verfasst von Haimo L. Handl / 24. Februar 2008 - 7:30 / Wort zum Sonntag
logo wort-zum-sonntag

Unsere Zeit propagiert lebenslanges Lernen und steigert die Professionalisierung. Fast jede Tätigkeit bleibt keine freie mehr, sondern wird zu einer offiziell geschulten, trainierten, zertifizierten. Noch überlässt man das Intimste, die Sexualität, frei den Personen. Aber auch hier drängen immer mehr Professionelle auf den potentiellen Kunden: Berater, Coaches, Therapeuten einerseits, Prostituierte andererseits. Auffällig ist, dass die Tarife der ersteren Gruppe oft höher sind als die jener, die direkte, reale, konkrete Leistung bieten. Sexuelle Kommunikation wird zur Arbeit für Sex Worker, ähnlich wie die Freizeit eine Arbeit für Freizeitarbeiter wird.

Gleiches beim Schreiben. Privat darf man auch ohne Zeugnisabschluss oder Zertifikat schreiben. Noch ist sogar der Beruf eines Journalisten frei, das heisst, er darf ohne eigene Berufsausbildung und teures Zertifikat von einer dafür akkreditierten Organisation ausgeübt werden. Wer eine Stelle findet, wer seine Schreiberei verkaufen kann, darf. Aber es wird immer schwieriger für die Jungen, eine Journalistenstelle zu finden, wenn sie nicht entsprechende Ausbildungen nachweisen können bzw. Zertifikate vorzeigen. Andererseits kaufen immer weniger Zeitungen Texte frei ein.

Im Internet kann man zwar in jeder Menge seine Texte unterbringen, oft jedoch nicht als bezahlte, journalistische Leistung, sondern als Privatvergnügen, Ausdruck eines Engagements oder, weil man halt seinem Mitteilungsbedürfnis nachgibt.

Professionalisierungen engen Gesellschaften ein, reglementieren, kontrollieren, überwachen. Schaffen einen entsprechenden Markt mit Zugangsregeln. Und Profitmöglichkeiten. Die aber, entsprechend dem Marktsystem und seiner Logik, nicht für alle gleich gelten.

Professionalisierungen sind gut für Experten und die Expertokratie. Sie erfüllen auch eine wichtige Funktion in den komplexen Gesellschaften: Parallel zur gesteigerten Arbeitsteilung helfen sie die Wertbereiche als Hintergrund für das Verständnis von Verantwortung so weit zu differenzieren, dass schlussendlich keine persönliche Verantwortung mehr bleibt, man trotzdem aber als Experte, als Professionist oder Professor wirken kann. Es ist eine Frage der Abstraktion.

In Kürze wird es nicht mehr erlaubt sein, ohne entsprechende Ausbildung journalistisch zu arbeiten. Man darf privat zwar seine Meinung äussern, aber nicht nicht-privat, also öffentlich. Dazu bedarf es einer Ausbildung, eines Zertifikats. Das bringt Tausende von Kursteilnehmer in Schulen und auf den Arbeitsmarkt. Dort drückt die grosse Zahl von Jobanwärtern die Preise und die Unternehmer können billig die Dienstleistungen einkaufen.

Das Gleiche gilt für Musik und Bühne. Das alte Modell von klein anfangen, üben, auftreten, lernen, üben, besser geworden sein, Hörergemeinde bilden, auffallen, Erfolg haben, hat ausgedient. Jetzt wird man entdeckt, gewinnt einen Preis oder eine Publikumsauswahl (Star mania) und wird dadurch professionalisiert und initiiert.

Das Gleiche gilt für die Künste. Das haben wir schon lange. Doch die Koexistenz der akademisch beglaubigten Maler mit den Autodidakten war bislang mehr oder weniger problemlos. Das ändert sich. Die Akademien, eine nutzlosere Einrichtung als Volkshochschulen, die durch ihr Reglement sich auch daran hindern bzw. gezielt gehindert werden, substanziell für den Markt zu arbeiten, sind nicht nur Kultstätten für überbezahlte Professoren, sondern Brutstätten für Professionelle, unabhängig, ob sie später von der Sozial- oder Nothilfe leben. Aber mit Zeugnis und Diplom.

