20. April 2022 - 10:23 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
20. April 2022 4. Juli 2022

Im Sommer 2022 feiert das Kunsthaus Bregenz sein 25-jähriges Jubiläum während der diesjährigen Kunstbiennale mit einer Ausstellung in Venedig. Vom 20. April bis 4. Juli bespielen die Künstlerinnen Otobong Nkanga und Anna Boghiguian einen ganz besonderen Ausstellungsort, die historische Scuola di San Pasquale im Stadtteil Castello.

In neuen, eigens für diesen Ort entwickelten Werken thematisieren sie gesellschaftspolitische und hochaktuelle Fragen der Gegenwart. Mit der Scuola di San Pasquale wurde ein einzigartiger Raum für diese Ausstellung gefunden. Kubatur und Lichteinfall des historischen Gebäudes aus dem 17. Jahrhundert schaffen eine der Architektur des Kunsthaus Bregenz von Peter Zumthor vergleichbare Situation. In den verglasten Betonbau von Bregenz dringt das Tageslicht atmosphärisch in alle Stockwerke, in der Scuola gelangt das Licht durch große Fenster in die schlichten und eleganten Räume. In Bregenz wie in Venedig bespielen die Künstler*innen das ganze Gebäude und schaffen Ausstellungen, die die aufsehenerregende Geschichte des KUB fortsetzen.

Für das Erdgeschoss der Scuola gestaltet Otobong Nkanga die farbenprächtige Tapisserie "Tied to the Other Side" und eine Installation aus Gedichten und einer neuen Klangarbeit, in der sie auf das Leben der Pflanzen und die Ausbeutung der Natur Bezug nimmt.

Anna Boghiguian zeigt im Obergeschoss ein raumfüllendes Schachspiel: The Chess Game. Von Marie-Antoinette bis Ludwig Wittgenstein und Egon Schiele ist der Großteil der Figuren österreichischer Herkunft – ein Panoptikum politischer Ideen und Konflikte. Diese neue Arbeit wird in erweiterter Form im Spätherbst 2022 auch im Kunsthaus Bregenz zu sehen sein.

Aus unterschiedlichen Lebensformen keimt neues Wachstum hervor. Schäfte ragen in die Höhe, sie funkeln in der Landschaft und senden Lichtstrahlen aus, während Körper unnütz herumliegen. Hände, Pflanzen und ein Gefäß werden von einem Gebilde gehalten. Bunte Bläschen steigen auf. Der Wandteppich schimmert blau. Er wurde auf einer "Dornier" Greiferwebmaschine im Textielmuseum in Tilburg, Niederlande, nach Nkangas Zeichnungen hergestellt. Für Otobong Nkanga symbolisieren die Tiefe des Meeres und der Erde auch die Tiefe der Zeit. Während unsere Nachfrage nach Mineralien und Erzen stetig wächst, werden die Regionen der Tiefsee und tiefer liegende Erdschichten die neuen Rohstoffgebiete globaler Konzerne, um hier wertvolle Erze wie Kupfer, Nickel und Kobalt abzubauen. Auf der Suche nach Pflanzen und Leben bohrt sich eine dünne Nadel von oben in einen herabgefallenen Körper. Die Nadel symbolisiert die ineinandergreifende Maschinerie und das System, die für die Ausbeutung von Menschen, Land und Meer entwickelt wurden. Auf der hier in Venedig präsentierten Tapisserie "Tied to the Other Side" liegen in Mineralien und Pflanzen transformierte Hände und andere Körperteile in der Landschaft verstreut. So verwandelt enthalten sie nun die Erze und Nährstoffe, die für unsere Technologien und unsere Körper unverzichtbar sind. Links finden sich Stäbe. Die Linien des einen Stabes zeichnen klare Strahlen, verweisen auf noch unbekannte Möglichkeiten, zeigen in Richtung Zukunft.

