4. Februar 2019 - 4:51 / Walter Gasperi / Zoom

Vom Dokumentarfilm kam Ermanno Olmi und ein dokumentarischer Blick kennzeichnet auch seine Spielfilme, in denen es immer wieder um die Schwierigkeiten geht, die die Konfrontation der in einer traditionellen Welt aufgewachsenen Protagonisten mit einer modernen Welt mit sich bringt. Das Österreichische Filmmuseum widmet Olmi zusammen mit Federico Fellini eine Retrospektive.

Die filmischen Wurzeln sowohl von Federico Fellini als auch von Ermanno Olmi liegen zwar im Neorealismus, doch während Olmi, der rund zehn Jahre nach Fellini sein filmisches Schaffen begann, diesem genauen Blick auf den Alltag einfacher Leute treu blieb, wurde er bei Fellini spätestens ab den frühen 1960er Jahren von einer Lust an überbordender Fantastik abgelöst und seine Filme wurden "fellinesk".

Die Herkunft aus einer bäuerlich-katholischen Familie prägte den am 24. Juli 1931 in Bergamo geborenen Ermanno Olmi entscheidend. Mit der quasidokumentarischen, von den Erzählungen seiner Großmutter inspirierten Schilderung des bäuerlichen Alltags bergamaskischer Pächter am Ende des 19. Jahrhunderts in "L´albero degli zoccoli" ("Der Holzschuhbaum", 1978) gewann er in Cannes die Goldene Palme. Wie in den meisten anderen Filmen arbeitete Olmi, der oft auch sein eigener Kameramann und Schnittmeister war, dabei mit Laiendarstellern.

Wie die bäuerliche Herkunft prägte ihn auch der Katholizismus. Er drehte nicht nur mit "E venne un uomo" ("Es kam ein Mensch: Auf den Spuren von Johannes XXIII." einen Film über den aus seiner Heimatregion stammenden Papst Johannes XXIII., sondern setzte sich auch in "Cammina Cammina" ("Und sie folgten einem Stern", 1984), der von einem Dorfpriester erzählt, der sich nach Erscheinung eines Kometen auf die Suche nach dem neugeborenen Erlöser macht, und in "Genesi: La creazione e il Diluvio" ("Die Bibel: Genesis", 1993) mit explizit biblischen Themen auseinander.

Auf Pomp und Spektakel verzichtete er dabei, erzählte ruhig und langsam und versuchte die Aktualität der biblischen Geschichten herauszuarbeiten. Der genaue und dokumentarische Blick wiederum lässt sich mit seiner Herkunft vom Dokumentarfilm erklären. Als Autodidakt lernte er in den 1950er Jahren als junger Angestellter des Mailänder Elektrizitätswerks Edison-Volta das filmische Handwerk. Um die 40 Dokumentarfilme über die Arbeitswelt in der Firma, aber auch über den Niedergang der agrarischen Welt durch die Industrialisierung hatte er schon geschaffen, ehe er seinen ersten Spielfilm drehte.

Unaufgeregt, aber mit genauem Blick für Details und kleine Gesten schildert er in "Il tempo si è fermato" ("Als die Zeit stillstand", 1959) den Alltag und die Beziehung eines alternden Mannes und eines Studenten, die im winterlichen Hochgebirge allein die Baustelle eines Staudamms überwachen müssen.

Als sein Alter Ego sieht Olmi, der 1961 zusammen mit dem Drehbuchautor Tullio Kezich die unabhängige Produktionsfirma 22 dicembre gründete, den Protagonisten von "Il posto" ("Der Job", 1961), in dem ein junger Mann aus dem Mailänder Hinterland in die norditalienische Metropole kommt, um sich dort bei einem großen Konzern für eine Stelle zu bewerben. Der Moderne stand der Italiener kritisch gegenüber, oft wurde er für seine konservative Haltung kritisiert, aber immer sind seine Filme von einem tiefen Humanismus durchzogen.

Von der Arbeitswelt und den daraus resultierenden Belastungen erzählt er auch in "I fidanzati" ("Die Verlobten", 1962), in dem die schon in Routine erstarrte Beziehung eines Paares gefährdet wird durch die berufliche Versetzung des Mannes für eineinhalb Jahre von Mailand nach Sizilien. Nur übers Telefon können die Protagonisten miteinander hin und wieder kommunizieren, doch gerade die Trennung und die Konfrontation des Mannes mit einer ihm fremden Welt lässt ihn über ihre Beziehung nachdenken.

Während Olmi sonst meist mit Laiendarstellern arbeitete, setzte er in "E venne un uomo" den US-Schauspieler Rod Steiger quasi als Double des Papstes Johannes XXXIII. ein. Steiger verkörpert in dieser stilistisch eigenwilligen Mischung aus Archivmaterial und inszenierten Szenen, mit der Olmi den Weg von Papst Johannes XXIII. von der Kindheit im armen bergamaskischen Dorf bis zur Erhebung zum Kardinal nachzeichnet, aber nicht das Kirchenoberhaupt, sondern wahrt Distanz und spricht nur dessen Worte.

Mit einem Profischauspieler arbeitete Olmi auch in der Joseph Roth Verfilmung "La leggenda del santo bevitore" ("Die Legende vom heiligen Trinker", 1988), für den er zehn Jahre nach der Goldenen Palme von Cannes in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Der Niederländer Rutger Hauer spielt darin einen Clochard, der von einem Unbekannten 200 Francs erhält, die er am nächsten Tag in der Kirche der heiligen Teresa von Lisieux spenden soll.

Nicht unwesentlich hat Olmi, der 2008 in Venedig mit einem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, auch ab 1982 mit der von der RAI unterstützten Gründung einer Filmschule in Bassano di Grappa zur Förderung vieler junger Talente beigetragen. Seine eigenen Filme entstanden dagegen teilweise nur in großen, jahrelangen Abständen.

Wie eine Rückkehr zu seinem ersten Spielfilm "Il tempo si è fermato" wirkt in der Einfachheit und Abgeschlossenheit sein letzter, 2014 entstandener Film "Torneranno i prati". Wieder entführt Olmi in die winterliche Bergwelt, doch an die Stelle der Ruhe im ersten Film tritt hier der Schrecken der Alpenfront im November 1917. Die Handlung beschränkt sich auf eine Nacht, der Stollen oder Unterstand wird nie verlassen.

In fast auf Schwarzweiß reduzierten Bildern, in der nur die Gesichter und später das Artilleriefeuer kurz farbig aufleuchten evoziert der am 5. Mai 2018 verstorbene Regisseur mit äußerstem Realismus schonungslos das Grauen des Krieges und stellt ihm die Schönheit der verschneiten Natur gegenüber. Nur kurz leuchtet hier eine Lärche im Mondlicht golden auf, dann schlägt eine Granate ein und nichts bleibt zurück. – Bilder, die haften bleiben und eine intensive letzte Meditation über die Schönheit der Welt und des Lebens und deren Bedrohung durch die Moderne - in diesem Fall durch eine Kriegsmaschinerie.

Trailer zu "L´albero degli zoccoli - Der Holzschuhbaum"

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E venne un uomo (1965) (c) Österreichisches Filmmuseum
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