Mi, 27.02.2019 / Rosemarie Schmitt / Musikuß
thumb

Seit Mitte November 2018 habe ich diese Aufnahme. Statt darüber zu schreiben, versinke ich in diesem Werk bei jedem Mal, wo ich es mir ansehe. Es ist nicht nur des Werkes wegen. Ich sah oder las den Faust nicht das erste Mal. Es ist die „Schuld“ des Faust, in eben dieser Aufnahme mit Bruno Ganz. Aus dieser Versunkenheit, in die mich Ganz gleiten lässt, ist es mir (bis jetzt) nicht gelungen, meinen Eindruck in Worte zu fassen (was numal meine Aufgabe ist).

Mephisto: „Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen. Hättest du dir nicht das Lachen abgewöhnt“

Herr (dessen Knecht Faust ist): „Es irrt der Mensch, solang er strebt.“

Faust: „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“

Dr. Faust erkennt, dass, je mehr er lernt, je mehr er weiss, desto weniger weiss und versteht (begreift) er.

Vielen Menschen (vorausgesetzt sie verstehen sich auf’s Denken) ergeht es ebenso. Sie flüchten. Flüchten sich in Religionen oder Magie.

„Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß zu sagen brauche, was ich nicht weiß! (…) dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält (…)“

Weshalb die bekanntesten Zitate aus Goethes Faust ganz zu Anfang dieses Werkes stehen? Ich vermute, weil die meisten „es“ eben nicht darüber hinaus schaffen den Faust zu lesen, zu hören oder zu sehen.

Auch ich brauchte mehrere Anläufe. Hätte ich diese Aufnahme von Bruno Ganz bei meinem ersten Anlauf gehabt, ich hätte mich nicht lösen können von Goethes größtem Werk. Einzig, woran es hätte mangeln können, wäre Zeit gewesen. 851 Minuten zu hören, zu sehen und um ein Vielfaches länger das Gehörte annähernd wirken zu lassen und zu begreifen.

Was mich wach rüttelte, schockierte und unendlich traurig machte, war die Nachricht des Todes von Bruno Ganz am 16. Februar. Noch keine drei Wochen sind seither vergangen, doch als Tatsächlichkeit vermag ich diesen Verlust noch nicht zu sehen. Bruno Ganz gehört für mich zu jenen Menschen „die doch nicht sterben können!“ Immer wieder stolpere ich über den, wie ich empfinde, unpassenden Begriff „verstorben“! Es klingt wie ein Irrtum, als habe sich jemand vertan. Einzig bei der Nachricht vom Tod des Bruno Ganz erscheint es mir richtig zu sagen: „Am 16. Februar 2019 verstarb Bruno Ganz.“ Es muss sich um einen Irrtum, um ein Versehen handeln!

Am 09. November 2018 veröffentlichte das Label belvedere mit seiner Naxos-Theater-Edition jene Aufnahme, von der ich oben schrieb: Faust / J. W. von Goethe / mit Bruno Ganz Christian Nickel Johann Adam Oest Robert Hunger-Bühler Christine Oesterlein Dorothee Hartinger Corinna Kirchhoff Elke Petri Peter Stein / Theater Edition / 871 Min. / THE10101 4 DVD (1D)

Es war ein Projekt der Superlative: 10 Jahre dauerten die Vorarbeiten, ein eigenes, 33 Mitglieder zählendes Theaterensemble wurde gegründet, das bei der Uraufführung auf der EXPO 2000 die Gesamtinszenierung von Goethes Lebenswerk Faust in einer Aufführungsdauer von 21 Stunden auf die Bühne brachte. Dieses allumfassende Werk war zuvor noch nie in seiner vollständigen Text-Gestalt in zeitlicher und örtlicher Einheit gezeigt worden! Für Regisseur Peter Stein verwirklichte sich damit ein Lebenstraum. Erzählt wird mit liebevoller, wie insistierender Genauigkeit die Geschichte eines Menschen, der die Grenzen seines Wissens und seiner Talente erreichen will – und darüber hinaus strebt. Mit dem kongenialen Bruno Ganz als Titelhelden begeisterte das Ensemble das Unspielbare in einem wahrhaft einzigartigen Bühnenmarathon: Ein Fest der Sprache! Auf DVD liegt nun eine filmisch-szenische Fassung der herausragenden Inszenierung von Peter Stein vor. Als EXTRA dokumentiert der 90-minütige Film Faust-Probezeit das Entstehen dieses gewaltigen Projektes von Beginn der ersten Castings an bis zur umjubelten Premiere.

Bruno Ganz spielt nicht den Faust. Er ist es! Er schlüpft in jeder seiner Rollen mit ganzer Seele und er ist, was er „spielt“. Nie habe ich ihn anders erlebt. Wobei spielen die unpassendste aller Beschreibungen ist, obschon in der Schauspielerei üblich. Doch Bruno Ganz ist kein üblicher Schauspieler. Er ist mehr! Er ist! Er ist, wen und was er darstellt.

Als Johann Wolfgang von Goethe 22 Jahre jung war, begann er das „Projekt“ Faust. Er arbeitete 60 Jahre daran bis zum Jahre 1831. Im darauf folgenden Jahr starb er.
Der Worte sind genug gewechselt, Ihr solltet Faust mit Ganz nun sehn!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)



  •  Mo, 25.02.2019 Mo, 25.02.2019 /