Kurt Bracharz

18. Juni 2007 - 7:28

Weltweit haben Print-Medien Auflagenverluste, die man mit TV und Internet in Zusammenhang bringt. Subjektiv fiel mir auf, dass ich mit der Lektüre regionaler Zeitungen immer schneller fertig werde. Da ich ohnehin andere Informationsquellen bevorzuge, habe ich über dieses Phänomen nicht ausführlich nachgedacht, aber jetzt haben mir deutsche Untersuchungen eine Erklärung geliefert.

Viele Regionalzeitungen setzen auf den Ausbau der Lokalberichterstattung und erweitern ihren so genannten Serviceteil. Mehrere deutsche Lesertests mittels Reader-Scan zeigt, dass beides keineswegs die Mehrheit der Leserschaft, sondern bestenfalls einen Teil davon interessiert. Vor allem, wenn ein Blatt beim Lokalen zu sehr ins Detail geht, enthält es Special-Interest-Inhalte, die jeder, der nicht direkt betroffen ist, überblättert.

Weil ich sie gerade neben dem Computer liegen habe, nehme ich die "Vorarlberger Nachrichten" vom 16. Juni 2007 zur Hand. Die Schlagzeile lautet "50.000 Obstbäume krank" und das ist ja vielleicht für Vorarlberg wichtiger als die Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen, aber die gesamte Seite A8 überblättere ich, weil mich das Thema Feuerbrand nicht wirklich interessiert.

A9 ist Service dazu: eine ganze Seite voll Adressen von Feuerbrand-Beauftragten! Also eine Doppelseite über den Pilz! Seite A5 habe ich schon überblättert, weil ich (wie jeder andere, den das überhaupt interessiert) die Eröffnung des Lötschbergtunnels schon anderweitig recht ausführlich mitbekommen habe, ein Viertel von Seite A6 ist dem Thema "Ekel-Klo beim Zollamt" gewidmet, wobei es um eine vollgeschissene Toilette in Tisis geht. Das nenne ich Special Interest.

Über eine halbe Seite A7 "rote Zone in fast ganz Lech" könnte man ja noch reden, aber die andere Hälfte mit "Rauchen in Taxis jetzt verboten" samt Meinungen mehrerer Taxilenker interessiert mich so was von nicht – die Frauen und Freundinnen der Taxilenker sehen sicher gerne deren Fotos in der Zeitung, macht etwa fünf bis sechs Interessierte.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)