30. Juli 2007 - 4:02 / Rückblick

Mitte Juni erfolgte die Eröffnung der Ausstellung in der Kunsthalle Krems, die, wie stolz betont wird, in Europa erstmalig "eine Ausstellung zum Thema der Zigeunerdarstellung (sei), die nicht nur den soziologisch-historischen Blick bedient, sondern gleichzeitig den Anspruch erhebt, eine Kunstausstellung mit qualitativ anspruchsvollen Bildern (Gemälde, Lithographien, Grafiken, Fotografien) zu sein."

"Den "unschuldige" Blick gibt es nicht, jeder Blick spiegelt eine bestimmte gesellschaftliche Struktur wider. Der Blick auf die als "Zigeuner" diskriminierte Bevölkerungsgruppe der Roma und Sinti veränderte sich im 19. Jahrhundert mehrfach. Gemälden und Fotografien zeichnen diese Entwicklung nach." (Presseaussendung Kremser Kunsthalle)

Es geht also nicht primär um Kunst, sondern um jene Art Kunst, die historisches Zeugnis und Dokument ist. Es geht um die Darstellung der Darstellung, das Aufzeigen der Stereotypie, der Imaginationen, wie sie sie in langer Geschichte sich gebildet haben und deren Ausläufer heute noch wirksam scheinen.

Die Ausstellung ist nicht sehr umfangreich, aber interessant gestaltet; sie stützt sich besonders auf viele ungarische Leihgaben. So einmalig erscheint mir das Unternehmen allerdings nicht, gab es doch die Ausstellung "Paradise Lost" mit 16 Roma-Künstlern aus acht Ländern bei der Venediger Biennale, dort, typischerweise, als ob das Klischee als Nichtklischee bestätigt werden sollte, am Rand, nicht wirklich integriert.

Aber Kunst von Roma und Sinti ist etwas anderes als Kunst über Roma und Sinti. Bei beiden jedoch wird die Historie und das ideologische und politische Umfeld bemüht, um Kunst und Künstler zu deuten. Und in beiden Fällen liegen hierin Fallen, in welche die meisten tappen bzw. sich verfangen, wohl aus ideologischen Gründen, zu denen ja auch die politische Korrektheit zählt.

"Die Darstellung der lange diffamierten "Zigeuner" und ihre Erfassung in stereotypen Berufsbildern – vom Scherenschleifer zur Wahrsagerin – markiert den Anfang einer europäischen Bildtradition mit bedeutenden Werken im 17. und 18. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert entsteht eine differenziertere bildnerische Auseinandersetzung mit der Volksgruppe der Roma und Sinti. Zahlreiche Künstler malen eindrucksvolle Darstellungen der Roma, in denen jedoch eine mythenhafte Verklärung und Romantisierung des "Zigeunerlebens" vorherrscht. Andererseits kommen auch soziale Probleme und Spannungen in der Malerei zum Ausdruck. Ein realistischeres Bild entsteht erst im Lauf des 20. Jahrhundert: die Moderne gesteht der jahrhundertelang als "Zigeuner" ausgegrenzten Volksgruppe erstmals einen Platz innerhalb der Gesellschaft zu." (Presseaussendung Kremser Kunsthalle)

Was hier über die Bildtradition gesagt wird, stimmt, obwohl der Eindruck, der sich einstellt, als handele es sich um eine europäische, bürgerliche Besonderheit, kultürlich völlig falsch wäre, weil es keine Gesellschaft gab oder gibt, die nicht bedingterweise Stereotypen und Vorurteile konstruiert und unterhält, unabhängig, ob es sich um Auto- oder Heterostereotypen handelt. Die Konstruktion und Perzeption von Stereotypen oder Vorurteilen ist aber noch komplexer, weil es auch um jene Kategorien in diesen Dimensionen geht, die die intentierten Sichten darstellen, wie jemand wünscht, vom andern wahrgenommen zu werden bzw. wie er meint, dass der andere ihn wahrnimmt.

Berücksichtigt man diesen simplen, faktischen Aspekt, wird sofort klar, dass niemand den "reinen, objektiven" Blick hat oder haben kann. Auch andere pflegen ihre Stereotypen. "Zum Fall" werden solche Übungen erst, wenn daraus sozial, politisch, rechtlich, also insgesamt gesellschaftlich, Nachteile erwachsen als Ausdruck von Machtverhältnissen, in und unter denen jene, die keine Gegenmacht besitzen, also ohnmächtig sind, leiden, weil die Mächtigen ihre Macht missbrauchen.

