20. September 2007 - 2:53 / Ausstellung 
14. Juli 2007 23. September 2007

James Bond lässt grüßen. Der vom britischen Schriftsteller Ian Lancaster Fleming während der Ära des Kalten Krieges erfundene Roman- und Filmheld gilt als Ikone der westlichen Welt. 1957 erschienen, spiegelte der Bestseller mit dem klingenden Titel "From Russia with Love" das öffentliche Interesse an dem sich damals verschärfenden Ost-West-Konflikt wieder. Die Filmfigur 007 dient seit fünfzig Jahren der glorifizierenden Selbstreflexion des Westens und steht gleichzeitig als Antiheld für das Scheitern eines polarisierten Weltbildes.

Der Ausstellungstitel "From Russia with Love" spricht vergangene und aktuelle politische Entwicklungen an und kann auch als – selbstironische – Anspielung auf den Blick des Westens gelesen werden, der sich auf russische Gegenwartskunst richtet. Zudem beinhaltet "From Russia with Love" das Moment der Bewegung: Die Geschichte der Kurstadt Meran ist mit Russland verknüpft, so existierte bis 1914 eine direkte Zugverbindung nach St. Petersburg und die russische Gemeinde rund um die im 19. Jahrhundert gegründete Stiftung Borodine ist bis heute aktiv.

Die für Kunst Meran/Merano Arte konzipierte Ausstellung zeigt Künstler und Künstlerinnen der jungen Generation, die in Ekaterinburg, Karlsruhe, Khvalynsk/Saratov Oblast, Moskau oder Wien leben und zu diversen Szenen innerhalb und außerhalb Russlands zählen und erfasst den Aktionsraum aktueller russischer Gegenwartskunst (Video, Fotografie) aufgrund der sprachlichen Zugehörigkeit seiner Protagonisten, denn die Sprache, das gesprochene und geschriebene Wort, ist das unmittelbarste Medium für den Transport von Kultur, für die Stiftung von Identität und kollektiver Identifikation – ein Thema, das in einer multikulturellen Gesellschaft gegenwärtig ist, so auch in Südtirol oder Russland, denn der Zerfall der Sowjetunion 1989 orientierte sich nicht nach ethnischen Grenzziehungen.

Die sich an der Politik und am Kunstmarkt orientierende nationalstaatliche Kategorisierung als Kriterium der Zusammenstellung einer Ausstellung ist obsolet, es geht vielmehr um Sprachräume, die eben durch Mobilität, Immigration und mediale Vernetzung nicht an spezifische Orte gebunden sind.
Russland befindet sich auf der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Ebene weiterhin in einem rasanten Umbruch, dazu kommt der Globalisierungsprozess, der eine Akzeleration der Zeit und eine Verdichtung des Raumes bewirkt, und das alltägliche Leben ist weitestgehend mit den modernen Kommunikationsmedien verflochten. Bestehende Wertesysteme müssen hinsichtlich ihrer Gültigkeit überprüft und neue erdacht werden.

In der russischen zeitgenössischen Kunst sind eine Reihe unterschiedlicher Positionen zu finden, die sich mit aktuellen Fragestellungen rund um die Begriffe Gesellschaft, Identität, Kultur und Transformation auseinandersetzen und in diesem Zusammenhang nach Definitionen und Interpretationen von Symbolen und Werten suchen. Die Ausstellung "From Russia with Love" will eine Diskussion anregen, in der es nicht um Russland oder die Auslotung spezifisch russischer Stereotypen geht, sondern um eine Untersuchung zur Übersetzung von Kultur und Identität innerhalb eines gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Systems und dadurch geprägte menschliche Denk- und Verhaltensmuster, die sich in einem permanenten Prozess der Anpassung und Veränderung befinden.

In der aktuellen russischen Kunstproduktion lassen sich Motive finden, die einerseits auf dem historischen Erbe im kulturellen und politischen Kontext basieren – wie etwa die Bedeutung der Ikone, die Relation zwischen Individuum und Kollektiv beziehungsweise die Masse verstanden als ein Körper oder die Analyse gesellschaftlicher Normen – und andererseits wird auf das Weltgeschehen reagiert, zum Beispiel auf die Problematik der Massenkultur und wirtschaftlicher Macht, die Utopie der Technik und die Bildung moderner Mythen. Die einzelnen Felder sind interdependent, reagieren energetisch und liefern ungekannte Interpretationsmodelle. In der Kunst löst sich die Polarisierung kultureller Welten, zwischen Ost und West auf.

KünstlerInnen: Victor Alimpiev, Vika Begalska, Olga Chernysheva, Anna Jermolaewa, Anastasia Khoroshilova, Misha Le Jen, Vlad Mamyshev-Monroe, Anatoly Osmolovsky, Where Dogs Run


From Russia with Love
14. Juli bis 23. September 2007

Kunst Meran
Laubengasse 163
I - 39012 Meran

W: http://www.kunstmeranoarte.org/

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