15. August 2010 - 2:21 / Ausstellung / Grafik 
21. Mai 2010 22. August 2010

Nach einer Zeit, in der Ausstellungen über die klassische Moderne viel Raum erhalten hatten, übernahm Chris Dercon 2003 die Leitung des Haus der Kunst und öffnete das Programm des Hauses erneut für Architektur, Design, Mode, Film und Fotografie. Um dem Publikum die Veränderung zu vermitteln, suchten Chris Dercon und sein Team ein neues grafisches Erscheinungsbild und luden zu einem Wettbewerb ein. Der Vorschlag, den der in München ansässige Grafikdesigner Thomas Mayfried einbrachte, ließ erkennen, dass Mayfried sich stark mit dem bisherigen Erscheinungsbild des Haus der Kunst beschäftigt hatte, um sich mit einem neuen Entwurf umso deutlicher von der Vergangenheit abzusetzen.

In den Fluren des Hauses ist z.B. die Originalbeschriftung zum Großteil erhalten: die serifenfreien Großbuchstaben der 1930er-Jahre. Das Logo des Hauses hatte über fünfzig Jahre die Säulen vor der Fassade gezeigt - mal mehr, mal weniger stark abstrahiert. Thomas Mayfried schlug mit seinem Entwurf in mehrfacher Hinsicht das Gegenteil des bisher Gebräuchlichen vor: Kleinschreibung und Asymmetrie statt mittig platzierter Versalien, und die Wortmarke "hausderkunst" statt des Logos mit Säulenreihe. Die Schrift, die er gemeinsam mit der Helvetica als Hausschrift empfahl, wurde von dem Schweizer Designer Mischa Leiner entworfen. Jeder Buchstabe besteht aus vielen kleinen Punkten. Sie erinnern an die leuchtenden Glühbirnen im Zirkus, Varieté oder Kino, und damit auch an die Vorstellung vom Museum als fun palace. Thomas Mayfried gewann den Wettbewerb und gestaltet seitdem sämtliche grafischen Erzeugnisse des Haus der Kunst: Plakate, Banner, Flyer, Anzeigen, Orientierungssystem, Labels und Wandtexte in den Ausstellungen, Einladungen, Eintrittskarten, Briefpapier, Postkarten, Tüten, T-Shirts für die Aufsichten, Website u.a.m.

Der Vergleich mit anderen Ausstellungshäusern zeigt, dass die Zusammenarbeit mit einem Grafikbüro nicht immer die gesamte Palette der Drucksachen umfasst und nicht immer von Dauer ist. Viele Kooperationen enden schon nach wenigen Jahren, weil der Direktor an ein anderes Haus wechselt oder weil die Entwürfe nicht vom Grafikbüro selbst, sondern von fremder Hand umgesetzt werden. Museen bewegen sich im Spannungsfeld von Information, Kommunikation und Spektakel. Die Ausstellung stellt exemplarisch auch stilbildende Designs vor, in der diese Spannung zum Ausdruck kommt: die Arbeiten von Wim Crouwel und Experimental Jetset für das Stedelijk Museum Amsterdam und von Spin für die Whitechapel Gallery London.

Der erste Teil der Ausstellung bietet eine Übersicht über die Drucksachen, die Thomas Mayfried für das Haus der Kunst entworfen hat. Neben dem tatsächlich Produzierten werden auch nicht realisierte Entwürfe gezeigt. Sie machen den Wettbewerb von mehreren Ideen zu einem Thema und die einzelnen Schritte auf dem Weg zur Lösung anschaulich. Die verworfenen Ideen sind gelegentlich radikaler und konsequenter als das tatsächliche Produkt; die Entwürfe ermöglichen also einen Blick auf die sachlichen Zwänge, die zu berücksichtigen waren. Die nicht realisierten Entwürfe für das Plakat zur Ausstellung von Paul McCarthy 2005 machen z.B. deutlicher Anleihen bei Pornografie und Splatter als das gedruckte Plakat.

Die zweite Hälfte der Ausstellung stellt Werke von anderen Grafikdesignern des 20. Jahrhunderts vor, aber auch von Filmemachern, Schriftstellern und Fotografen: Bücher, Zeitungen, Plattencover, Briefmarken, Postkarten, Lesezeichen, Zettel und andere Ephemera. Viele Objekte wurden in die Präsentation aufgenommen, weil sie für zwei von Thomas Mayfried geschätzte grafische Strategien stehen: zum einen, wie man sich freiwillig auf wenige Mittel beschränken und dennoch maximale Wirkung erzielen kann; und zum anderen, wie man gestalterische Gewohnheiten, die in einem bestimmten Umfeld üblich sind, unterwandern kann. Beide Strategien praktiziert Thomas Mayfried auch in den eigenen Entwürfen.

