7. Juni 2009 - 3:43 / Ausstellung / Archiv 
28. Februar 2009 14. Juni 2009

Die Landesgalerie Linz präsentiert im Rahmen von Linz 2009 Kulturhauptstadt Europas die europäische Künstlerpersönlichkeit Henri de Toulouse-Lautrec. Mit dieser zweifachen Betonung von Europa im Kontext eines konkreten Ausstellungsprojektes verknüpfen die Oberösterreichischen Landesmuseen mehrere Hinweise auf das Zustandekommen der Ausstellung und auf die Grundüberlegungen des kuratorischen Konzeptes.

Im Sinne des Ausstellungstitels fällt der "intime Blick" Henri de Toulouse-Lautrecs auf eine Bildwelt, der in ihrer formalen und ikonografischen Umsetzung einerseits eine Schlüsselfunktion für die Etablierung der modernen Kunst am Ende des 19. Jahrhunderts in Europa zukommt. In diesem zeitlichen Umfeld und im Kontext der Metropole Paris vermittelt der Künstler andererseits auch ein gesellschaftliches Bild, das sowohl den Glanz als auch die Hybridität der Belle Epoque zu erkennen gibt.

1901 im Alter von knapp 37 Jahren verstorben, repräsentiert Toulouse-Lautrec als Mensch und Künstler durch seine adelige Abstammung, seine gesundheitlichen und körperlichen Einschränkungen und seine Lebensführung selbst die Brüchigkeit einer Zeit, die seine Existenz und sein von akademischen Traditionen weitgehend gelöstes künstlerisches Werk bestimmte. In Toulouse-Lautrecs Œuvre treffen vom Pariser Nachtleben dynamisierte Bildkonzepte auf behutsame Beobachtung von Menschen und subtil erfasste Momentaufnahmen des gesellschaftlichen Lebens.

Eben dieser Spannung gilt das kuratorische Interesse der nunmehrigen Ausstellung. Sie verdeutlicht dabei vor allem den Aspekt der Authentizität eines Werks, das von Frankreich ausgehend international reüssierte und durch die konkrete Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte als ein besonders signifikanter Beitrag des europäischen Künstlers zur Weltkunst bezeichnet werden kann. Der räumliche Ablauf ist nach Themen gegliedert und widmet sich Aspekten wie dem frühen adeligen Landleben, Familie und Freunden sowie dem Leben in der Großstadt. Dort spielen dann Frauen und Vergnügungen eine zentrale Rolle, denen sich Toulouse Lautrec beispielsweise in dem herausragenden Mappenwerk "Elles" widmete. Selbstverständlich werden auch zahlreiche seiner Plakate gezeigt, mit denen er die Farb-Lithografie revolutionierte und die ihn so überaus populär machten.

Henri-Marie Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa kam am 24. November 1864 in Albi als Spross einer alteingesessenen französischen Adelsfamilie zur Welt. Seine Mutter, Adèle Tapié de Céleyran, war mit ihrem Cousin ersten Grades, Graf Alphonse de Toulouse-Lautrec, verheiratet. Henri wuchs in einer liebevollen Umgebung auf und verbrachte sein Leben auf den Schlössern Bosc in Rouergue, im Norden von Albi gelegen, und Céleyran nahe Narbonne. Lautrec litt an einer angeborenen Knochenkrankheit, die vermutlich auf die Blutsverwandtschaft seiner Eltern zurückzuführen ist und das Schicksal des jungen Mannes lenkte. Im Jahr 1878 brach er sich den linken Oberschenkel, als er im Wohnzimmer seines Geburtshauses von einem niedrigen Stuhl aufstand und ausrutschte, im Jahr darauf durch einen banalen Sturz das andere Bein. Bewegungsunfähig für mehrere Monate, verbrachte er seine Tage zunächst zeichnend, später malend und entwickelte eine Vorliebe für seine Umgebung, eine Gabe, die sich bereits in sehr jungen Jahren gezeigt hatte und zu seiner Berufung wurde.

