15. Februar 2011 - 2:29 / Ausstellung / Sonstige 
15. Oktober 2010 20. Februar 2011

Das Kunstmuseum Bern und das Zentrum Paul Klee präsentieren in enger Zusammenarbeit eine gemeinsame Ausstellung über die sieben Todsünden. Zu sehen sind Werke aus zehn Jahrhunderten – vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Schau ist in acht Kapitel gegliedert, die über die beiden Häuser verteilt sind. Nach einer Einleitung mit zyklischen Darstellungen werden im Kunstmuseum Bern die Werke zu Superbia (Hochmut/Eitelkeit), Invidia (Neid), Ira (Zorn) und Avaritia (Geiz/Habgier) zu sehen sein, im Zentrum Paul Klee jene zu Acedia (Trägheit), Gula (Völlerei) und Luxuria (Wollust).

Wo hört die Lust auf und wo fängt die Sünde an? Die Ausstellung zeigt in der Gegenüberstellung von älterer und zeitgenössischer Kunst den Wandel der Bedeutung der sieben Todsünden und fragt in lustvoller Weise danach, welche Relevanz der Sündenbegriff heute noch hat. Die Haltung der Gesellschaft heute zu den Sünden ist zwiespältig. Einerseits sind Habgier, Neid oder Völlerei (in Form von Konsumismus) die Triebfedern des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Und die sexuelle Freizügigkeit, also die Wollust von gestern, ist in weiten Kreisen gesellschaftsfähig. Andererseits wird die Habgier der Manager als Abzockermentalität verurteilt, das Konsumverhalten der Wegwerfgesellschaft als oberflächlich und sinnentleert empfunden.

Die Ausstellung "Lust und Laster" dokumentiert die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema der sieben Todsünden in ihrer ganzen Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Sie ist jedoch kein chronologischer Parcours, sondern in Kapitel gegliedert, die den einzelnen Sünden gewidmet sind. Das Konzept der sieben Todsünden hat seine Wurzeln in der mönchischen Kultur des spätantiken Ägypten. Der Eremitenmönch Euagrios Pontikos definierte Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. acht schädliche "Gedanken", die den Menschen vom Weg zu Gott abbringen. Ende des 6. Jahrhunderts wurde diese Lehre von Papst Gregor dem Grossen aufgegriffen und zu einer Liste von sieben Hauptlastern umgearbeitet, die aus der "Wurzelsünde" Superbia (Hochmut) entstehen. Durch die Verschmelzung von Superbia mit dem ersten Laster der Siebnerreihe, Vana Gloria (Ruhmsucht), bildete sich im Hochmittelalter ein Katalog der Sünden aus, die seit dem 13. Jahrhundert die sieben Todsünden genannt werden.

Seit die kirchliche Morallehre im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts ihren prägenden Einfl uss auf die Gesellscha verloren hat, erscheint das Konzept der sieben Todsünden obsolet. Doch wie die Flut von künstlerischen, literarischen und wissenschaftlichen Bearbeitungen der letzten Jahre beweist, ist das Thema nach wie vor hochaktuell. Der Grund liegt darin – so die These der Ausstellung –, dass die Todsünden von Anfang an nicht nur ein Mittel zur Disziplinierung der christlichen Bevölkerung im Namen einer höheren Moral waren, sondern zugleich eine Art Leitplanken, die das Funktionieren der Gesellschaft gewährleisten sollten. Mit dem sozialen und ökonomischen Wandel der letzten Jahrhunderte hat sich auch die Beurteilung der Todsünden verändert.

So hat die Wollust dank den modernen Verhütungsmethoden für gewöhnlich keine negativen Folgen für die Gesellschaft; Neid und Habgier gelten im kapitalistischen System als zentrale Triebfedern des Wirtschaftswachstums und werden geradezu positiv bewertet. Umgekehrt werden aber dieselben Verhaltensweisen heute noch gebrandmarkt, wenn sie die Gesellschaft schädigen oder ihr Gleichgewicht zu gefährden drohen, wie beispielsweise die Kritik an der "Abzockermentalität" der Manager zeigt. Ziel der Ausstellung ist es, nicht nur die Darstellung der Todsünden über die Jahrhunderte zu dokumentieren, sondern auch diese Umwertungen aufzuzeigen und der Frage nachzugehen, inwiefern die sieben Todsünden für uns noch relevant sind.

Zu sehen sind Werke aus zehn Jahrhunderten – vom 11. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Handschriften, Gemälde, Fotografien, Installationen und Videos veranschaulichen in eindrücklicher Weise die verschiedensten Aspekte des Sündenkanons. Werke u.a. von: Marina Abramovic, Adriaen Brouwer, Marc Chagall, Otto Dix, Albrecht Dürer, Fischli / Weiss, Gilbert & George, Andreas Gursky, Paul Klee, Bruce Naumann, Martin Parr, Sigmar Polke, Peter Paul Rubens, Cindy Sherman, Yinka Shonibare, Andy Warhol.

Lust und Laster
Die 7 Todsünden von Dürer bis Nauman
15. Oktober 2010 bis 20. Februar 2011

Kunstmuseum Bern
Hodlerstrasse 8-12
CH - 3000 Bern

T: 0041 (0)31 32809-44
F: 0041 (0)31 32809-55
E: info@kunstmuseumbern.ch
W: http://www.kunstmuseumbern.ch/

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