20. August 2007 - 4:25 / Walter Gasperi / Zoom

Mit glasklaren kühlen Beziehungsanalysen hat der Italiener Michelangelo Antonioni Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts zumindest die Kritiker begeistert. Im Zentrum beinahe aller seiner mit unübertrefflicher formaler Eleganz inszenierten Filme stehen dabei Beziehungsunfähigkeit, Entfremdung und das sinnentleerte Leben in der modernen Wohlstandsgesellschaft.

Begonnen hat der am 29. September 1912 in Ferrara geborene Michelangelo Antonioni seine Karriere während der Blütezeit des italienischen Neorealismus mit Dokumentarfilmen über das Leben in der Poebene, über Straßenkehrer und über ländlichen Aberglauben. Entscheidend geprägt von Albert Camus´ Roman "L´Etranger", den er 1942 entdeckt hatte, löste sich Antonioni aber schon in seinem ersten Spielfilm ("Cronaca di un amore", 1950) von seinen neorealistischen Wurzeln und wandte sich den sein späteres Werk bestimmenden Themen und der für ihn typischen Filmsprache zu, die seine zwischen 1955 und 1965 entstandenen italienischen Meisterwerke, aber auch die sich daran anschließenden internationalen Produktionen "Blow Up" (1966), "Zabriskie Point" (1970) und "Professione: Reporter" (1975) kennzeichnen.

Mit "Le amiche" (1955), "Il grido" (1957) und den vielfach als Tetralogie bezeichneten "L´avventura" (1959), "La notte" (1960), "L´eclisse" (1962) und "Il deserto rosso" (1964) wurde er zum Chronisten der Gefühle des Bürgertums, dessen innere Leere er mit distanzierten Halbtotalen, genau kadrierten langen Plansequenzen mit komplexen Kamerabewegung und minutiös arrangierter Ausstattung evozierte. Während die Männer sich stumpf mit der Oberflächlichkeit und dem Materialismus der Wohlstandsgesellschaft abgefunden haben, versuchen die Frauen immer wieder aus der Entfremdung und Gefühlskälte auszubrechen. Die weiblichen Hauptfiguren, in sechs Filmen gespielt von Antonionis langjähriger Partnerin Monica Vitti, sind die treibende Kraft seiner Filme.

Zum Erneuerer wurde Antonioni dabei durch das Aufbrechen der linearen Narration. Mehr mit Kreisbewegungen als mit einer Entwicklung nach vorne ist die Dramaturgie seiner Filme zu beschreiben. Anfang und Ende sind in seinen kühl stilisierten Melodramen vielfach austauschbar und wie am Anfang oft ein Ende steht so steht am offenen Ende vielleicht ein neuer Anfang. Wie das Leben bestehen Antonionis Filme mehr aus Fetzen und Fragmenten als aus runden Geschichten. Handlungsentwicklung findet kaum statt, auf Dramatisierung wird verzichtet und äußere Hektik kaschiert bestenfalls den inneren Stillstand und die emotionale Leere. Ursache für diese "Krankheit der Gefühle" sind dabei für Antonioni aber letztlich nicht Fortschritt und Materialismus, sondern die Diskrepanz zwischen der äußeren gesellschaftlichen Entwicklung und den unverändert gebliebenen moralischen Empfindungen der Menschen. Die moderne Welt verlangt bei Antonioni nach einem "neuen Menschen", der neue Gefühle zu entwickeln und neue Lösungen für seine Probleme zu finden lernt.

Die Kritiker hat der Italiener mit seinen komplexen Filmen begeistert, beim Publikum konnte er aber nur mit seiner ersten englischsprachigen Produktion einen Erfolg landen. "Blow up" (1966), ausgezeichnet mit der "Goldenen Palme" von Cannes, ist aber weit über die meisterhafte Beschwörung der Atmosphäre des "Swinging London" der 60er Jahre eine brillante Reflexion über die Wahrnehmung, über Realität und Schein. Verunsicherung lässt dieses Meisterwerk dabei zurück, denn unklar bleibt bis zum Ende, ob der Fotograf nun wirklich Zeuge eines Mordes war, den er durch Vergrößerung seiner Fotos beweisen wollte, oder ob er sich nur alles einbildet und sich in eine Illusion hineinsteigert.

Von Großbritannien führte Antonioni sein Weg weiter in die USA. Hollywood interessierte sich freilich nicht wegen der Themen und Erzählstrategien für den Italiener, sondern wegen der eleganten, teils an Werbefilme erinnernden Oberfläche, die seine Filme ebenfalls kennzeichnet. Gerade dieser Konsumwelt erteilte er aber auch in Amerika mit "Zabriskie Point" (1970) eine Absage und stellt ihr die Vorstellungen einer jungen Generation gegenüber.

Nach einer Chinareise kehrte Antonioni nach Europa zurück und drehte mit "Professione: Reporter" (1975) mit Jack Nicholson in der Rolle eines Journalisten, der an einer Persönlichkeitskrise leidet, nochmals eine meisterhafte Reflexion über Entfremdung und den Scheincharakter der Wirklichkeit. Seit einem Schlaganfall im Jahre 1985 war Antonioni an den Rollstuhl gefesselt, sodass er die Episodenfilme "Jenseits der Wolken" (1995) und "Eros" (2004) nur mit Unterstützung von Wim Wenders beziehungsweise von Wong Kar-wai und Steven Soderbergh drehen konnte.

Am 30. Juli 2007 ist dieser kühle Analytiker der westlichen Wohlstandsgesellschaft im Alter von 94 Jahren gestorben. Ohne Nachwirkungen ist sein Werk aber nicht geblieben. Denn unübersehbar ist der formale und inhaltliche Einfluss Antonionis auf die Filme des inzwischen ebenfalls verstorbenen Taiwanesen Edward Yang ("Yi Yi") und seine inhaltliche Vorbildwirkung für den Hongkong-Chinesen Wong Kar-wai ("Fallen Angels", "In the Mood for Love").



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Michelangelo Antonioni (1912- 2007)
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Le amiche (1955)
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La notte (1961)
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L´eclisse (1962)
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Blow Up (1966)
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Professione: Reporter (1975)