22. August 2021 - 20:05 / Henrik Utermöhle / Ausstellung / Kunst am Sonntag 

Das Kunstwerk der Woche ist diesmal dem 1938 in der rumänischen Hauptstadt Bukarest geborenen und 2004 in London verstorbenen Künstler Paul Neagu gewidmet. Es handelt sich dabei um "Cake-Man", eine zusammengesetzte, dreiteilige Schwarz-Weiss-Fotografie, die 1971 im Rahmen der Ausstellung "Romanian Art Today" entstanden ist und den Künstler Paul Neagu im Kellergeschoss der Richard Demarco Gallery in Edinburgh, Schottland, zeigt. Die Arbeit befindet sich im Besitz des Kunstmuseums Liechtenstein.

Auf dem Foto abgebildet ist Neagu, wie er gerade mit Kreide einen menschlichen Körper auf den Boden zeichnet. Dieser ist in 80 kleine, quaderähnliche Fächer aufgeteilt. Ein schlaufenförmiger Pfeil deutet auf die Vorlage der Zeichnung: 80 Schablonen aus Karton, Gips und Klebeband für die Zellen, welche zusammengesetzt die Form eines Körpers ergeben.

Diese Schablonen dienten dem Künstler als Hilfsmittel bei der Performance Cake-Man, die er einige Monate zuvor in den Räumlichkeiten des Londoner Galeristen Sigi Krauss aufführte. Dabei befüllte Neagu die 80 Zellen mit jeweils fünf Lagen Honig und Waffeln, die nach der Vorlage der Schablonen zugeschnitten wurden und die er vor Ort herstellte. Jedem im Vorfeld angemeldeten Besucher wurde eine spezifische Zelle zugeteilt, die während der Performance verspeist werden konnte.

Den Ausgangspunkt zu dieser Performance bildet ein Werkkomplex, den Neagu als Anthropocosmos beschreibt. In diesen Arbeiten wird die menschliche Figur geteilt und in eine Bienenwabe aus Zellen ausgegliedert. Die zellulären Schichten existieren als separat greifbar und lösen den festen visuellen Umriss der menschlichen Form auf, der sich dennoch weiterhin durch sie hindurchzieht.

In seinem "Palpable Art Manifesto" forderte Neagu 1969, dass eine Kunstbetrachtung anhand aller Sinneswahrnehmungen stattfinden soll – Sehen, Berühren, Riechen, Schmecken, Hören. Der Künstler wörtlich: "Es sollte eine einzige, öffentliche, sinnlich erfahrbare Kunst geben, in der sich alle Sinne – Sehen, Tasten, Riechen, Schmecken – gegenseitig ergänzen und verschlingen, so dass die Menschen ein Objekt mit allen Sinnen in Besitz nehmen können."

Dadurch schuf Neagu ein eigenes mentales Ordnungssystem, das seine vielfältigen Kreationen miteinander verbindet. Der partizipatorische Cake-Man ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel, das auch Assoziationen zur Eucharistie und einstigen Volkstraditionen nahelegt. So wurde in Rumänien häufig der Todestag einer Person mit Honigkuchen und Honigwein zelebriert.
Henrik Utermöhle, Kunstmuseum Liechtenstein



Paul Neagu, Cake-Man, 1971, S/W-Fotografie (© Kunstmuseum Liechtenstein)
Paul Neagu, Cake-Man, 1971, S/W-Fotografie (© Kunstmuseum Liechtenstein)