23. November 2009 - 4:00 / Walter Gasperi / Zoom

Nicht nur Vampire sind kaum tot zu kriegen, auch Filme über sie entstehen seit über 100 Jahren immer wieder. Stellte zuletzt Thomas Alfredson mit "Let the Right One In" das Genre auf den Kopf, so mixen die Verfilmungen von Stephanie Meyers "Twilight"-Trilogie sanften Grusel mit Teenie-Romantik.

Die Basis der meisten Vampirfilme ist Bram Stokers 1897 entstandener Roman "Dracula". Für seine Hauptfigur griff der Ire auf den für seine Grausamkeit berüchtigten Graf Vlad III. Draculea zurück, der im 15. Jahrhundert in der Walachei lebte. Den Beinamen "Draculea" ("Sohn des Drachen") erhielt er von seinem Vater Vlad II.. Weil Vlad III. seine Feinde bei lebendigem Leib auf eiserne oder hölzerne Pfähle spießen ließ, bekam er auch den Beinahmen "Vlad Tepeş" ("Vlad der Pfähler").

Stoker schickt in seinem Roman einen Londoner Rechtsanwalt Ende des 19. Jahrhunderts in das im heutigen Rumänien liegende Transsylvanien um dort dem Untoten Dracula, dessen Schloss sich niemand zu nähern wagt, ein Haus in London zu verkaufen.

Schon vor Erscheinen von Stokers Roman entstand aber mit George Melies zweiminütigem "Le Manoir du Diable" (1896) der erste Vampirfilm, die Zahl der Filme, in denen Dracula selbst, in der einen oder anderen Form vorkommt, beläuft sich inzwischen auf rund 400. Der erste Filmregisseur, der sich Stokers Roman vornahm, war Friedrich Wilhelm Murnau. Weil er sich aber nicht die Rechte an einer Verfilmung sicherte, musste er seinem Film den Titel "Nosferatu" (1922) geben. Auch das verhinderte freilich keinen Urheberrechtsprozess. Das Grauen, das sich in diesem Film verbreitet, korrespondiert direkt mit der desolaten Lage der Weimarer Republik, im Vampir sah der Filmtheoretiker Siegfried Kracauer wie in "Dr. Caligari" einen Vorverweis auf Hitler.

Wie Max Schreck hier mit seinem kahlen Kopf dem Vampir furchteinflößende Ausstrahlung verlieh, so wurde in Hollywood Anfang der 30er Jahre, zu einer Zeit, zu der der Horror der Weltwirtschaftskrise den Horror im Kino nicht nur mit "Dracula", sondern auch mit "Frankenstein" und „Die Mumie" zu einer ersten Blüte verhalf, Bela Lugosi zum klassischen "Dracula"-Darsteller. So sehr soll sich Lugosi mit dieser Rolle identifiziert haben, dass er 1956 im Wahn er sei tatsächlich Dracula gestorben sein soll. Aufgrund des Erfolgs von Tod Brownings erstem "Dracula"-Film (1931) beschloss Universal Studios die Geschichte fortzusetzen, sodass zwischen 1936 und 1948 fünf weitere Dracula-Filme folgten.

Verlieh diesen Filmen vor allem Bela Lugosi, der in seiner Ausstrahlung fremdartig, gleichzeitig faszinierend und beunruhigend wirkte, ihren Reiz, so kehrte Christopher Lee in den 50er und 60er Jahren in den "Dracula"-Filmen der Hammer-Studios die erotische Komponente des "Fürsten der Finsternis" heraus. Gesteigert wurde diese Atmosphäre durch eine expressive Farbdramaturgie.

Zahllos werden die "Dracula"- und Vampirfilme insgesamt ab den frühen 60er Jahren. Liebevoll parodiert wurden sie von Roman Polanski in "Dance of the Vampires" (1967) oder Mel Brooks in "Dracula: Dead and Loving it" (1995), John Carpenter setzt in "Vampires" (1998) zur Vampirjagd in Texas an, wo sie als Wiedergänger der Indianer auftreten. Und Francis Ford Coppola inszenierte mit "Bram Stoker´s Dracula" 1992 einen opernhaft überhöhten postmodernen Vampirfilm, in dem mit fulminanter Licht- und Farbdramaturgie sowie grandioser Ausstattung und Musik fantastische Stimmungen geschaffen werden.

Zumal in Werner Herzogs "Nosferatu"-Remake (1978) mit Klaus Kinski als todessehnsüchtiger Titelfigur aber auch in anderen Filmen erscheinen die Vampire als tragische Außenseiter, als Untote, die zum ewigen Leben verdammt sind, immer aber auch als das Böse, das Bedrohliche, das nicht rational Agierende, sondern Triebgesteuerte, das den Menschen verführt und ins Verderben stürzt. Nur mit christlichen Insignien mit Weihwasser und Kruzifix – und natürlich mit Knoblauch – scheint man ihnen beikommen zu können. Da treffen dann aber nicht nur Christentum und Unglaube, sondern auch die Körperfeindlichkeit des Christentums und Sexualität aufeinander. Denn die Vampirzähne und der Biss sind nur eine Chriffre für den Geschlechtsverkehr, verlangt der Vampir doch immer auch nach einer attraktiven jungen Frau.

Auf den Kopf gestellt wird diese Rollenverteilung in Tomas Alfredsons "Let the Right One In". Das einsame Mädchen Eli, das ein Vampir ist, ist hier die einzige Person, bei der der junge Oskar in einer emotional kalten und feindlichen Gesellschaft und Welt Nähe und Zärtlichkeit finden kann. Konservativ legt Stephanie Meyers den Vampir-Mythos aus, die ihn in ihrer "Twilight"-Trilogie wie Alfredson auf die Gegenwart überträgt, aber mit einer Teenie-Romanze mixt: Wenn Meyers dem auf den Biss – und damit auch auf Sex – verzichtenden guten Vampir die triebgesteuerten bösen gegenüberstellt wird überdeutlich sexuelle Enthaltsamkeit gepredigt.

George Melies "Le manoir de diable" (1896)



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