4. November 2013 - 4:04 / Kurt Bracharz / Vorax
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Ähnlich wie bei Wein und Spirituosen unterscheiden sich auch beim grünen Tee Massenware und Spitzenqualitäten doch sehr erheblich voneinander. Das ist zwar auch bei Schwarztee der Fall, wenn man einen billigen Beuteltee aus dem Supermarkt beispielsweise mit einem aus Darjeeling eingeflogenen, frisch aufgegossenen Blatttee aus der Frühjahrsernte vergleichen würde (was allerdings niemand tun wird, weil das Ergebnis allzu vorhersehbar ist), aber bei Grüntee ist es tatsächlich noch deutlicher.

Preisgünstige Grüntees wie chinesischer Gunpowder sind wirklich kein Genuss für Teetrinker, und das erklärt auch, warum für Personen, die Grüntee nur trinken, weil sie ihn für gesund halten, so viele aromatisierte Grüntees angeboten werden, die überhaupt nicht mehr nach Teeblättern schmecken. Wer qualitativ hochwertigen Grüntee trinken will, muss sich zunächst einmal zwischen chinesischen und japanischen Produkten entscheiden, die man geschmacklich sehr gut auseinanderhalten kann. Die japanischen Tees, von denen in der Folge die Rede sein soll, tendieren eher in Richtung Gras, Heu und Algen als die "süßeren" chinesischen und koreanischen Tees. Gezuckert werden übrigens weder diese noch jene!

Ein typischer Vertreter dieser Art Grüntee ist der Shincha Kirisakura, dessen Blättern ebenso wie der Tasse man auch ansehen kann, warum von "Grüntee" die Rede ist: die Blätter sind glänzend dunkelgrüne "Nadeln", der Aufguss ist hellgrün (während jener vieler anderer Grünteesorten eher gelb als grün ausfällt). Kirisakura bedeutet "Kirschblüten im Nebel", der Tee wird im April geerntet und kommt als Flugtee nach Europa. Auch bei diesem meist von Yabukita-Sträuchern gewonnenen Tee gibt es Varianten mit der Beschattung (Kabuse), so wird beispielsweise nur einen Teil des Teegartens für zehn Tage beschattet und dann werden die Blätter des unbeschatteten Teils mit dem des zeitweilig beschatteten gemischt. So produziert beispielsweise die Familie Matsumoto in der Präfektur Kumamoto ihren Sakura-no Sencha.

Ein Halbschattentee ist auch der Tokujou Kabuse Shiraore der Familie Morimoto in Miyazaki. Yutaka-Midori-Sträucher liefern das Blattgut, das durch flache Blattstiele (kuki) ergänzt und etwas länger gedämpft wird, weshalb dieser Tee auch zur Mizudashi genannten Zubereitung mit kaltem Wasser geeignet ist. Shigeru und Haruyo Morimoto produzieren ebenfalls den Kafun, einen besonders catechinhaltigen Tee aus Blättern der Camellia sinensis-Variante benifuuki. Catechine sind die als besonders gesund geltenden Polyphenole in Grüntees, die aus dem Kafun besonders gut aufgenommen werden können, weil es sich um einen Pulvertee handelt, man also eigentlich auch das Blatt selbst, nicht nur den Aufguß konsumiert.

Das Bild zeigte eine Verkostungsrunde in der Dornbirner Teehandlung "Moses", in der neben Regalen voll aromatisierten Tees auch hochwertige schwarze und weiße Tees und die oben angeführten japanischen Spezialitäten zu finden sind. Wem die Preise für Spitzentees happig vorkommen (beispielsweise kosten 50 g Shincha Kirisakura 32,90 Euro), der sollte vielleicht einmal auf den Preis pro Tasse umrechnen, der weit unter dem einer Tasse Kaffee im Café liegt.

P.S.: Kurt Bracharz stellt am 4. November 2013 um 20.00 Uhr im Kuppelsaal der Vorarlberger Landesbibliothek, Fluherstraße, Bregenz, sein neues Buch "The Map" vor und zeigt eine kleine Auswahl aus den etwa 2000 Collagen, die er im Laufe von acht Jahren in seinen Notizbüchern, in Agendas und in Leerbüchern verfertigt hat. "The Map", erschienen im Bucher Verlag, enthält neben einem 64-seitigen farbigen Bildteil Essays zur Geschichte der Papiercollage von den Berliner Dadaisten bis Herta Müller und zum Collagenwerk des Autors.



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