Auf das barocke Altarbild in der Mitte des Ausstellungsraums antwortet Nkanga mit der neuen Klangarbeit "Something New, Something Grew, Something Good". Mit in Vorarlberger Erde geschriebenen Gedichten schmückt sie die Heiligenfiguren und die der Madonna am Altar. Ihre Stimme verklingt in dem Raum, in dessen Mitte sich eine in den Boden eingelassene Grabstätte befindet ‒ und wird zu einem Sinnbild für das menschliche Schicksal.

Otobong Nkanga (geboren 1974 in Kano, Nigeria) lebt in Antwerpen. 2015 wurde Nkanga mit dem hochdotierten Yanghyun-Preis und 2017 mit dem Belgian Art Prize ausgezeichnet, 2019 erhielt sie den Ultima, den Flämischen Kulturpreis für Visuelle Kunst, den Sharjah Biennial Prize, den Lise Wilhelmsen Art Award und den Peter-Weiss-Preis der Stadt Bochum. Ihr Werk wurde auf der 58. Biennale in Venedig mit einer "besonderen Erwähnung" gewürdigt.

2021/2022 hatte sie große Einzelausstellungen im KUB und im Castello di Rivoli, Turin. Davor waren es u. a. Einzelausstellungen in der Villa Arson, Nizza (2021), im Berliner Martin-Gropius-Bau (2020), im Museum of Contemporary Art, Chicago (2018), und im M HKA, Museum of Contemporary Art, Antwerpen (2015).

Sie hat u. a. an der 58. Kunstbiennale in Venedig (2019), der documenta 14 in Kassel (2017), der Biennale of Sydney (2016) sowie der Sharjah Biennial (2019, 2013 und 2005) teilgenommen.

Ein überdimensionales Schachspiel erwartet die Besucher:innen im Obergeschoss der Scuola: Ferdinand I., der Gütige genannt, regiert Venetien bis 1848. Der Autor, Jäger und Sozialdemokrat Felix Salten, charakteristisch mit Glatze, Schnurrbart und schlanker Nase, umfasst Bambi, das titelgebende Rehkitz seiner 1923 veröffentlichten Tiergeschichte. Marie-Antoinette ist die Hauptfigur von "The Chess Game" in der oberen Etage der Scuola di San Pasquale. Die Erzherzogin von Österreich trägt einen mit Rosen geschmückten Hut, ein leichtes Kleid, ihre Nase hält sie hoch erhoben. Sie gilt als leichtfertig und verschwenderisch. Als Königin von Frankreich wird sie schließlich mit geschorenem Kopf zur Guillotine geführt. Ihr beigestellt befindet sich eine Frau in blauem Kleid mit einem Kleiderbügel. Es ist die Modistin und Vertraute der Königin, Rose Bertin. Alle diese Figuren fertigt Anna Boghiguian im Frühjahr 2022 in ihrem Atelier in Kairo. Sie werden auf Papier gemalt, auf Holz montiert und als überdimensionale Schachfiguren auf 64 Feldern platziert. In erweiterter Form wird die Arbeit im Spätherbst 2022 auch im Kunsthaus Bregenz zu sehen sein.

Fast alle Darsteller:innen ihres raumgroßen Schachspiels sind österreichischer Abstammung. Es ist eine "Parabel" der Ungleichheit, ein Sinnbild von Gut und Böse. In Anlehnung an den 1959 veröffentlichten Roman Die Kinder unseres Viertels des verstorbenen ägyptischen Literaturnobelpreisträgers Nagib Mahfuz, mit dem Boghiguian befreundet war, personifiziert es historische Ideen und Krisen.

Weitere Darsteller sind Theodor Herzl, Autor des Buches "Der Judenstaat", und der Lagerarzt von Mauthausen, Aribert Heim, "Dr. Tod" genannt. Heim lebte bis zu seinem Tod 1992 unbehelligt in Kairo und verteilte samstags pinke Bonbons an die Kinder, auch an die kleine Anna Boghiguian.

