8. Dezember 2008 - 4:32 / Walter Gasperi / Zoom

Am 15. November 2008 starb mit Peter W. Jansen einer der führenden deutschen Filmjournalisten. Mit seinen schier zahllosen Artikeln hat er in den letzten 40 Jahren ebenso wie als Mitherausgeber der "Blauen Reihe" im Hanser Verlag das Denken über Film im deutschsprachigen Raum entscheidend geprägt. Gewissermaßen sein Vermächtnis sind nun 50 CDs zur Filmgeschichte. – Ein Hörgenuss, der Lust auf ein Entdecken oder Wiedersehen der vorgestellten Filme – und zwar in Originalfassung – macht.

Wenn man sich in den 1970er Jahren im Fernsehen über neue Kinofilme informieren wollte, dann gab es die Promotionsendungen "Trailer" im ORF, "Kennen Sie Kino?" im ARD und "Apropos Film" in ZDF und ORF mit mehr oder weniger interessanten Hintergrundberichten. Etwas kritischer über das aktuelle Filmgeschehen wurde in "Kintopp" (und später "Neu im Kino") jeden Sonntag gegen 22 Uhr im Schweizer Fernsehen und im damals erst geschaffenen "Kino Kino" auf Bayern 3 berichtet. Wie von einem anderen Stern wirkte im Vergleich dazu aber Peter W. Jansens 14-tägiger Kinotipp in der ZDF-Kultursendung "Aspekte".

Bei Jansens Festivalberichten und Rezensionen konnte man Filme sehen lernen und die Lust aufs Sehen konnte geweckt werden. Nicht am Mainstream – den er freilich nicht links liegen ließ - orientierte er sich, sondern an dem, was ihn begeisterte, und was die Filmsprache vorantrieb. An seiner Besprechung – oder besser: seinem Verriss – von "Rambo II" und dessen Einbettung in die Politik Ronald Reagans oder seiner differenzierten Besprechung von Michael Ciminos "Year of the Dragon" konnte man vielleicht mehr lernen als aus den oben angeführten Filmsendungen zusammen. Und immer war er auch ein Vordenker, wenn er im Jahrbuch Film 82/83 über das "Wilde Kino" reflektierte oder sich im Jahrbuch Film 84/85 entschieden fürs postmoderne Kino, für Filme wie Coppolas "Rumble Fish", Alan Rudolphs "Choose Me" oder Jacques Doillons "La Pirate" einsetzte.

Nach dem Start der journalistischen Laufbahn beim Düsseldorfer "Mittag", beim WDR und dann bei der FAZ, wurde ab 1966 der SWR in Baden-Baden zur beruflichen Heimat des 1930 im Rheinland geborenen promovierten Germanisten. Die Herausgabe – in Zusammenarbeit mit dem früheren Filmkritiker der Frankfurter Rundschau Wolfram Schütte - der 45 Bände der "Reihe Film" im Hanser Verlag gehörte zweifellos zu Jansens - und natürlich auch Schüttes - Großtaten. Fast ausnahmslos auf Regisseure fokussiert – Autorenfilmer, die mit ihren Werken die Filmgeschichte prägten – spiegeln sich in dieser in Deutschland immer noch einzigartigen Filmbuchreihe auch das Filmverständnis und die Vorlieben der Herausgeber wider.

Jansens Vermächtnis ist nun eine 50 CDs umfassende Reihe zur Filmgeschichte geworden, die auf Radiofeatures beruht, die ab 1995 anlässlich von "100 Jahre Kino" produziert wurden. Was man zunächst bei diesen Features wieder einmal spürt, ist wie sehr dieser Mann, der einen Nachruf auf Marlon Brando sinngemäß mit dem Satz einleitete "Der Mann war die Stimme und niemand kann Brandos Leistung beurteilen, der ihn nur in deutsch synchronisierten Fassungen gehört hat", - wie sehr nun dieser Mann beziehungsweise seine Essays und Features auch von seiner weichen, aber immer bestimmten Stimme lebten und weiter leben werden.

So sind diese 50 CDs - 45 davon sind bislang erschienen, die letzte Tranche soll im Februar 2009 folgen - allein schon durch Jansens Stimme ein Hörgenuss, verstärkt freilich durch - in der Regel drei - wechselnde Sprecher, Musikbeispiele aus den Filmen, Dialogmitschnitte und Statements von Beteiligten. 100 Filme, jeweils zwei auf einer CD werden vorgestellt, die einen Streifzug durch die Filmgeschichte von 1915 bis 1993 darstellen, von David W. Griffiths "Birth of a Nation" bis Krzysztof Kieslowskis "Drei Farben: Blau" und formal vom amerikanischen Genrekino bis zu den Minimalisten Yazujiro Ozu und Robert Bresson.

Klug ist schon die Anordnung der Filme, werden doch auf jeder CD in einem jeweils 30- minütigen Feature zwei in etwa im gleichen Jahr, aber nicht unbedingt im gleichen Land entstandene Film vorgestellt. So korrespondiert Godards "Außer Atem" mit Resnais´ "Letztes Jahr in Marienbad", Renoirs "Spielregel" mit Welles´ "Citizen Kane" oder Wenders´ "Paris,Texas" mit Jarmuschs "Down by Law". So genau und sorgfältig sich die Features dabei dem Inhalt der Filme nähern und ihn, dramaturgisch spannend aufgebaut, beschreiben, so sehr gehen sie freilich auch darüber hinaus, stellen die Meisterwerke in ihren filmhistorischen, produktionstechnischen und gesellschaftlichen Kontext.

Nicht einen Überblick über die komplette Filmgeschichte, aber einen zum Entdecken und Wiedersehen anregenden Eindruck von zentralen Werken der Siebten Kunst vermittelt diese Reihe so und macht durch den Vergleich von Original- und synchronisierten Dialogpassagen immer wieder eindringlich deutlich, dass jede Synchronisation Verstümmelung und Entstellung ist. Nicht zuletzt in diesem Plädoyer für Originalfassungen ist diese herausragende CD-Edition, das was Jansens Engagement immer war: Entschiedener Einsatz für den Film als Kulturgut.



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