Ab dem Jahre 1882 absolvierte Toulouse-Lautrec seine Ausbildung zunächst im akademischen Atelier von Léon Bonnat, dann in dem von Fernand Cormon am Montmartre. Konfrontiert mit all den künstlerischen Bewegungen, die er in Paris entdeckte, verpflichtete er sich der Moderne und wurde nicht nur zum Darsteller, sondern ebenso zum Zeugen der Bohème am Montmartre, der ihm seine Inspiration lieferte. Als Porträtmaler machte er die damaligen Berühmtheiten des Pariser Nachtlebens wie Aristide Bruant, Jane Avril, Yvette Guilbert und Loïe Fuller unsterblich und befasste sich mit der einfachen Alltagsrealität der Prostituierten in Bordellen. Das Theater, die Comédie-Française, das Vaudeville und die Avantgarde-Bühnen, für die er Programme und Dekor entwarf, trugen zu seiner unstillbaren Vorliebe für die Tragikkomödie des menschlichen Daseins bei. Er war in den verschiedensten Bereichen ein Neuerer und revolutionierte die Illustration und die angewandten Künste.

Die 31 Plakate, die er zwischen 1891 und 1900 entwarf, beeindrucken durch ihre Kraft und ihre meisterhafte Simplifizierung des Bildes und machen aus ihm einen Vorreiter der Plakatkunst des 20. Jahrhunderts. Seine lithografische Produktion umfasst 361 Druckplatten, die den virtuosen Charakter seiner Kunst, ausdrucksvoll und elegant, klar hervorheben. Henri de Toulouse-Lautrec führte sein Leben im Rhythmus seiner künstlerischen Produktion. Sein versessenes Arbeiten, aber auch die Genüsse und der Alkoholmissbrauch verschlechterten nach und nach seinen Gesundheitszustand. Er starb am 9. September 1901 auf Malromé in Gironde, dem Landgut seiner Mutter.


Katalog zur Ausstellung: "Toulouse-Lautrec. Der intime Blick" erscheint im Verlag Hatje Cantz: Hrsg. Landesgalerie Linz am Oberösterreichischen Landesmuseum, mit Texten von Peter Assmann, Danièle Devynck, Johannes Ramharter, Anne Röver-Kann, Alain Tapié und einem Vorwort von Peter Assmann und Martin Hochleitner. Deutsch, 160 Seiten mit 90 Abbildungen in Farbe, 23 x 30 cm. Buchhandelsausgabe (Gebunden mit Schutzumschlag): Euro 36,- (D) / Euro 37,- (A) ISBN 978-3-7757-2346-6; Museumsausgabe (Pappband): Euro 27,- ISBN 978-3-85474-200-5

Der intime Blick
28. Februar bis 14. Juni 2009

Landesgalerie Linz
Museumstraße 14
A - 4010 Linz

T: 0043 (0)732 774482–28
F: 0043 (0)732 774482–66
E: galerie@landesmuseum.at
W: http://www.landesgalerie.at/

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La clownesse assise (Mademoiselle Cha-U-Ka-O), aus der Serie 'Elles', 1896. Lithografie, 52,7 x 40,5 cm; © Van Gogh Museum Amsterdam
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La troupe de Mademoiselle Églantine, 1896. Lithografie, 61,7 x 80, 4 cm; © Kunsthalle Bremen ? Der Kunstverein in Bremen; Foto: Lars Lohrisch
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Das Ballett Papa Chrysanthème, 1892. Ballet de Papa Chrysanthème; Öl auf Karton, 65 x 58,3 cm; © Musée Toulouse-Lautrec, Albi
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Mademoiselle Polaire, 1895. Öl auf Karton, 56 x 41 cm; © Musée Toulouse-Lautrec, Albi
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Le jockey, 1899. Lithografie, 51,8 x 37,8 cm; © Fondation Bemberg, Toulouse