Anna Boghiguian (geboren 1946 in Kairo) ist eine ägyptisch-kanadische Künstlerin armenischer Herkunft. Sie studierte bis 1969 Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft an der American University in Kairo. Anschließend folgte ein Studium an der Concordia University in Montreal und mehrere Jahre des Reisens. Seit 2010 erarbeitet sie dreidimensionale Settings, die sie bühnenbildartig in Szene setzt. Anna Boghiguian hat zudem mehrere Bücher illustriert, darunter einen Lyrikband von Konstantinos Kavafis.

Für den Literaturnobelpreisträger Nagib Mahfuz entwirft sie eine Serie von zwanzig Buchumschlägen. Anna Boghiguian wird mehrfach international ausgezeichnet, zuletzt 2015 mit dem Goldenen Löwen für ihren Beitrag im armenischen Pavillon auf der 56. Biennale di Venezia.

In der Eröffnungswoche spricht KUB Direktor Thomas D. Trummer in den Räumen der Scuola di San Pasquale mit ausgewählten Künstler:innen und Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst.

Kunsthaus Bregenz in Venedig
Otobong Nkanga und Anna Boghiguian
20. April bis 4. Juli 2022

Eröffnung in Venedig
Mittwoch, 20. April 2022, 17 ‒ 20 Uhr

Artist’s Talks
Freitag, 22. April, bis Montag, 25. April 2022
18.30 Uhr

Adresse in Venedig
Scuola di San Pasquale
Campo San Francesco della Vigna
Castello 2786
30122 Venezia

Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz
A - 6900 Bregenz

W: http://www.kunsthaus-bregenz.at/

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  •  20. April 2022 4. Juli 2022 /
Otobong Nkanga, im Kunsthaus Bregenz, 2022 Foto: Miro Kuzmanovic © Otobong Nkanga, Kunsthaus Bregenz
Otobong Nkanga, im Kunsthaus Bregenz, 2022 Foto: Miro Kuzmanovic © Otobong Nkanga, Kunsthaus Bregenz
Anna Boghiguian, 2021 Foto: Angela Lamprecht © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz
Anna Boghiguian, 2021 Foto: Angela Lamprecht © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz
Anna Boghiguian, The Chess Game, 2022 Installationsansicht KUB in Venice, 1. Obergeschoss Scuola di San Pasquale, 2022 Foto: Fulvio Orsenigo Courtesy of the artist © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz
Anna Boghiguian, The Chess Game, 2022 Installationsansicht KUB in Venice, 1. Obergeschoss Scuola di San Pasquale, 2022 Foto: Fulvio Orsenigo Courtesy of the artist © Anna Boghiguian, Kunsthaus Bregenz
Anna Boghiguian Marie Antoinette, 2022, Schachfigur aus The Chess Game, Foto: Markus Tretter Courtesy of the artist © Anna Boghiguian
Anna Boghiguian Marie Antoinette, 2022, Schachfigur aus The Chess Game, Foto: Markus Tretter Courtesy of the artist © Anna Boghiguian
Otobong Nkanga, Tied to the Other Side, 2021, Tapisserie Installationsansicht KUB in Venedig, Erdgeschoss Scuola di San Pasquale, 2022, Foto: Fulvio Orsenigo Courtesy of the artist, In situ, Paris, Mendes Wood DM, Brüssel, und Lumen Travo Gallery, Amsterdam © Otobong Nkanga, Kunsthaus Bregenz
Otobong Nkanga, Tied to the Other Side, 2021, Tapisserie Installationsansicht KUB in Venedig, Erdgeschoss Scuola di San Pasquale, 2022, Foto: Fulvio Orsenigo Courtesy of the artist, In situ, Paris, Mendes Wood DM, Brüssel, und Lumen Travo Gallery, Amsterdam © Otobong Nkanga, Kunsthaus Bregenz
Otobong Nkanga, Tied to the Other Side, 2022, (Detail) Courtesy of the artist © Otobong Nkanga
Otobong Nkanga, Tied to the Other Side, 2022, (Detail) Courtesy of the artist © Otobong Nkanga
Scuola di San Pasquale, Venedig Foto: Fulvio Orsenigo (c) Kunsthaus Bregenz
Scuola di San Pasquale, Venedig Foto: Fulvio Orsenigo (c) Kunsthaus Bregenz