21. Juli 2008 - 4:22 / Walter Gasperi / Zoom

Am 26. Juli wäre Stanley Kubrick 80 Jahre alt geworden. Nur 13 Filme hat der gebürtige New Yorker bis zu seinem Tod am 7. März 1999 geschaffen – beinahe jeder von ihnen freilich ein bahnbrechender Klassiker, keine Bestseller, aber Longseller und Filme, die immer singulär innerhalb des jeweiligen Genres stehen. - Das Kunsthaus Bregenz zeigt zwischen dem 3. und 10.8. fünf Filme des Meisterregisseurs als Open-Air-Vorstellungen.

Schon mit 14 Jahren verkaufte Stanley Kubrick ein Foto an die Zeitschrift "Look", mit 17 wurde er fix angestellt und mit 21 war er ein bekannter Fotograf. Nach zwei Kurzfilmen ("Day of the Fight", 1949; "Flying Padre", 1951) drehte er zwischen 1953 und 1956 drei lange Spielfilme, die mit dem Familienvermögen finanziert wurden. Und schon hier fanden sich nicht nur die zentralen Themen, die Kubricks gesamtes Werk prägen, sondern auch inszenatorische Meisterschaft, zumindest in einzelnen Szenen: Dem Kriegsfilm "Fear and Desire" (1953) folgten mit "Paths and Glory" (1957) und "Full Metal Jacket" (1986) weitere Kriegsfilme und um Krieg geht es auch in jedem anderen seiner Filme, sowie es immer wieder Einzelkämpfe gibt, wie sie sich in dem Boxerfilm "Killer´s Kiss" (1954) finden, dessen Boxszenen in ihrer physischen Präsenz und Direktheit unübersehbar Martin Scorseses "Raging Bull" (1980) beeinflussten. Gibt es freilich hier noch ein angedeutetes Happy-End, so wird sich das ab "The Killing" (1956) in keinem Kubrick-Film mehr finden.

So perfekt auch der Plan für den Überfall auf eine Pferderennbahn im Gangsterfilm "The Killing", der in vielem eine Variation von John Hustons "Asphalt Jungle" (1950) ist – scheitern wird er schließlich an menschlicher Gier und persönlichen Feindseligkeiten. Und immer wieder werden Pläne in den folgenden Filmen an Zufällen, aber auch an menschlichem Versagen scheitern. Die Welt muss in der Atomkriegssatire "Dr Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" (1963) zugrunde gehen, weil die Armee nicht mit dem Ausrasten eines Generals gerechnet hat, die Maschinerie aber so durchgeplant ist, dass ein Atombombenangriff, wenn er nur einmal in Gang gesetzt ist, nicht mehr gestoppt werden kann. - Und auf der sowjetischen Seite leitet das menschliche Versagen des US-Generals ganz unweigerlich wieder einen durch nichts zu stoppenden Gegenschlag aus. - Nicht nur hier wendet sich die perfekte Technik gegen den Menschen, sondern auch in "2001 - A Space Odyssey" (1966-68), wenn der Bordcomputer – das einzige "Wesen" im Werk Kubricks, das emotionale Regungen zeigt – abgeschaltet werden muss, weil er aufgrund der fehlerhaften Programmierung durch einen fehlerhaften Menschen Fehler macht und zur Bedrohung wird. - Nicht die Technik, sondern immer der Mensch, der dahinter steht, ist in den Filmen Kubricks der größte Feind des Menschen.

Eiskalt ist die Welt dieses messerscharfen und abgrundtief pessimistischen Satirikers. Kein warmes Licht und keine warmen Farben gibt es in Kubricks filmischem Universum und Angst ist ein zentraler Gesichtsausdruck seiner Figuren. In Untersichten werden sie zwar ins Gigantische und Dominante überhöht, lassen ihren Aggressionen freien Lauf und schlagen mit Knochen in "2001" oder mit Stöcken in "A Clockwork Orange" (1971) auf ihre Opfer ein, doch einer höheren Macht ausgesetzt, sei es einem ominösen höheren Wesen in "2001", sei es dem staatlichen Straf- und Besserungsvollzug in "A Clockwork Orange", wandelt sich dieser Blick in beiden Filmen in einen angstverzerrten. - Dieser Blick ist zentral im Werk Kubricks und in beinahe allen Filmen gibt es weit geöffnete frontal in die Kamera blickende Augen.

Verloren ist der Mensch in dieser Welt, nicht nur Colonel Dax, der in "Paths of Glory" eine Marionette der Generäle ist, oder Spartacus, der sich im gleichnamigen Film (1960) gegen die übermächtige römische Weltmacht erhebt, sondern auch "Barry Lyndon" (1975) im Europa des 18. Jahrhunderts oder die Marines im Vietnamfilm "Full Metal Jacket" (1987), die zunächst von ihrem Vorgesetzten gnadenlos geschliffen und dann in den Straßenschluchten des zerbombten Hue von einem Heckenschützen sukzessive dezimiert werden.

Mitfühlend ist freilich Stanley Kubricks Blick nie, sondern distanziert und eisig. Emotionaler Zugang zu den Filmen ist kaum möglich, die Inszenierung hält den Zuschauer auf Distanz. Ausnahme stellen hier wohl "A Clockwork Orange" und "The Shining" (1980) dar, in der der Zuschauer in die Perspektive des Protagonisten hineingezogen wird und durch Kamerafahrten und subjektive Perspektiven ein mitreißender suggestiver Erzählfluss erzeugt wird.

Der Zuschauer nimmt so selbst an den lustvollen Gewaltakten von Alex DeLarge in " A Clockwork Orange" und am Wahnsinn des von Jack Nicholson gespielten Jack Torrance in "Shining" teil. Gesteigert wird diese suggestive Kraft noch durch Musikmontagen, die bewusst in Kontrast zu den Bildern stehen. "I´m singin´ in the Rain" begleitet eine Vergewaltigungsszene, Beethovens Neunte Sinfonie andere Gewaltakte, Vera Lynn singt zum atomaren Holocaust in "Dr. Strangelove" "We´ll meet again, some sunny day, don´t know where, don´t know when" und, während am Ende von "Full Metal Jacket" der "Mickey-Mouse-Song" gesungen wird, resümiert der Protagonist: "I´m in a world full of shit – yes. But I´m alive and I´m not afraid."

Kein Glück und keine Gefühle gibt es im Werk dieses Monomanen und so folgt auf dieses immerhin ambivalente Statement am Ende von "Full Metal Jacket" beim Abspann mit "Paint It Black" von den Stones doch noch ein entschieden pessimistischer Kommentar und auch "Eyes Wide Shut" (1999) endet zwar mit der Versöhnung des Ehepaares, doch tiefere Gefühle scheint es kaum zu geben, sondern nur noch der Wunsch nach Sex. - Sein tiefes Mißtrauen gegenüber der Dauerhaftigkeit menschlicher Beziehungen und seine Ansicht, dass der Sexualtrieb die stärkste Triebfeder menschlichen Handelns ist und nur moralische Normen dessen Durchbrechen verhindern, wird wohl mit dem letzten Wort in diesem filmischen Vermächtnis deutlich. Auf Tom Cruises Frage an Nicole Kidman, was sie sich wünsche, antwortet sie: "Ficken."

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