Sa, 28.10.2017 / Bernhard Sandbichler / EsoPsyMed
logo esopsymed

Alles hat eine Zukunft, auch Sex und Liebe. Emily Witt, New Yorker Journalistin, und Matthias Horx, profilierter deutscher Zukunftsforscher, haben sich auf futuristische Spurensuche gemacht.

  • Achse 1: Diagnose
    "Wie friedlich wäre doch das Leben ohne die Liebe, Adson, wie ruhig, wie sicher - und wie öde." Sean Connery sprach’s im Namen der Rose. Aber das Leben ist nicht ohne die Liebe zu haben, das war schon immer so, ist noch in Zeiten von #metoo so und wird auch in Zukunft so bleiben.
     
  • Achse 2: Prognose
    Nur: "Die Zukunft", so Witt, "war eine Kulturgeschichte, die verunsicherte und schwer auszumachen war." (Der letzte Satz in ihrem Buch)
     
  • Achse 3: Entwicklung
    Die Evolution, referiert Horx, hat ein ganzes Resonanzsystem der Liebe hervorgebracht: die Resonanz der Familie (Erkennen, Gehaltenwerden, Bindung), die Resonanz der Erotik (Begehren, Paarung, Vertrauen), die Resonanz der Gesellschaft (Anerkennung, Statusbildung, Kooperation).
     
  • Achse 4: Intelligenz
    "Futuristischer Sex", resümiert Witt, "war keine neue Art von historisch noch nie dagewesenem Sex, sondern einfach eine neue Art, darüber zu reden.".
     
  • Achse 5+6: Körper+PsycheWitt ist - liebespraktisch und -technisch gesehen - ein recht konventionell sozialisiertes Wesen. Erst allmählich versteht sie im beherzt geschilderten Selbstversuch, dass der Körper keine zweitrangige Angelegenheit ist: "Der Kopf kannte nur wenige Wahrheiten, die der Körper verschwieg. Beim Zusammentreffen zweier Körper blieb nichts Bedeutendes lange verborgen."
     
  • Achse 7: Alltag
    Auch Horx plaudert aus dem Nähkästchen des eigenen Lebens. Außerdem offeriert er, was Witt praktisch durchexerziert (Online-Dating, Orgasmische Meditation, Internetpronografie, Live-Webcam, Polyamorie), theoretisch aufgefächert und terminologisch imposant (Ghosting - Icing - Simmering - Fertile Fitting - Questioning - Friending usw.). Am Schluss stehen bei ihm drei Szenarien: Teledildonik (technisierte Liebe), Liquid Love (entromantisierte Liebe) und coevolutionäre Liebe, für die er die Metapher des Tanzpaares vorschlägt. Man selber aber mag am Ende vielleicht doch lieber an den alten Horaz denken: carpe diem!
     

Matthias Horx: Future Love. Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie. München: DVA 2017, 336 Seiten, EUR 20,60

Emily Witt: Future Sex. Wie wir heute lieben. Ein Selbstversuch. Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Berlin: Suhrkamp Nova 2017, 233 Seiten, EUR 15,40



33225-3322501.jpg
33225-3322502.jpg