Dieser gesellschaftliche Aspekt ist jedoch von anderer Natur und kann nicht primär direkt mit der "verzerrten", stereotypen Rezeption in Kausalverbindung gebracht werden. Doch genau das geschieht, weil es vordergründig auf der Hand liegt, weil es bequem ist und weil es gegenwärtig eine Sicht, die der politischen Korrektheit korrespondiert, befriedigt.

Die Kremser Ausstellung, die nach ihrem Anspruch und Konzept beides erfüllen will, den soziologisch-historischen Blick bedienen und zugleich hochwertige Kunstausstellung zu sein, bringt also in ihrem Katalog einige theoretische Beiträge, allerdings ohne Anmerkungen oder Quellenverweise. Die stören offenbar. Die Katalogmacher meinen den Anmerkungsapparat vernachlässigen zu dürfen, als ob Bilder und ein paar Sätze reichen. Das ist bedauerlich, wird doch damit angezeigt, dass der anvisierte soziologisch-historische Blick nicht ganz ernst gemeint sein kann, da zum Wissenschaftlichen die Nachweise nun einmal gehören. Im Katalog werden demgegenüber penibel alle Verweise aufgelistet, die die Macher und Mitarbeiter, Leihgeber und andere ausweisen. Hier scheint Ausführlichkeit und Präzision vonnöten und willkommen. Im Wissenschaftlichen nicht. Das sagt selbst etwas aus! Immerhin drei Jahre war an diesem Projekt gearbeitet worden!

Trotzdem ist der Katalog brauchbar, wiewohl ich theoretisch stärker untermauerte Beiträge vermisse. So offerieren Gerhard Baumgartner und Eva Kovács historische Abrisse, schreiben Tanja Pirsig-Marshall zur "Zigeunerikonographie" der klassischen Malerei und Péter Szuhay zur "Zigeunerfotografie", aber vertiefte Ausführungen oder wenigstens Verweise auf einschlägige Arbeiten im Politischen oder kunsttheoretischen Fehlen, will man die blosse Auflistung in der Bibliografie nicht als Ersatz gelten lassen.

Die Problematik der korrekten Sicht, die eine ideologische ist, drückt sich schon im Vorwort von Tayfun Belgin aus, dem Direktor der Kunsthalle Krems. Fragnotwendig ist aber auch der kunsttheoretische bzw. semiotische Aspekt.

"Im 20. Jahrhundert beginnt sich neben dem romantisierenden Blick auf die Roma und Sinti ein ethnologisierender Blick durchzusetzen. Auch wenn die Avantgarde zu Beginn des Jahrhunderts noch keine authentische Sicht liefern kann, sondern in ihrer Suche nach dem Unverfälschten dieses bei den Roma und Sinti zu entdecken glaubt, sind die Darstellungen doch weniger diskriminierend als die der vorangehenden Epochen."

Was heisst das bzw. was soll es bedeuten? Die Formulierung, dass die Avantgarde damals noch keine authentische Sicht liefern konnte, insinuiert, dass sie es später vermocht hat. Dafür fehlen Belege. Überhaupt wird argumentiert, als ob es eine "authentische Sicht" gäbe oder geben könne, ohne diese näher zu beschreiben oder auszuweisen. Gibt es sie? Nein, so wenig, wie es das Absolute gibt oder das "Ding an sich". Eine Chimäre. Zweitens wird das Moment der Diskriminierung in die Darstellung gelegt, das Bild. Ein Bild stellt aber nur dar. Die Diskriminierung erfolgt konkret sozial. Bilder sind höchsten Medien, Ausdruck von Haltungen und Einstellungen, nicht aber direkte Diskriminierung selbst. In einer nicht diskriminierenden Gesellschaft sind durchaus Bilder möglich, die abstossend, verzerrt, karikiert, böse sind, ohne dass die derart Überzeichneten deshalb direkte Nachteile erfahren. Würde ein direkter Konnex zwischen Vorgabe und Abbild bestehen, zwischen Tat und Wort, dürfte keine Literatur publiziert werden, weil der Krimi oder Thriller konkret verletzte, ebenso wie der triviale Film oder die dumme TV-Soap-Opera. Dem ist aber nicht so.

Tayfun Belgin schreibt weiter: "Ca. 80 historische Fotografien aus der Zeit von 1870 bis ins 20. Jahrhundert dokumentieren nicht etwa eine authentische fotografische Sicht, sondern schließen an die verklärende Darstellung der Gemälde an. Studioaufnahmen als Wunschbilder von exotisch anmutenden Menschen, eben "Zigeunern", schufen eine bizarre fotografische "Wirklichkeit"."

