11. Februar 2010 - 2:44 / Archiv / Malerei 

Mit über 300 Werken richtet das großangelegte Ausstellungsprojekt "Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris – Prag" in Ludwigshafen am Rhein einen neuen Blick auf den Surrealismus als internationale Kunstbewegung, die vom östlichen Mitteleuropa wichtige Impulse erhalten hat. Die Veranstalter zeigen im Wilhelm-Hack-Museum neben Hauptwerken surrealistischer Künstler wie Salvador Dalí, René Magritte, Max Ernst, André Masson und Meret Oppenheim auch zahlreiche Werke von Giorgio de Chirico und Hans Bellmer bis hin zu Leonor Fini und dem rumänischen Maler Victor Brauner.

Interessante Neuentdeckungen versprechen besonders die Werke von Jindřich Heisler, František Hudeček, Mikuláš Medek, Jindřich Štyrský, Karel Teige und Toyen. Der Kunstverein Ludwigshafen konzentriert sich mit Fotografien u.a. von Man Ray, Brassaï, Jindřich Štyrský und Emila Medková inhaltlich ausschließlich auf das Medium der Fotografie. Erstmals rücken die Ausstellungsmacher den tschechischen Surrealismus in den Vordergrund, der bisher in Deutschland wenig beachtet wurde. Darüber hinaus erweitern sie den zeitlichen Fokus bis 1969. "Gegen jede Vernunft" präsentiert Kunstwerke der surrealistischen Zentren Paris und Prag und stellt so auf einzigartige Weise Verbindungen zwischen West und Ost über alle Genres hinweg her.

Das Ausstellungsprojekt präsentiert den Surrealismus als ganzheitliches Phänomen. Es zeigt die historische und geographische Entwicklung der Kunstströmung vom Beginn der 20er bis in die späten 60er Jahre in Paris und Prag. Gleichzeitig begreift die Ausstellung den Surrealismus als Lebensgefühl und eine lebendige Form des freiheitlichen Denkens, die ihre Inspiration aus dem Unbewussten, Irrationalen, der Imagination und der Fantasie schöpft. Die surrealistische Bewegung stellt der rationalistischen Weltsicht eine faszinierende Wirklichkeitserfahrung jenseits der Erklärbarkeit und der wissenschaftlichen Logik entgegen, die ihre Kraft aus der Tiefe des Unterbewusstseins der menschlichen Psyche erfährt.

Ebenso wie die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs Leben und Schaffen der französischen Surrealisten in Paris prägten, so beeinflussten Kalter Krieg und Prager Frühling Alltag und Werk der Prager Surrealisten. Pariser wie Prager Künstler verweigerten bürgerliche Ordnungsprinzipien und teilten die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, menschlicher Authentizität und Unschuld, deren Verwirklichung sie vor allem in der indigenen Kunst, wie auch in den Werken von Kindern und Geisteskranken sahen. Die Sammlung Prinzhorn zeigt in ihrer begleitenden Ausstellung "Surrealismus und Wahnsinn" zahlreiche Bilder von Psychiatriepatienten, die als eine der wichtigsten künstlerischen Inspirationsquellen der Pariser Surrealisten gelten.

Ein Highlight der Ausstellung im Wilhelm-Hack-Museum ist Salvador Dalís neun mal 14 Meter großer, eindrucksvoller Bühnenvorhang "Bacchanal", der zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist, sowie ein Kostüm, das eigens für die Ausstellung rekonstruiert wurde. Dalí hatte das Bühnenbild für ein Gastspiel der "Ballet Russe de Monte Carlo" an der Metropolitan Opera in New York konzipiert, Coco Chanel entwarf die Kostüme für die Aufführung. Die Zusammenarbeit des exzentrischen spanischen Künstlers und der berühmten Pariser Modemacherin war symptomatisch für die Interdisziplinarität des Surrealismus, der wechselseitige Einfluss von Kunst und Mode die Basis zahlreicher surrealistischer Werke und Kreationen.

Künstler, wie etwa Hans Bellmer, Man Ray, Wilhelm Freddie oder André Breton, verwendeten in ihren Darstellungen und Arrangements Schaufensterpuppen als Symbole vollkommener (weiblicher) Gefügigkeit. Mit ihnen entwarfen die Künstler phantastische, oft verfremdete, groteske und häufig auch explizit erotische Szenarien, in denen sich unerfüllte sexuelle Phantasien widerspiegelten. Die Aktualität der engen Verbindung zwischen Kunst und Mode bezeugen Kreationen der erfolgreichen Mannheimer Modedesignerin Dorothee Schumacher. Im Rahmen der Ausstellung werden die "Modeträume"im Foyer des Wilhelm-Hack-Museums in eigens dafür konzipierten Vitrinen präsentiert. Begleitend findet mit der Designerin selbst am 4. Dezember ein Modetalk unter dem Titel "Kunstträume – Modeträume" statt.

