Goldhelm - Casque d'or

24.01.2013 Walter Gasperi

Mit diesem um 1900 spielenden Liebesdrama um ein Straßenmädchen und einen Tischler gelang Jacques Becker 1951 ein Meisterwerk des französischen Kinos. StudioCanal hat diesen Klassiker in der Reihe Arthaus Retrospektive auf DVD und Blu-ray veröffentlicht.


Rund und fließend ist der Beginn, die Bewegungen der Kamera und der Menschen ergänzen sich gegenseitig, setzen einander fort, wenn eine Ausflugsgesellschaft mit ihren Ruderbooten an einer Wiese anlegt, zu einem Landgasthaus eilt, wo bald getanzt wird. Die bürgerlichen Gäste schauen mit Ablehnung auf die Neuankömmlinge. Rasch ist klar, dass es sich hier um Straßenmädchen und ihre Zuhälter sowie Gauner handelt.

Wenn Marie (Simone Signoret), die alle wegen ihrer hochgesteckten blonden Haare Goldhelm nennen, den Tischler Joseph Manda (Serge Reggiani) erblickt, ist es um sie geschehen. Eindeutig sind die Blicke, die sie sich zuwerfen, während sie noch mit ihrem «Beschützer» Roland tanzt. Ein Mitglied der Gaunerbande kennt Manda aus dem Gefängnis, kein unbeschriebenes Blatt ist er folglich, doch will er nun ein neues Leben beginnen.

Nach einem ersten Konflikt im Gasthof mit Maries Freund, lässt Manda folglich lieber die Finger von ihr, ist er doch auch mit der Tochter seines Chefs verlobt. Doch Marie lässt nicht locker, besucht ihn wieder. Die Beziehung führt bald zu einem Zweikampf mit Roland, der dabei von Manda getötet wird. Manda muss flüchten, trifft sich auf dem Land mit Marie, während der Gangsterboss Leca, der selbst ein großes Interesse an Marie hat, Intrigen schmiedet, um den Nebenbuhler endgültig auszuschalten.

Becker verarbeitet wirkliche Begebenheiten aus dem Paris der Jahrhundertwende zu einer tragischen Liebesgeschichte, die sich nicht für die kriminalistischen Verwicklungen, sondern vor allem für die Gefühle der Liebenden interessiert. Hinreißend spielt Simone Signoret diese Marie, die zunächst berechnend mit den Männern umgeht, dann aber doch zunehmend von ihren Gefühlen überwältigt wird. Wenn man in ihr strahlendes Gesicht, ihre leuchtenden Augen und auf ihre blonden Haare sieht, kann man verstehen, wie Manda ihr verfällt. Serge Reggiani spielt ihn als einfachen und wortkargen Mann, auf den sich ein Freund aber absolut verlassen kann.

Robert Le Febvres Kamera taucht diesen Film weitgehend in helle Grautöne, lichte Stimmung lassen die poetischen Landszenen aufkommen, lassen vom möglichen Glück träumen, ehe die Liebenden die Realität einholt. Die gelöste und hoffnungsvolle Stimmung des Beginns wird dabei immer mehr von einer beklemmenden Ausweglosigkeit abgelöst, weil die Liebe keine Chance hat, wo Eifersucht, Verrat und Intrigen herrschen.

Zeitlich durch Ausstattung und Kostüme in der Belle époque verankert, ist «Goldhelm» so doch ein universelles und zeitloses, bestechend klar erzähltes Drama von leuchtender Schönheit. Überflüssig wirkt aber die metaphysische Ebene, die Becker durch die Namen Marie und Joseph (Manda) der Protagonisten, sowie dem Gasthaus «Zum Engel Gabriel» einführt. Unklar bleibt der Sinn dieser Bezugnahme.

Einen aufschlussreichen Einblick in die Produktionsgeschichte, aber auch die zunächst zumindest in Frankreich negative Rezeption dieses Klassikers bietet eine halbstündige Dokumentation, in der nicht nur eine Biographin Beckers und seine Tochter, sondern auch Simone Signoret und Beckers Lehrmeister Jean Renoir zu Wort kommen. An Sprachversionen bietet die in der Reihe Arthaus Retrospektive bei StudioCanal erschienene DVD und Blu-ray die französische, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Fassung.

Trailer zu «Goldhelm - Casque d'or»

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