Die sogenannte Pflegekrise beweist nicht nur ein Finanzierungsproblem, sondern auch eines der Professionen. Noch versucht man dem Debakel damit beizukommen, indem man verbietet, dass eine Hilfskraft z.B. jemandem ein Glas Wasser reichen darf, der durstig ist, weil es dazu einer langjährigen Ausbildung bedarf, und schon gar nicht das Essen löffelweise zuführt, weil dazu ein Magisteriumsstudium nötig ist. Es wird von Verantwortung und Haftung gesprochen und jeder normal Denkende wundert sich, wie die Haftungsfrage denn für die Mütter und Väter und Geschwister geregelt ist, die, man bedenke!, ohne spezifische Ausbildung, ohne Kurse und Zertifikate, einerseits Kinder machten oder, wenn nicht, zumindest als Eltern welche haben, und mit ihnen leben, sie füttern und aufziehen etc. Und Geschwister gehen mit diesen fragilen Lebewesen oft grob um, weil sie als ganz Kleine noch keine Ausbildungen hinter sich haben, keine Kurse über Gefahrenvermeidung und Spezialverantwortung etc. Und wenn die dritte Generation im Hause lebt, was bei Ärmeren oder ganz Reichen manchmal der Fall ist, also die Grossmutter oder der tattrige Grossvater, werden sie "gepflegt", wenn das Geld fürs teure Heim nicht vorhanden ist oder wenn dem Wunsch des Bedürftigen Folge geleistet wird, doch daheim, in trauter Umgebung versorgt zu werden.

Bald wird dieses gefahrenvolle, völlig unprofessionelle Verhalten gesetzlich verboten sein. Allerdings weiss man noch nicht, wie man die Freiheit Familien zu gründen, Kinder zu kriegen und aufzuziehen, weiter gewähren soll, wenn diese Rechte nicht an die obligatorische Elternschule oder Kinderschule geknüpft werden können. Früher durften, aus gutem Grund, nur Freie, also Aristokraten, heiraten. Die Unteren, gar die Leibeigenen, mussten entweder frei werden oder um Erlaubnis ersuchen, mit dieser oder jener Person eine Gemeinschaft zu bilden oder Kinder zu kriegen.

Soll das wieder eingeführt werden? Zum Wohle des Kindes, der Familie, der Einzelnen? Damit die Schulungen besser greifen und die professionelle Begleitung als Dauerbetreuung funktioniert?

Die tiefgreifendsten Änderungen ergeben sich aber im Bereich des Gesprächs, des direkten, persönlichen Austausches. Das freie Gespräch ist eine direkte Marktbedrohung für die Professionellen. Wenn viele Personen im persönlichen Gespräch ohne Expertenhilfe ihre Probleme lösen, besuchen weniger Kunden Professionisten: Therapeuten, Berater, Betreuer, Coaches. Zudem besteht die dringende Gefahr, dass Leute ungeprüften Aussagen vertrauen. Dass Laienmeinungen für wahr genommen werden. Wer haftet dafür? Laien geben Ratschläge, die sie nie geben dürften, weil Ratschläge nur von zertifizierten Professionisten in ihrem Fachbereich erfolgen dürfen. Selber Denken, selber sprechen ist riskant und hoch gefährlich. Wenn nachweisbar wird, dass in der persönlichen Aussprache Frau X ihrer Freundin Y riet, dies zu tun oder nicht zu tun, trägt dann Frau X die Verantwortung dafür? Im Regelfall nicht. Das ist unhaltbar. Deshalb muss die freie Kommunikation geregelt werden. In einer ordentlichen Gesellschaft darf es keine regelfreien Bereiche geben. Das wäre Anarchie!

Diesem Unwesen und Unding falsch verstandener Freiheit lässt sich weniger mit Verboten beikommen, als mit horrenden finanziellen Forderungen durch Haftungsansprüche. Sobald Leute finanziell verpflichtet werden, weil ihr Wort zu Handlungen mit negativen Ausgang führte, und sie dafür zahlen müssen, werden sie sich solche nichtprofessionellen Einmischungen in den freien Markt nicht mehr leisten. Das Feld wird offen für die Professionellen.