Mit der maßstabsgetreuen Teilrekonstruktion des Hauptraums der legendären Surrealismus-Ausstellung von 1938 in der Galerie Wildenstein präsentiert das Wilhelm-Hack-Museum ein Glanzlicht surrealistischer Inszenierung. Die maßgeblich von Marcel Duchamp konzipierte Ausstellung zeigte nicht nur die Werke berühmter Surrealisten, sondern stellte gleichsam die Erwartungen des Betrachters auf den Kopf. Von der Decke herabhängende Kohlesäcke, einen künstlichen Seerosentümpel, den Duft frisch gemahlenen Kaffees und das Lärmen militärischer Marschbefehle vereinte Duchamp zu einem unvergleichlichen sinnlichen Gesamtkunstwerk. Die Krönung der Inszenierung bildete die individuelle Beleuchtung durch Taschenlampen, die der Ausstellungsbesucher in die Hand bekam und die ihn gleichsam zum Mit-Akteur eines großen Ganzen machte. Das Wilhelm-Hack-Museum lässt dieses Erlebnis wieder aufleben.

Die Ausstellung im Kunstverein Ludwigshafen zeigt etwa 180 Fotoarbeiten von Fotografen und Künstlern, die sich dem Surrealismus nahe fühlten. Auch hier werden, erstmalig in diesem großen Umfang, Künstler aus Paris und Prag einander gegenübergestellt. Neben Klassikern von Man Ray, Hans Bellmer und Brassaï präsentiert der Kunstverein auch Fotografien von Eugène Atget, Claude Cahun, Herbert und Dora Maar sowie vom Surrealismus beeinflusste Werke von Erwin Blumenfeld, Herbert Bayer und Herbert List. Darüber hinaus sind die fotografischen Werke Bildender Künstler wie René Magritte zu sehen. Die eigenständige Formensprache der Prager Surrealisten dokumentieren Werke von Emila Medková, Jindřich Štyrský, Jaromír Funke und Karel Teige.

Ziel der surrealistischen Fotokünstler war nicht die getreue Abbildung der Wirklichkeit, sondern der begehrliche Blick hinter die Kulissen, die Entdeckung neuer, verborgener und geheimnisvoller Realitäten. Das noch junge Medium der Fotografie eröffnete ihnen neue, nie gekannte Möglichkeiten, diese Imaginationsräume sichtbar zu machen. Sie experimentierten mit Techniken wie Fotomontage, Solarisation, Rayografie, Brûlage und Mehrfachbelichtungen. Aus vertrauten Motiven entwickelten sie fremdartige, rätselhafte Welten. Vor allem Künstlerinnen, wie etwa Toyen oder Claude Cahun, nutzten das neue Medium, um sich in der überwiegend männlich geprägten Kunstszene zu etablieren.

In Heidelberg ist die bekannte Sammlung Prinzhorn ansässig, die auch für Surrealisten eine reiche Inspirationsquelle war. Sie eröffnet am 25. November 2009 die Ausstellung "Surrealismus und Wahnsinn" (bis 14. Februar 2010) mit insgesamt 120 Exponaten. Max Ernst war von Hans Prinzhorns "Bildnerei der Geisteskranken" so fasziniert, dass er das Buch noch im Erscheinungsjahr mit nach Paris nahm, wo es bei seinen Künstlerkollegen für Furore sorgte und gleichsam zur Bibel der Surrealisten wurde. Die Heidelberger Ausstellung macht mit Bildern, Zeichnungen, Druckgraphiken und Schriften deutlich, welche Anziehung die "Ästhetik des Wahnsinns" auf Künstler wie Max Ernst, Salvador Dalí, André Masson und Hans Bellmer hatte. Sie diskutiert den Zusammenhang mit verschiedenen surrealistischen Verfahrensweisen und zeigt, auf welche Weise sich Künstler der Gruppe von Patientenwerken inspirieren ließen.

Gegen jede Vernunft. Surrealismus Paris - Prag
Gemälde – Objekte – Skulpturen – Filme
14. November 2009 – 14. Februar 2010
Vernissage: 13. November 2009, 18.30 Uhr
Wilhelm-Hack-Museum

Surrealismus und Wahnsinn

26. November 2009 bis 14. Februar 2010
Sammlung Prinzhorn



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Max Ernst; Die schwankende Frau, 1923. K20/K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009 Foto: Walter Klein, Düsseldorf
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René Magritte; Die Übungen der Akrobatin, 1928. Pinakothek der Moderne, München; © VG Bild-Kunst Bonn 2009. Foto: Blauel/Gnamm/ARTOTHEK
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André Masson; Das Labyrinth, 1938. Centre Pompidou, Paris, Musée national d'art moderne/Centre de création industrielle. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009
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Toyen; Schläferin, 1937. Privatsammlung. © VG Bild-Kunst, Bonn 2009