4. Juli 2021 - 20:21 / Susanne Kudorfer / Aktuell / Kunst am Sonntag 

"Louise Guerra (2013–2017) war ein kollektives Projekt, eine künstlerische Fiktion, eine Beforschung der Autorin und Künstlerin Louise und eine Intervention in lineare Biografie- und Geschichtsschreibung. Sie wurde als Agentin gegen Individualismus und Autorschaftsglauben in der Kunst initiiert und nahm im Verlauf ihrer Existenz die Form einer Künstlerin, Kuratorin, Vermittlerin und Forscherin an."

Kleidungsstücke und Plattformen sind das Werk der fiktiven Künstlerin Louise Guerra. Jedes Gewand wurde von einer Louise Guerra selbst entworfen, genäht, gestrickt, geflochten, besprüht, bemalt und im Rahmen von Performances benutzt. Einige haben vier Ärmel und zwei Ausschnitte für den Kopf, wurden also von zwei Personen gleichzeitig getragen. Von Hand gestickt sieht man gelegentlich die Signatur LG.

"Louise Guerra ist eine Figur, deren Praxis auf andere Figuren aus unterschiedlichen historischen Epochen wie Louise Michel, Louise Bourgeois, Louise Nevelson, Louise Glück, Louise Mack oder Louise Lawler verweist, mit denen sie den Vornamen teilt (…). In ihrem Atelier standen zunächst Malerei und Autorschaft im Zentrum der Aufmerksamkeit, bald aber wurde deutlich, dass die Interessen von Louise Guerra nach einer neuen künstlerischen Methodik und Praxis verlangten, die auch ästhetische Theorie, Alltagsleben, Politik und Bildung einbezogen. Eine Vorläuferin (…) ist die Ready-made-Künstlerin Claire Fontaine." (Roman Kurzmeyer)

2018 stellten Kathrin Siegrist und Chantal Küng das Louise Guerra Archive im Rahmen der Ausstellung Republique Géniale im Kunstmuseum Bern zur Diskussion und zur Verfügung. Das Louise Guerra Archive (LGA) war in dieser Ausstellung als "living archive" gedacht und wurde in mehreren Sessions von verschiedenen Personen aktiviert.

Die Bügel, an denen die Kleidungsstücke von der Decke hängen, wurden 2019 vom LGA hergestellt, anlässlich der Ausstellung "Keine richtige Schule" im Der Tank" in Basel. Sie wurden aus Metall-Abfällen zusammengeschweisst und haben eine klare Funktion, aber auch skulpturalen Charakter.

"Ich male, andere malen mit mir, anstelle von mir und für mich. Ich schreibe, andere schreiben mit mir, anstelle von mir und für mich. Wir veröffentlichen meine Arbeit. Da ist sie. Ich schaue sie mir an und wir sind überrascht. Ich halte es mit Jean Dubuffet, der lange vor mir da war, und den ich fortan Louise Guerra nenne: Die wirkliche Kunst ist immer dort, wo man sie nicht erwartet! Wo niemand an sie denkt noch ihren Namen nennt. Die Kunst verabscheut es, erkannt und mit Namen angesprochen zu werden." (Louise Guerra)



Louise Guerra Archive, 2013-2017 (© Kunstmuseum Liechtenstein)
Louise Guerra Archive, 2013-2017 (© Kunstmuseum Liechtenstein)