gründen nicht so etikettiert und kritisiert wird. Das ist die Kehrseite. Soll die aus politisch korrekten Gründen nicht debattiert werden? Wenn es keine genetische, also rassische Ungleichheit gibt, weshalb sollen gewisse Erklärungen hinsichtlich einer genetisch bedingten, positiven Sonderstellung akzeptiert werden? Weil man nur auf dem Terrain der Religion, Kultur und Moral verbleibt? Wäre aber nicht gerade dort die Relativität, bedingt durch die komplexe Vielfalt, verbindlich? Immerhin müssen sich "Weltreligionen" ihren jeweils allmächtigen, alleinigen usw. Gott teilen, weil es mehr als eine solche Weltreligion gibt. Würde der Kern religiösen Denkens "ernst" genommen werden, müsste sofort ein Weltkrieg entflammen, damit der eine reklamierte Gott als der allmächtige auch wirklich alleine herrsche. Die Dauerbeleidigung, dass mehrere Götter als Alleinige angerufen und angebetet werden, müsste zu Taten rufen! Trifft sich hier im Kern nicht arisches Denken? Superiorität, Suprematie!

Ich weise Watsons Überlegungen zurück. Mir sind genetische Erklärungen von Intelligenz oder Kultur (Sprache) zuwider; sie erscheinen mir absurd. Aber ich begrüsse oder unterstütze keine Hetzkampagnen. Ich meine, Argumente reichen aus. Mich stören auch Religiöse nicht, so lange sie nicht ihre Ansichten gesellschaftsverbindlich durchsetzen. Mich stören Rassisten oder Kriminelle nur, wenn sie ihre Ansichten öffentlich, gesellschaftlich durchzusetzen versuchen. Wenn ich von Henryk M. Broder lese, wie er die Sonderstellung des Judentums herauskehrt, vermag ich ihm nicht zuzustimmen, bin bestürzt über die Anmassung, werde aber nicht hetzen. Höchstens argumentieren. Keine Zensur ersetzt Argumente. Und wenn man sagt, mit Nazis oder Rassisten kann man nicht argumentieren, frage ich, wie das mit Leuten wie Broder steht? Kann man mit Suprematisten argumentieren? Mit echt Religiösen? Sicher, fragt sich nur, worüber.

Die freie Wissenschaft und freie Meinungsäusserung sehe ich nicht als Bedrohung der offenen Gesellschaft oder als Hilfe für Fanatiker, weil ich der argumentierenden Auseinandersetzung vertraue. Je höher gebildet die Teilnehmer dieser Auseinandersetzung, desto mehr Widersprüche sind "auseinandersetzbar", vertretbar, widersprechbar.

Ein ähnliches Problem herrscht ja in der Biologie und Genforschung. Sollen aus religiösen und moralischen Gründen Forschungen verhindert werden? Man kann durchaus solche Positionen vertreten. Aber sollen jene, die sie nicht vertreten, deshalb an ihrer Forschung gehindert werden? Auf was hin? Angst und Furcht? Ethik? Moral? Welche? Die von heute oder gestern? Unsere abendländische oder asiatische?

Richard Dawkins" Buch "The God Delusion" (Der Gotteswahn) wurde von vielen zerrissen und heftig kritisiert. Ich fand es im ganzen nicht gut geschrieben. Aber nicht unrichtig. Nur inkomplett und etwas dürftig argumentiert, weil zu einseitig. (Hätte er neben seinem wissenschaftlichem Vermögen das kulturelle eines, sagen wir, George Steiner, wäre er brillant geworden.) Aber grundsätzlich verstehe und teile ich sein richtiges Urteil: Es gibt keinen Gott; was dafür erscheint, ist Konstrukt etc. Doch das ändert nichts an Detailkritik. Es zeigt jedoch einen Unterschied zu den Religiösen, und die sind die Mehrheit, die ihn aus ganz anderen Gründen zurückweisen, verteufeln.

Würden Leute wie Livingstone ihre Werte allgemein beachten, wären sie deshalb nicht sakrosankt, aber zumindest überzeugender, schlüssiger, plausibler. Sie sprächen mit einer Zunge. Das erleichterte das Argumentieren, falls es dazu käme. So aber lässt sich nicht argumentieren, auch nicht moralisch, weil ihre Haltungen, ihre Werte eben mehrbödig, mehrdeutig und unverbindlich sind.

Würden Probleme, die sich zeigen, in den Wissenschaften und in den Kulturen, "ernsthaft" besprochen, interpretiert, zurückgewiesen werden, bereicherte das nur die Kultur. Wir hätten eine offene Auseinandersetzung. Pluralität. Wer nähme Schaden? Welche Angst herrscht?