Kurt Bracharz

17. Juni 2019 - 7:23

Vielleicht wundert sich immer noch jemand, warum bei „Christie’s“ in New York im Mai für einen so offensichtlichen Plunder wie Jeff Koons’ aufgeblasenen Alu-Hasen „Rabbit“ ein Phantasiepreis von 91,1 Millionen Dollar erzielt wurde. Aber schon 2016 hatte – nicht nur zu Koons, sondern auch zu relativ herkömmlichen, ihre Werke noch größtenteils selbst anfertigenden Künstlern wie Richter, Baselitz, Twombly oder Warhol – das Buch „Siegerkunst“ des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich in dieser Frage Licht ins Dunkel gebracht. Ullrich nannte jene Kunst Siegerkunst, die mit den extremen Preisen, die sie erzielt, sowohl den Künstler als auch den Käufer als Sieger dastehen lässt: Siegerkunst ist also Kunst von Siegern für Sieger. Qualitätskriterien kennt die Siegerkunst nicht, weil „Siegerkunst umso mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht, je stärker die Diskrepanz zwischen dem Preis für ein Werk und seinen erfahrbaren Qualitäten empfunden wird“. Es gilt also: „Je mehr das Werk eine Zumutung darstellt, desto besser eignet es sich als Statussymbol, das exklusiv wirkt und Unterschiede markiert.“ (Beide Zitate sind aus Wolfgang Ullrich: „Siegerkunst. Neuer Adel, teure Laster“, Berlin 2016.)

Den Siegerplatz Nummer Eins in diesem Wettbewerb der Superreichen hat der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman inne: Er hat für ein Bild, das noch 1958 in London von einem amerikanischen Möbelhändler für 45 Pfund ersteigert werden konnte, über 450 Millionen Dollar bezahlt. Das ist kaum zu toppen, da können wohl auch Oligarchen (der letzte Vorbesitzer des Bildes war ein Russe) und hyperreiche Chinesen (der Unterbieter bei der Auktion soll einer gewesen sein) nicht mehr mithalten.

Dieses Bild ist natürlich der „Salvator Mundi“, also der Retter der exklusiven kleinen Welt des Kunstmarkts, der 2017 durch alle Medien ging, als er angeblich für den neuen Louvre Abu Dhabi gekauft wurde, dann aber bei der Eröffnung im Herbst 2018 dort nicht zu sehen war. Er blieb verschwunden, man vermutete ihn in einem Zollfreilager, zuletzt hieß es, er hänge in der Yacht Salmans an der Wand – fragt sich nur, an welcher, nach den Regeln der Siegerkunst wäre das Klo der angemessene Ort, um am deutlichsten zu demonstrieren, was man sich alles leisten kann, wenn man den nötigen Zaster überreichlich hat.

Außer Frage steht, dass das Bild im Zeitraum von 1666 bis 1900 überhaupt verschwunden war und im Laufe der Zeit so oft restauriert worden ist (darunter auch sehr schlecht), dass man es kaum noch ein Original nennen mag. Bei der schon erwähnten Sotheby’s-Auktion 1958 mit dem 45-Pfund-Preis hatte ein Kunsthistoriker seinen Zustand als „Wrack“ eingeschätzt. Aber trotzdem: Es ist schließlich ein Leonardo. Oder doch nicht? Einig sind sich die Experten darin, dass Leonardo da Vinci bis zu einem gewissen Grad mit dem Gemälde zu tun hatte, zum Beispiel den Aufbau vorgab oder auch selbst Hand anlegte. Als ein Hinweis auf die Echtheit gelten die zwei Daumen, die dieser Jesus an einer Hand hatte: In einer Kopie hätte man diese Übermalung nicht wiederholt, sondern gleich den Endzustand reproduziert. Einer der beiden Daumen wurde bei der umfangreichen letzten Restauration ab dem Jahre 2000 übermalt. Trotzdem sind die derzeitigen Leonardo-Koryphäen jeweils entgegengesetzter Ansicht: der Oxford-Professor Martin Kemp hält Salmans „Salvator Mundi“ für echt, der Leipziger Kunsthistoriker Frank Zöllner nicht.

Salman hat so oder so gesiegt: Ob er nun einen „falschen“ Leonardo – also wohl eine Gemeinschaftsarbeit von Schülern mit etwas Nachhilfe des Meisters – oder doch einen echten, aber wegen permanenter Restaurationen sozusagen „neuen“, um fast eine halbe Milliarde Dollar gekauft hat, kommt aufs selbe heraus: So oder so ist dieser Preis grotesk unangemessen. Die Mutter aller Siegerkunst war dieser Kauf allemal.



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