Nun, auch wenn es eine Wiederholung ist, drängt sich abermals die Frage auf, wo denn die authentische fotografische Sicht zu finden ist? Wer hat sie gehabt, wer hat sie gegenwärtig, wie sieht sie aus? Auch wenn nicht romantisiert wird, ist die fotografische Realität, wie jede mediale, eine konstruierte. Bedingterweise.

Was Belgin im Sinn hat, kann man indirekt herauslesen aus seinen lobenden Worten zu den Fotografien des Schweizers Yves Leresche, die in die Ausstellung integriert sind (75 Fotografien aus seinem mehrjährigen Aufenthalt in Rumänien), und die Resultat einer aktiven Alltagsteilhabe sind. Das scheint"s zu sein: die Teilhabe am Leben verbürgt anscheinend den authentischen Blick. Weil der Fotograf nicht nur Fotograf bleibt, also aufzeichnender Beobachter, sondern aktiv Teilnehmender, Teilhabender, sollen seine Bilder authentisch sein. Klingt zwar plausibel, stimmt aber auch nicht. Teilhabe verändert nicht die mediale Bedingtheit und den spezifischen semiotischen Prozess.

Kultürlich können wir von mehr oder weniger authentischen Bildern als Repräsentanten sprechen. Ein ähnliches Problem kennen wir im sogenannten Realismus. Aber dafür müssten Kriterien genannt werden zur Definition und Unterscheidung. Ohne solche Klärung bleibt es spekulativ, vordergründig, ja klischiert.

Trotz meiner etwas relativierenden Einwände oder Fragen ist die Ausstellung aber sehenswert und interessant. Immerhin besteht die Möglichkeit sich animieren zu lassen, über das Gezeigte und Geschriebene hinaus sich mit dem komplexen Thema der Roma und Sinti, unserer und ihrer Darstellung und Geschichte auseinanderzusetzen.

Dass die Geschichte nicht nur Geschichte ist im Sinne von vergangen und überwunden, dass heute noch nicht nur negative Stereotypen rezipiert werden, sondern aktiv mit Hass und Verfolgung Roma und Sinti konfrontiert werden, ausgegrenzt, an den Rand gedrängt, niedergehalten, ist nicht primär dieser "künstlerischen" Tradition zuzuschreiben, sondern einem rassistischen Verhalten, das von gewissen Leuten gepflegt und gehegt wird. Erstaunlicherweise vor allem in Ländern des Ostens, wo für viele Jahrzehnte die völkerfreundliche Kultur des Kommunismus herrschte. Doch gerade aus Slowenien, Musterneuland der EU, waren vor kurzem grauslige Hatzen und Vertreibungen von Romafamilien zu vermelden. Und in der Slowakei, wo an die 300.000 Roma leben, nein, mehrheitlich unmenschlich vegetieren, kann trotz EU-Spenden keine Verbesserung der Situation erfolgen, weil die wenigen Gelder wegen der aggressiven Ablehnung der Bevölkerung nicht eingesetzt werden können. Dort, wo Roma in neue oder bessere Häuser übersiedelt werden sollen, können sie nicht, auch wenn die Finanzierungsfrage gesichert wäre, weil sie es nicht dürfen nach dem Hasswillen lokaler Bevölkerungen und ihrer aggressiven Ablehnung.

Das lehrt uns in Europa einiges bzw. es sollte uns einiges lehren. Es ist nötig, diese dreckige Kehrseite nicht zu übersehen, wenn wir eine authentische Kunstausstellung mit historisch-sozialem Blick, wie die in Krems, besuchen, um den aktuellen sozialen Blick zu wagen und ausweiten zu können.


Katalog: Zur Ausstellung erschien ein Katalog im Hard Cover, 112 Seiten und neben zahlreichen Abbildungen einigen theoretischen Beiträgen. 112 Seiten, EUR 19,00

Roma & Sinti - "Zigeuner-Darstellungen" der Moderne
17. Juni bis 2. September 2007
In Kooperation mit dem Ethnografischen Museum Budapest



  •  17. Juni 2007 2. September 2007 /
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Rudolf Balogh, Lachendes Zigeunermädchen, Ungarn 1935 © Ungarisches Fotografiemuseum, Kecskemét
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Lajos Kúnffy, Zwei Zigeuner, 1910 © Lajos Kúnffy Museum, Somogytúr
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Yves Leresche aus der Serie 'Rroma', 1990-2002 © Yves Leresche, 2007
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Yves Leresche aus der Serie 'Rroma', 1990-2002 © Yves Leresche, 2007
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Yves Leresche aus der Serie 'Rroma', 1990-2002 © Yves Leresche, 2007
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Yves Leresche aus der Serie 'Rroma', 1990-2002 © Yves Leresche, 2007
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Yves Leresche aus der Serie 'Rroma', 1990-2002 © Yves Leresche, 2007