25. Oktober 2010 - 4:00 / Walter Gasperi / Zoom

Seine größten Erfolge feierte Walter Hill Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre: "The Driver" und "The Warriors" gehören längst zu den Klassikern des modernen Actionfilms, mit dem Polizistenfilm "48 Hours" landete er seinen größten kommerziellen Erfolg. Seit "Last Man Standing" ist es relativ still um den 1942 geborenen Kalifornier geworden, eine herausragende Monographie von Ivo Ritzer sollte aber zumindest wieder das Interesse für Hills bisheriges Werk wecken.

1942 in einer Vorstadt von Los Angeles geboren, arbeitete Hill zunächst als Regieassistent bei Filmen wie Norman Jewisons "The Thomas Crown Affair" oder Peter Yates´ "Bullit", schrieb dann Drehbücher unter anderem für Sam Peckinpahs "Getaway" (1973) und John Hustons "The Mackintosh Man" (1973), ehe er 1975 mit "Hard Times – Ein stahlharter Mann" sein Regiedebüt vorlegte. Als Nachfolger Peckinpahs wurde er immer wieder angesehen, spezialisierten sich doch beide aufs Actionkino und den Western.

Die Zeitlupenszenen, für die Sam Peckinpah berühmt ist, finden sich auch bei Hill, speziell in seinem Jesse-James-Western "The Long Riders" (1980), andererseits sind Hills Filme auch stark von Videoclips beeinflusst. Pure Oberfläche ist ein Film wie "Streets of Fire" (1984) und die Handlung um einen Bandenkrieg in einer nicht näher bestimmten Großstadt ist vor allem Vorwand, für ein virtuoses Spiel mit Licht und Farben, mit Rhythmus und Musik.

Im Kino von Walter Hill wird nicht erklärt, sondern gezeigt, nicht psychologisiert, sondern die Figuren über Gesten und Blicke, Kleidung und Handlungen charakterisiert. Auf Archetypen reduziert sind beispielsweise die Protagonisten von "The Driver" (1978), bleiben namenlos, nur "Fahrer", "Polizist" und "Spielerin".

Wie die Figuren werden auch Schauplätze und Handlung aufs Wesentliche reduziert und stilisiert. Nie geht es um einen oberflächlichen Realismus, sondern um starke Kinobilder und Töne, ihr Zusammenspiel und den Rhythmus, der dadurch entsteht – und die Emotionen, die dadurch vermittelt und beim Zuschauer ausgelöst werden.

An die kommerziellen Erfolge der 80er Jahre, zu denen auch "Red Heat" (1988) mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle zählt, konnte Hill in den 90er Jahren nicht anknüfen. Mit "Last Man Standing", einem Remake von Kurosawas "Yojimbo" und Leones "Für eine Handvoll Dollar", kam 1996 sein bislang letzter Film in die Kinos. Zu einem Desaster wurde der Science-Fiction-Thriller "Supernova" (2000), bei dem Hill nach Abschluss der Dreharbeiten entlassen wurde. Als der Film unter Aufsicht von Francis Ford Coppola neu geschnitten wurde, zog Hill seinen Namen zurück und ließ den Film dem Pseudonym Thomas Lee zuschreiben. Danach arbeitete er vor allem fürs Fernsehen, drehte den Pilotfilm für die erfolgreiche Western-Serie "Deadwood" (2004) und die von Publikum und Kritik positiv aufgenommene Western-Mini-Serie "Broken Trail" (2006).

Auf Grund dieses Karriereknicks geriet Walter Hill zumindest im deutschsprachigen Raum seit Ende der 80er Jahre zunehmend in Vergessenheit. Ändern könnte und sollte das jetzt eine herausragende Monographie von Ivo Ritzer. Der Autor beleuchtet in dem knapp 300seitigen Buch nicht nur die Dialektik von Tradition und Moderne sowie von Autoren- und Genrekino bei Hill, sondern arbeitet auch ausführlich Querverbindungen und sich wiederholende Themen im Werk dieses Regisseurs heraus. Der Arbeit mit der Oberfläche und dem Wechselspiel aus Dynamik und Kontemplation, sind hier ebenso Abschnitte gewidmet wie der Rolle der Musik Ry Cooders oder der Arbeit Hills mit dem Raum sowie mit Ton und Farbe.

Geschickt wird bei den ungemein differenzierten und detailreichen Filmbeschreibungen auch nicht chronologisch vorgegangen, sondern nach genremäßigen Zusammenhängen. Die Fülle an Fußnoten sowie die 14seitige Bibliographie machen deutlich, wie fundiert der Autor arbeitete. Manchmal demonstriert Ritzer mit den zahlreichen Querverweisen und Vergleichen mit Parallelfilmen vielleicht allzu sehr sein beeindruckendes filmgeschichtliches Wissen, andererseits sind natürlich gerade wieder diese Bezüge das Salz in der Suppe. Obwohl "Walter Hill – Welt in Flammen" als Dissertation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz entstanden ist, wirkt diese Monographie nie schwerfällig oder allzu akademisch, erschlägt den Leser trotz der Informationsfülle nie, sondern bietet spannenden und facettenreichen Lesegenuss, der unbändige Lust darauf macht, die Filme Hills neu oder wieder zu sehen.

Ivo Ritzer, Walter Hill - Welt in Flammen, Deep Focus 2, Bertz + Fischer, Berlin 2009, 288 Seiten, ISBN 978-3-86505-307-7, € 25



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