Die Zeitmaschine

28.03.2010 Haimo L. Handl

Heute Nacht begann in Mitteleuropa wieder die Sommerzeit. Aus pragmatischem Utilitätsdenken, wie es der Amerikaner Benjamin Franklin in puristischem Produktivitätswahn als erster vorgeschlagen hat, wird der Mensch früher zur Arbeit gejagt, um Kosten zu sparen. Alle folgen willig dem Diktat, reihen sich ein, wie Hühner in der Batterie, und gackern, wenn das Kommando klingelt, die Pflicht ruft, die ökonomische Vernunft gebietet.


Dass Mr. Franklin neben seinen vielen positiven Leistungen auch einen Beitrag zur Vertierung lieferte, wird geflissentlich übersehen. Senkung der Kosten, wenn Millionen einfach früher aufstehen, nicht weil es schon hell ist, sondern weil die Regierung es diktiert, die Unternehmen, die Fabrikanten, die Manger, muss doch beglücken! Man spart sich was. Wer? Wohin fließt das Ersparte?

Wie hoch sind die Kosten für die psychische Bertreuung von immer mehr Menschen, die Schaden leiden am vermobbten, herrischen, bösen, unvernünftigen Arbeitsalltag, der sie immer stärker auspresst und wie Arbeitstiere behandelt: Du bist nur solange gut, als du diesen und jenen Profit für uns, die Unternehmer, erwirtschaftest. Und wenn wir woanders einen höheren Profit erreichen, kannst Du bleiben wo du bist, aber wir ziehen weiter. Und weil die Arbeiter, die keine Arbeiter mehr sind, nicht so einfach wegziehen können, gewinnen die Unternehmer, die Manager, die Vernünftigen, die Puristen.

Gewisse geistige Einpeitscher der Unterklasse wettern gegen jene «Wirtschaftsflüchtlinge», die wegen noch drastischerer Zustände weiterziehen, um Arbeit zu finden. Die vorexerzieren, was den andern vielleicht blühen wird. Die deshalb gehasst werden. Die Unternehmer reiben sich die Hände, die Manager gieren geil auf die Monitore, während die Arbeiter ihre Energie verpuffen und Feindbilder warm halten oder anheizen. Aber nicht gegen die Batteriehalter, die Zeitmaschinisten, die einfach dekretieren, heut früher aufstehen! Mehr Arbeiten! Länger Arbeiten. Lebenslanges Arbeiten. Denn Arbeit macht ja frei! Arbeit oder verreck, aber arbeit nach unserm Rhythmus, nach unserm Diktat.

Und weil jeder so gerne arbeitet, stehen sie früher auf, keuchen und dösen im Pendlerzug, im Bus, und entmenschen sich langsam, wie Hühner, die in der Batterie die Federn verlieren.

Dabei wäre es human und sozial, den Arbeitsrhythmus der Natur anzupassen, den Jahreszeiten: im Sommer etwas früher und länger, im Winter viel später und kürzer. Früher waren jene Freie, die sich ihren Tag, ihre Zeit, bestimmen konnten. Heute wähnen sich die Massen frei, wenn sie dem Diktat folgen dürfen und überleben. Und ihre Wut, ihren Hass richten sie nicht gegen jene, die ihr Geld vergeuden, sie betrügen, sie langsam kaputt machen, sondern gegen «Konkurrenten», Fremde, die zu überleben versuchen, die weiterzogen.

Niemand stoppt dagegen die ziehenden Karawanen der globalisiert operierenden Unternehmen, die die Märkte kontrollieren, die Ausbeutung, das Niedermachen. Die Profite scheffeln sogar mit Schulden, die die Steuerzahler übernehmen. Die Unfreien, die sich frei dünken, die stehen brav früher auf, weil Sommerzeit ist. Die wirklichen Macher, die Unternehmer und Manager, die heimsen mehr ein. Der Rest, die Anderen, die Unteren, dürfen dem Diktat folgen und froh sein, zu finden, was sie kriegen. Also: auf, kusch, reck dich und leist was!

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