Als Beispiel für die erste Strategie dienen die Druckwerke, die Otl Aicher als Gestaltungsbeauftragter für die 1972 in München ausgetragenen Olympischen Spiele entworfen hat. Mit Otl Aicher erhielt eine Olympiade zum ersten Mal ein durchgehendes Gestaltungs- und Farbkonzept: von der kleinsten Drucksache bis zum Wegweisersystem in den Sportanlagen, überall fanden sich dieselben Farbstreifen aus Blau / Grün / Orange, und die Piktogramme. Gleichzeitig komprimieren diese Drucksachen das sportliche Großereignis in übersichtlichen Tabellen und Plänen: Tabellen von Uhrzeiten und Austragungsorten, Pläne von Zufahrts- und Versorgungswegen. Von dem in hoher Auflage gedruckten allgemeinen Führer bis zum Programm für die feierliche Schlusszeremonie, alles wurde mit derselben Aufmerksamkeit behandelt. Noch das kleinste Druckwerk, der Athletenausweis, war sorgfältig mit einem winzigen Raster der fünf olympischen Ringe überzogen - und auf diese Weise fälschungssicher. In der Ausstellung wird das Nullmuster dieses Ausweises gezeigt.

Die zweite Strategie ist die des Maulwurfs. Sie untergräbt absichtlich bestimmte Gestaltungsprinzipien und kommt in dem Jahresbericht des Schweizer Medienkonzerns Ringier AG zur Anwendung. Die Ringier AG vertraut ihren Jahresbericht seit 1997 immer einem Künstler zur Gestaltung an. Für das Geschäftsjahr 2007 lieferten Peter Fischli und David Weiss ein Antikonzept: Neben den Zahlen und Fakten, die den eigentlichen Jahresbericht bilden, besteht das Buch zu etwa 90 % aus Anzeigen, die Kunden der Ringier AG in diesem Geschäftsjahr in Zeitschriften der Ringier AG geschaltet haben. Diese Inserate versprechen Glamour oder Glück und ergeben in ihrer kommentarlosen Reihenfolge eine Enzyklopädie der Verführung und Sehnsüchte. Für die Aktionäre wurde also anschaulich, womit die Ringier AG 2007 Geld verdient hat, und gleichzeitig war es eine Form der Kritik.

In diese Rubrik der subversiven Strategie gehören auch der Zehn-Gulden-Schein, von dem auf TV-Produktionen spezialisierten Designer Jaap Drupsteen entworfen und einem Techno-Flyer ähnlicher als einer Banknote; ein von Joseph Beuys gestaltetes Wahlkampfplakat für die Grünen, auf dem ein kleiner Bleisoldat auf einen großen Hasen schießt; ein von Marcel Duchamp entworfenes Plakat für die Sidney Janis Gallery, die 1953 eine Ausstellung mit Werken der Dada-Bewegung zeigte. Dieses Plakat war gleichzeitig mit Texten über die Ausstellung bedruckt wie ein Begleitheft. Es lag zerknüllt im Papierkorb der Galerie, so dass der Besucher es herausnehmen und glätten musste, um es zu lesen.

Im Extremfall läuft die Strategie, bestimmte Prinzipien der Gestaltung bewusst zu untergraben, auf Verweigerung und absichtliche Unleserlichkeit hinaus: In dem Buch über Marcel Broodthaers, das von Nico Dockx herausgebracht wurde, sind alle Abbildungen von Broodthaers’ Werken geschwärzt. Ursprünglich war dieses Buch als Ausstellungskatalog geplant, der aber wegen ungeklärter Bildrechte nicht gedruckt werden konnte.

Ephemera - Grafik Design etc.
21. Mai bis 22. August 2010

Haus der Kunst
Prinzregentenstrasse 1
D - 80538 München

W: http://www.hausderkunst.de/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  21. Mai 2010 22. August 2010 /
11910-1191001.jpg
Thomas Mayfried; Plakat zur Ausstellung 'Bernd & Hilla Becher. Typologien industrieller Bauten', 2004
11910-1191002.png
Thomas Mayfried; Plakat zur Ausstellung 'Occupying Space. Sammlung Generali Foundation', 2005
11910-1191003.jpg
Thomas Mayfried; Entwürfe und Ausstellungsplakat 'Paul McCarthy', Haus der Kunst, 2005. Bilder: Paul McCarthy, aus 'Pirate Project', 2005; Fotos: Ann-Marie Rounkle. © Paul McCarthy 2005 / Courtesy: Hauser & Wirth Zürich London New York and Luhring Augusti